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„Care Matters“ in der Albertina: Unsichtbares sichtbar machen

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©Katharina Schiffl

Vom 12. März bis 28. Juni 2026 zeigt die Albertina in der Tietze Galerie die Ausstellung „Care Matters. Eine Ausstellung der Sammlung Verbund“. Die von Gabriele Schor kuratierte Schau versammelt rund 50 Werke von 33 österreichischen und internationalen Positionen und widmet sich einem gesellschaftspolitisch hochaktuellen Thema: der Sichtbarkeit und Wertschätzung von Care- und Sorgearbeit.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von der feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre bis zu zeitgenössischen künstlerischen Positionen. Zahlreiche Arbeiten wurden erst kürzlich von der Sammlung Verbund erworben und sind erstmals in Österreich zu sehen. Ziel der Schau ist es, jene Tätigkeiten sichtbar zu machen, die das gesellschaftliche Zusammenleben tragen, jedoch häufig unsichtbar bleiben – und überwiegend von Frauen verrichtet werden.

Kunst über Fürsorge, Pflege und gesellschaftliche Verantwortung

Fürsorge, Pflege und Sorgearbeit bilden das Fundament sozialer Gemeinschaften. Dennoch bleibt ihre gesellschaftliche und ökonomische Anerkennung oft gering. Die Ausstellung stellt deshalb grundlegende Fragen: Warum wird Care-Arbeit weiterhin überwiegend von Frauen geleistet? Und weshalb erfährt sie trotz ihrer zentralen Bedeutung so wenig Wertschätzung?

Bereits der französische Schriftsteller Albert Camus beschrieb 1942 – in Bezug auf Gedanken des Philosophen Martin Heidegger – die „einfache Sorge“ als Ursprung allen Handelns. Dieser doppelte Bedeutungsrahmen von „sorgen“ – emotionales Sich-Sorgen und praktische Fürsorge – bildet auch den theoretischen Hintergrund der Ausstellung.

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Nicole Wermers, Reclining Female #6, 2024

 © © Nicole Wermers / Bildrecht, Wien 2026 / SAMMLUNG VERBUND, Wien / Courtesy Produzentengalerie, Hamburg

Von der Küche als Symbolraum bis zu globalen Perspektiven

Der Rundgang beginnt mit einem Raum, der sich der Küche als traditionell weiblich konnotiertem Ort widmet. Künstlerinnen wie Birgit Jürgenssen, Martha Rosler, Margaret Raspé und Karin Mack thematisieren die Rolle der Hausfrau im Spannungsfeld von Macht, Gender und Ökonomie. Während frühe feministische Werke den weiblichen Körper selbst zum Symbol häuslicher Ordnung machen, greifen jüngere Positionen die Küche über Objekte und Installationen auf – etwa bei Sophie Gogl, Lena Henke oder Nicole Wermers.

Internationale Perspektiven eröffnen Arbeiten von Künstlerinnen wie Sandra Eleta, Natalia Iguíñiz Boggio, Letícia Parente, Mary Sibande und Lorna Simpson. Sie beleuchten die globale Dimension reproduktiver Arbeit und zeigen, wie Care-Tätigkeiten häufig an Schwarze Frauen, People of Colour oder indigene Frauen ausgelagert werden – oft unter Bedingungen struktureller Ungleichheit, die auf koloniale und rassistische Machtstrukturen zurückgehen. Mehrere dieser Werke werden erstmals in Österreich präsentiert.

Elternschaft, Mental Load und künstlerische Karriere

Ein weiterer Ausstellungsraum widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Elternschaft und künstlerischer Praxis. Arbeiten von Renate Bertlmann, Annegret Soltau, Hannah Cooke und Hansel Sato thematisieren die Herausforderung, Familie und künstlerische Karriere zu vereinbaren. Fragen nach Mental Load, Equal Care und gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter und Väter stehen dabei im Mittelpunkt.

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Kirsten Justesen, Lunch, 1975/2018

 © © Kirsten Justesen / Bildrecht, Wien 2026 / SAMMLUNG VERBUND, Wien / Courtesy Studio Kirsten Justesen, Kopenhagen

Pflege im Alter und neue Formen von Gemeinschaft

Angesichts einer alternden Bevölkerung rückt auch die Pflege älterer Menschen stärker in den Fokus. Der japanische Fotograf Akihito Yoshida zeigt berührende Fotografien über generationsübergreifende Solidarität in der Altenpflege. Die norwegische Künstlerin Frida Orupabo untersucht in großformatigen Collagen Formen von Gemeinschaft, Verletzlichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit.

Zum Abschluss der Ausstellung greifen Werke von Kirsten Justesen, dem See Red Women’s Workshop, Marlene Haring, Małgorzata Markiewicz, Anna Schölß und Christine Lederer das Thema mit Ironie und Widerstand auf. Ihre Arbeiten artikulieren Frust und Kritik über die zunehmende Belastung durch Sorgearbeit.

Feministische Kunst als gesellschaftspolitisches Statement

Die VERBUND AG gründete die Sammlung Verbund im Jahr 2004. Heute umfasst sie mehr als tausend Werke von rund zweihundert Künstler:innen und zählt zu den bedeutendsten Sammlungen feministischer Kunst in Europa.

VERBUND-CEO Michael Strugl betont die gesellschaftliche Dimension des Projekts: Die Ausstellung beleuchte ein zentrales sozialpolitisches Thema und knüpfe an das langjährige Engagement des Unternehmens für feministische Kunst sowie soziale Initiativen an – etwa in Kooperation mit der Caritas und der Diakonie.

Mit „Care Matters“ zeigt die Albertina eine Ausstellung, die Kunst und gesellschaftliche Debatte miteinander verbindet: Sie macht sichtbar, wie sehr moderne Gesellschaften auf Care-Arbeit angewiesen sind – und wie überfällig deren Anerkennung ist.

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