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Die Premiere von Mozarts „La Clemenza di Tito“ an der Wiener Staatsoper

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©Marcella Ruiz Cruz

Regisseur Jan Lauwers langweilt mit Tanz- und Rampentheater.

Anlässlich der Krönung von Leopold II. zum König von Böhmen vertonte Mozart Metastasios Stück „La clemenza di Tito“ zur gleichnamigen Oper und brachte diese 1791 in Prag zur Uraufführung. Das Werk drückt die Sehnsucht nach einem milden Herrscher aus und basiert auf der Geschichte des realen römischen Kaisers Titus Flavius Vespasianus (39 – 81 nach Christus). Der kümmerte sich um sein Volk, sorgte für die Opfer, als der Vesuv ausbrach. Den Verschwörern, die ihn vom Thron stürzen wollten, vergab er. Regisseur Jan Lauwers verlegt die Geschichte auf einen schräg angehobenen Parkettboden. Ob man diesen als Tanzboden oder als Belag für einen Turnsaal sehen will, kann jeder für sich entscheiden. Denn geturnt wird in der Inszenierung sehr viel, bereits bei der Ouvertüre. Eine Truppe von ungestümen Gestalten wirbelt eine Tänzerin von einem zum anderen. Wer die Vorgeschichte kennt, erahnt, dass diese Berenice (Nikola Majtanova), die Geliebte des Kaisers ist. Da das Volk aber keine Ausländerin am Thron akzeptiert, trennt er sich von ihr. Vitellia, Tochter jenes Kaisers, den Titus gestürzt hat, will auf den Thron. Sie stiftet Sesto, einen engen Verbündeten von  Kaisers an, diesen zu ermorden. Sesto tut, was sie verlangt, denn seine Liebe zu ihr geht ihm über alles. Der Kaiser überlebt den Anschlag. Wie in der Realhistorie vergibt er seinen Gegnern.

Wie sich dieser Stoff aufregend auf die Gegenwart projizieren lässt, demonstrierte Peter Sellars bei den Salzburger Festspielen 2017 im ersten Jahr von Markus Hinterhäusers Intendanz. Sieben Jahre später zeigte Robert Carsen diese Oper in Salzburg als furiosen aktuellen Thriller. Den Sturm aufs Washingtoner Kapital transferierte er nach Rom.

Wie gut diese Mozart-Oper zu unserer Gegenwart passt, lässt sich in dieser Neuproduktion nur schwer erschließen. Denn Lauwers ersetzt Personenführung mit Tanzeinlagen. Das überschreitet die Peinlichkeitsgrenze, etwa, wenn Kaiser und Hofstaat mit den Händen fuchteln und in eine Art naiven Freudentanz verfallen. Kellner und Köche stolpern und springen ihrem Vortänzer hinterher, ob die Bewegungen zur Musik passen, ist egal. Hier ist Gymnastik angesagt. Im zweiten Teil hat es sich dann weitgehend ausgeturnt. Gegen Ende überwiegt das Rampen-Steh-Theater. Der Anschlag auf den Palast wird mit einem Ausschnitt aus Sergei Eisensteins Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin“ überblendet.

Titus schiebt sich nach dem Attentat auf einem Rollstuhl über die Bühne. Warum er irgendwann ganz leicht davon aufstehen kann, lässt sich nicht entschlüsseln. Über eine Inszenierung kann man in den meisten Fällen in der Oper hinwegsehen und sich auf das Musikalische konzentrieren. Das ist aber im Fall dieser Produktion keine erfreuliche Alternative. Katleho Mokhoabane ist ein vokal blasser Titus, das Timbre ist etwas fahl, was er mit guten Phrasierungen ausgleicht. Hanna-Elisabeth Müller zieht als Vitellia alle Register, die man nicht hören will. Emily D’Angelo braucht sehr viel Zeit, um sich als Sesto vokal in Szene zu setzen. Das „Parto, parto“ im Duett mit der Klarinette gerät blass. Erst beim „Deh per questo istante solo“, wo er vor Titus seine Tat bereut und die Todesstrafe verlangt, zeigt diese Sängerin ihr Potenzial. Ausgerechnet die kleinsten Partien sind am besten besetzt. Florina Ilie setzt sich als Servilia vokal ausdrucksstark mit ihrem golden timbrierten Sopran durch. Cecilia Molinari lässt als Annio aufhorchen. Matheus Franca agiert wie die Marvel-Figur Hulk und fällt stimmlich wenig auf. Der Chor lässt Nuancen vermissen, was auf das Dirigat zurückzuführen ist. Pablo Heras-Casado versucht einen Mittelweg zwischen historisch informierter Aufführungspraxis und philharmonischem Schönklang. Das geht nicht auf. Die Pauke ist überpräsent, die Begleitung der Rezitative sind total reduziert. Auf Spannung oder Esprit wartet man vergeblich. Das Premierenpublikum hatte keinen Einwand.

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