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Gustave Courbet: Freiheit, Gleichheit, Kunst

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So sieht sich der Künstler: Selbstporträt des 26-Jährigen „Der Mann mit dem Ledergürtel“ (1845/46)

©Leopold Museum/GrandPalais/ Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole/Frédéric Jaulmes/ Museo Nacional Thyssen-Bornemisza

Künstler wie Paul Cézanne, Pablo Picasso und Georg Baselitz verehrten den französischen Maler Gustave Courbet (1819-1877). Das Leopold Museum widmet ihm die erste Einzelausstellung in Österreich und zeigt, wer der Mann wirklich war, der den „Ursprung der Welt“ (die bekannteste Vagina) geschaffen hat.

Wenn vom französischen Maler Gustave Courbet die Rede ist, dauert es meist nicht lang, bis der Titel seines bekanntesten Gemäldes genannt wird. Die Rede ist von „L’Origine du Monde“ („Der Ursprung der Welt“*). Auf Instagram und anderen Kommunikationsplattformen wird man das 1866 entstandene Ölbild vergeblich suchen, denn es zeigt einen entblößten weiblichen Torso mit detaillierter Darstellung des Genitals.

„Der Ursprung der Welt“ ...

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„Der Ursprung der Welt“ ...

So sieht sich der Künstler: Selbstporträt des 26-Jährigen „Der Mann mit dem Ledergürtel“ (1845/46)

Das Leopold Museum widmet dem französischen Maler nun eine umfassende Ausstellung. Und beim Gang durch die Räuml ichkeiten mit Museums­direktor Hans-Peter Wipplinger wird die Bedeutung des Künstlers für die Malerei bis zur Moderne erkennbar. Keineswegs ist sie jedoch auf diesem Akt-Torso begründet, der bis in die 1990er-Jahre nicht öffentlich gezeigt wurde. Zudem ist die Akt-Malerei nur ein geringer Teil seines Schaffens.

„Courbet war nicht nur eine herausragende Persönlichkeit, was seine Kunst betrifft, sondern auch im kulturgeschichtlichen Kontext hinsichtlich des Autonomiestatus des Künstlers von Bedeutung. Auch hat er in Bezug auf seine experimentelle Maltechnik viel verändert“, macht sich Wipplinger an die Einordnung. „Er war für die Impressionisten und für viele Künstler der Moderne enorm wichtig. Cézanne nannte ihn seinen Meister.“ „Er liebte es zu provozieren. Er hat gegen staatliche, religiöse, aristokratische Strukturen aufbegehrt. Die großen Schlagworte ,Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ prägten sein Denken und seine Persönlichkeit.“

Wer war Gustave Courbet?

Cézanne sagte, er wolle so malen können wie der Kollege, der von sich behauptete, der stolzeste und arroganteste Mann Frankreichs zu sein? In mehr als 50 Bildern porträtierte er sich selbst, auch als anmutigen Jugendlichen mit weiblichen Zügen. Er soll gar auf einem Ball in Paris in Frauenkleidern und mit hochgestecktem Haar bewundert worden sein.

Courbet stellte auf seinen Porträts stets sein Innerstes dar. An seinem Gemälde „Le Fou de peur“ („Der vor Angst Wahnsinnige“) arbeitete er fast drei Jahre. Einmal porträtierte er sich auch als Pfeife.

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Die Furcht vor dem Abgrund: „Le Fou de peur“ („Der vor Angst Wahnsinnige“)

Am 10. Juni 1819 im kleinen Ort Ornans in der Region Franche-Comté im Osten Frankreichs als Sohn einer katholischen Mutter und eines Großgrundbesitzers geboren, beginnt er seine künstlerische Ausbildung im örtlichen Knabenseminar. Anders als zu dieser Zeit üblich tätigen die Schüler ihre ersten Malversuche in der freien Natur.

Erst als 20-Jähriger zieht Courbet nach Paris, um dort Jus zu studieren. Er inskribiert am Juridicum, widmet sich aber ganz der Kunst und nimmt privaten Unterricht. Als Lehrer erkennt er jedoch ausschließlich die alten Meister an, die er im Louvre leidenschaftlich studiert.

„Viele hielten ihn für einen Bauern. Aber das ist falsch. Er hat keine musischen Fächer studiert, aber über Musik, Philosophie und Literatur bestens Bescheid gewusst“, erklärt Wipplinger. Auch Goethe, Lord Byron und andere habe er gelesen.

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„Der Bachlauf der Brême“ (1866)

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In den 1870er-Jahren litt Courbet unter den Repressalien der französischen Regierung. Das manifestiert sich in Gemälden wie „Drei Forellen aus der Loue“ aus dem Jahr (1873), als er ins Schweizer Exil floh

 © Leopold Museum/GrandPalais/ Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole/Frédéric Jaulmes/ Museo Nacional Thyssen-Bornemisza

Sein autonomes Studium ohne offiziellen Abschluss macht es ihm nicht leicht, seine Arbeiten im Salon, der offiziellen Kunstausstellung, zu präsentieren. Wer aber dort nicht präsent ist, existiert als Künstler nicht. Erst 1848 kann Courbet alle zehn Gemälde, die er einreicht, ausstellen. Die Regierung kauft das Gemälde „Nach dem Abendessen in Ornans“ an.

Eingeschlagen wie eine Kanonenkugel

In den folgenden Jahren schafft Courbet seine bedeutendsten Arbeiten. „Les Casseurs de pierres“ („Die Steinklopfer“) und „Un enterrement à Ornans“ („Das Begräbnis in Ornans“). Letzteres ein gigantisches Großformat, auf dem er die Bewohner von Ornans porträtiert. Das Revolutionäre an dem Bild ist die Aufhebung von Klassenunterschieden. Der Kritiker François Sabatier-Ungher dokumentiert das so: „Courbet ist in die gegenwärtige französische Kunstszene eingeschlagen wie eine Kanonenkugel in eine Mauer.“

Und Courbet selbst: „Ich bin nicht nur Sozialist, sondern auch Demokrat und Republikaner, mit einem Wort, ein Parteigänger der Revolution und vor allem ein Realist, das heißt, der aufrichtige Freund der wahren Wahrheit.“

Als er für die Weltausstellung im Auftrag der Regierung ein Gemälde schaffen soll, lehnt er die Überprüfung durch eine staatlichen Kommission ab und lässt seinen eigenen Pavillon vor dem Komplex der Weltausstellung errichten.

„Das ist die Geburt des Künstlers als selbst organisierter Ausstellungsmacher“, sagt Wipplinger. Auch den Orden der Ehrenlegion lehnt Courbet ab, was ihm die Feindschaft der Royalisten und das Ansehen der Republikaner bringt.

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„Das Treffen oder Bonjour“, Monsieur Courbet (1868): Der Künstler trifft seinen Sammler Alfred Bruyas mit Diener und Hund

Als im Sommer 1870 Frankreich im Krieg Preußen unterliegt, wird in Paris die Dritte Republik ausgerufen. Courbet wird Präsident der Kunstkommission. Eine seiner Hauptaufgaben ist der Schutz des Louvres. Auf der Place Vendome beseitigen im März 1871 die Pariser Kommunarden die Napoleon III verherrlichende Säule. Wenige Monate später ist die Pariser Kommune Geschichte. Die Royalisten sind wieder an der Macht. Jetzt üben sie Rache am Künstler, der ihren Orden zurückgewiesen hat.

Der Künstler als toter Fisch

Courbet wird für die Beseitigung der Säule verantwortlich gemacht und verhaftet. Der passionierte Schwimmer findet das passende Sujet für seinen Zustand. Er malt Forellen, die an der Angel zu Tode gekommen sind – offenbare Selbstporträts.

Er wird aus dem Gefängnis entlassen, ist aber als Staatskünstler erledigt. An der Weltausstellung in Wien 1873 darf er staatlicherseits nicht teilnehmen. Seine Versuche, im Wiener Kunstverein groß herauszukommen, scheitern an der reaktionären Regierung. Wipplinger:„Ich habe aus dieser Zeit 20 Zeitungsartikel gefunden, in denen kaum über seine Kunst geschrieben wird, sondern nur über die Person. Man nannte ihn einen brutalen Anarchisten und Anführer einer Sozialistenbande, einen alten Kommunisten.“

In Paris wird 1873 der Prozess um die Säulen auf der Place Vendôme erneut aufgenommen. Courbet soll die Neuaufstellung bezahlen. Die dafür veranschlagten 323.091,68 Francs übersteigen sein Budget, er flieht in die Schweiz. Mithilfe eines Galeristen kann er seine Werke aus seinem Atelier vor der Beschlagnahmung retten. Am 31. Dezember stirbt der große Freie an Wassersucht und Leberzirrhose. Am nächsten Tag wäre die erste Rate fällig geworden.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.

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