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Polarisierung der Gesellschaft: Was uns trennt und was uns eint

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©Matt Observe

Es klingt paradox: Mehr gute Freunde für jeden Einzelnen spalten die Gesellschaft. Warum das so ist, erklärt Komplexitätsforscher Stefan Thurner. Eine Studie des Complexity Science Hub zeigt: Zwischen Polarisierung und Aufkommen der sozialen Medien besteht ein zeitlicher Zusammenhang.

Mehr Freunde, mehr Feinde

Dass die Polarisierung der Gesellschaft drastisch angestiegen ist, das spüren nahezu alle. Dass das mit den sozialen Medien zusammenhängt, vermuten auch sehr viele Menschen. Forscher des Complexity Science Hub (CSH) in Wien haben nun in einer Studie jedenfalls einen zeitlichen Zusammenhang zwischen Spaltung der Gesellschaft und dem Aufkommen von sozialen Medien und Smartphones festgestellt.

Die Polarisierung ist messbar und ihr Anstieg erfolgte sprunghaft in den Jahren 2008 bis 2010, erklärt Stefan Thurner vom CSH. Zu sehen ist das in insgesamt 27.000 Umfragen des Pew Research Center, die in den USA in regelmäßigen Abständen durchgeführt wurden. Sie zeigen, dass politische Einstellungen einseitiger geworden sind und sich die Menschen stärker einem politischen Lager zuordnen.

Plötzlich mehr Freunde

2007 präsentierte Apple sein erstes iPhone. Facebook wurde 2004 gegründet und durchbrach 2008 die 100-Millionen-Marke an Nutzern. Man kann hier mit Hunderten Menschen gleichzeitig „befreundet“ sein. Thurner und seine Kollegen haben anhand von insgesamt 30 Studien mit insgesamt 57.000 Befragten, die in den USA und Europa über viele Jahre durchgeführt wurden, untersucht, wie sich die Zahl der Freunde im realen Leben verändert hat. Jahrzehntelang ­gaben Menschen in Befragungen an, ein bis zwei sehr gute Freunde zu haben. Nach 2008 stieg die Zahl der Freunde plötzlich auf rund vier gute Freunde an. Warum genau das passiert ist, ist unklar. Klar ist aber: Es hat die Gesellschaft verändert.

Die Komplexitätsforscher haben die Gesellschaft in einem mathematischen Modell mit Avataren nachgebaut. Jedes Individuum hat eine Grundausstattung an Meinungen: für oder gegen Trump, für oder gegen Kohlekraftwerke, für oder gegen Frauenrechte etc. In der virtuellen Gesellschaft passiert das Gleiche wie im „echten“ Leben. Man trifft einander, tauscht Meinungen aus, wenn diese zusammenpassen, mag man einander, freundet sich an. Gibt es ständig Meinungsverschiedenheiten wendet man sich voneinander ab. Menschen (wie auch die Avatare) tendieren dazu, sich mit Gleichgesinnten anzufreunden, Soziologen sprechen von Homophilie. Und sie suchen soziale Balance. In einer Dreiergruppe stehen entweder alle Beteiligten in einem positiven Verhältnis zueinander, oder zwei lehnen eine Person ab. Andere Konstellationen findet man kaum.

Weniger Toleranz

Im Modell der Forscher konnte man nachvollziehen, was passiert, wenn sich die Zahl der Freundschaften verdoppelt. Hat man nur ein oder zwei richtig gute Freunde, akzeptiert man eher, wenn diese eine andere Meinung haben. Man hat ja niemand anderen. Hat man auf einmal vier Freunde, gibt man einem, mit dem man ständig Divergenzen hat, eher den Laufpass. Man ist nämlich auf den Einzelnen nicht mehr so angewiesen.

Die Grenze zwischen Polarisierung und Nicht-Polarisierung liegt bei etwa 3,5 Freunden. Die Erklärung dafür kommt aus der Physik, aus der Theorie der Phasenübergänge, sagt Thurner. Wasser wird bei einer bestimmten Temperatur zu Eis. Es besteht war immer noch aus den gleichen Molekülen, aber ihr Zustand wechselt von flüssig zu fest, von durchsichtig zu milchig etc. „Würde man in einer Gesellschaft alle positiven Beziehungen mit grünen Linien verbinden, alle Feindschaften mit roten, hat man bei ein bis zwei Freundschaften ein durchgehendes grünes Netzwerk. Man kann auf diesem jede andere Person erreichen“, sagt Thurner. Verdoppelt man im Modell die Zahl der Freundschaften jedes Einzelnen, sehe man plötzlich stark abgegrenzte grüne Inseln, die durch rote Korridore getrennt sind. Die „Bubbles“, in denen wir uns heute so oft wiederfinden, und die einander ablehnen.

Wenn es diese Brücken nicht mehr gibt, dann ist die Demokratie am Ende.

Stefan Thurner

Schwerfällige Gesellschaft

Während man allerdings bei gefrorenem Wasser nur die Temperatur erhöhen muss, um es in seinen früheren Zustand zurückzuversetzen, ist das im Fall der menschlichen Gesellschaft viel schwieriger. Thurner vergleicht das mit einem Magnet. Einfach gesagt: Legt man ein Eisenstück in ein Magnetfeld richten sich seine Atome nach dessen Polen und es wird magnetisch. Wollte man die Ausrichtung dieses Magneten umdrehen, müsste man sehr viel Energie aufwenden.

„Allerdings ist es unrealistisch zu sagen, jeder hat jetzt nur noch ein oder zwei Freunde oder wir nehmen euch die Smartphones weg“, meint Thurner. Könnte man eine polarisierte Gesellschaft überhaupt „umdrehen“? Im Modell funktioniere das, indem man Brücken zwischen den Bubbles baue. „Im Dorf gab es immer schon Bubbles: die Blasmusik, den Chor, die Briefmarkensammler, den Fußballklub – und oft waren die verfeindet. Allerdings war der Pfarrer in jedem Verein. Und wenn die angefangen haben, übereinander herzuziehen, hat der gesagt: So geht das nicht. Die sind gar nicht so.“ Der Pfarrer war das Bindeglied zwischen den Bubbles von früher. Heute gebe es solche Brückenbauer kaum. „Im digitalen Netz erntest du einen Shitstorm und fliegst aus beiden verfeindeten Gruppen raus.“

Geschäftsmodell negative Emotionen

Das Geschäftsmodell der sozialen Medien ist darauf ausgerichtet, negative Emotionen zu schüren. Sie bringen Verweildauer und Klicks. Zu erwarten, dass Mark Zuckerberg oder Elon Musk gesellschaftliche Verantwortung verspüren, Facebook oder X anders zu programmieren, wäre naiv.

Was zumindest im Modell der Avatare funktioniert, ist gezieltes Depolarisieren durch kleine Gruppen, die unabhängige Meinungen haben, in kein Schema passen und untereinander befreundet sind, erklärt Thurner. Diese könnten die Rolle der Brückenbauer übernehmen. Klingt unrealistisch, „ist aber noch realistischer, als anzunehmen, Musk und Zuckerberg würden ein freundliches, aber wahrscheinlich langweiligeres Produkt machen“. Derzeit läuft es in den sozialen Medien ja eher umgekehrt: Zwei Prozent radikale Influencer reichen aus, um die rest­lichen 98 Prozent noch gründlicher auseinanderzudividieren.

Die Bedeutung der Demokratie

Der Phasenübergang der Gesellschaft hin zur Polarisierung sei bereits passiert, so Thurner. Was das für die Demokratie heißt? „Für die Demokratie wäre wichtig, dass es Brücken zwischen den diversen Blasen in der Gesellschaft gibt. Wenn es diese Brücken nicht mehr gibt, dann ist die Demokratie am Ende. Denn was heißt Demokratie? Gemeinschaftliche Konsensfindung. Damit man Konsens finden kann, muss man miteinander reden. Wenn Leute oder Bubbles nicht mehr miteinander reden oder einander nur hassen, ist das nicht mehr möglich.“

Doch es gibt Orte, an denen man noch gegensteuern könnte: Kindergärten und Schulen. Thurner: „Wenn man irgendetwas in der Schule lernt, dann, dass man nicht alles kriegt, dass man Dinge aushandeln muss, dass man miteinander reden muss, dass man keine Gewalt einsetzen darf, dass es verschiedene Meinungen gibt. – Und dass man es auch dann miteinander lustig haben kann, wenn man nicht einer Meinung ist.“

Schade nur, dass – neben vielen anderen Dingen, die man in der Schule lernt – auch dieses Wissen immer öfter verloren geht.

© Matt Observe

Steckbrief

Stefan Thurner

Der Tiroler hat Physik und Wirtschaftswissenschaften studiert. Seit 2009 ist er Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien. 2015 war er Mitbegründer des Complexity Science Hub, das er seither auch leitet

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 1+2/2026 erschienen.

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