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Kunst in der Oper: Im Zeichen der Weiblichkeit

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©Katharina Schiffl

Im Rahmen des 360-Grad-Kulturevents RISE! – Women’s Voices for Change wurde die Wiener Staatsoper am Weltfrauentag auch zur Bühne bildender Kunst. Mit einem klaren Appell: die Selbstermächtigung der Frau aus weiblicher Schöpfung zu präsentieren. Ab 12. März geht die eintägige Opern-Ausstellung in der Barvinskyi Gallery – unter dem Titel „Origo Alia | another origin“ – in die Verlängerung. Gezeigt werden unter anderem Arbeiten der Künstlerin Michela Ghisetti.

Darstellende Kunst ist in der Wiener Staatsoper gelebter Alltag – dass auch bildende Kunst eine Bühne bekommt, ist hingegen selten. Dass gar Zeitgenössisches präsentiert wird, ist überhaupt eine Premiere: Am 8. März wurden die Bretter, die die Welt bedeuten im Rahmen des Weltfrauentags zur Bühne weiblicher Stärke und Zusammenhalts. Neben dem kollektiven Akt 2.000 singender Frauen, die ihre Stimmen für Freiheit, Gleichberechtigung und Solidarität erhoben, zeigte der restlos ausverkaufte Event RISE! – Women’s Voices for Change zeitgenössische Kunst mit eindeutigem Narrativ: Feministische Positionen – darunter Michela Ghisetti und Soli Kiani – eröffneten weibliche Perspektiven.

Die Selbstermächtigung der Frau

Die Präsentation – kuratiert und ko-kreiert von der Barvinskyi Gallery und dem Female-Empowerment-Thinktank „Voices“ – versteht Weiblichkeit nicht als festgelegte Kategorie oder Gegenentwurf zu patriarchalen Strukturen. Sondern als das, wofür sie gesehen werden muss: eine eigenständige Perspektive – als Ursprung von Widerstand, Fürsorge, Transformation und schöpferischer Autonomie. Als einen dynamischen, wandelnden Prozess – geprägt von individuellen Biografien, gesellschaftlichen Zuschreibungen und kollektiven Bildern. Schließlich gehe es darum „to rise“ – sich zu erheben. Den Status als fremdbestimmtes Objekt hinter sich zu lassen und sich zu einem selbstermächtigten Subjekt zu emanzipieren.

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Die skulpturale Rauminstallation "Unus Mundus" der in Italien geborenen Künstlerin Michela Ghisetti ist mit ihren insgesamt 80 Glasperlen Symbol der Integration

 © Georg Gressenbauer

Eine der präsentierten Positionen ist die in Bergamo geborene Künstlerin Michela Ghisetti. Seit 1992 lebt und arbeitet sie in Wien – der Wegzug aus ihrer konservativen Heimat war Beginn ihrer persönlichen Selbstermächtigung. Ein Befreiungsschlag aus den patriarchalen Strukturen ihres Elternhauses. Und damit die Initialzündung einer biografischen, künstlerischen Genese, die nebst philosophischem Zugang auch ein durchaus kritisches Narrativ hervorbrachte. In der Wiener Staatsoper zeigte Ghisetti auf Anfrage von RISE!-Initiatorin Christine Klimaschka ihr monumentales Werk „Unus Mundus“, das bereits während ihrer großen Retrospektive in der Albertina (Dezember 2021- April 2022) zu sehen war.

Unus Mundus – Geste des Miteinanders

Für Ghisetti ist die Arbeit – bestehend aus zwei überdimensionierten Glasperlenketten, die sie nach ihren Vorgaben gemeinsam mit dem Glaskünstler Robert Comploj 2021 realisierte – eine Geste des Miteinanders. „Die skulpturale Rauminstallation Unus Mundus, übersetzt ‚eine Welt‘, entspringt ursprünglich einem Einheitsgedanken“, erinnert sich Ghisetti. „Es hat mir missfallen, wie sich die Menschheit auf dem Rücken unserer Erde anfeindet.“ Die Kette ist somit Symbol der Integration: „Die vierzig blasstürkisen Glasperlen stehen für homogenisierte, weiße Politik, die schwarzen Perlen mit farbexpressiven Akzenten in ihrer Vielfalt für den Rest der Welt.“ Am Ende gehe es darum, beide Ketten richtig zu platzieren – sie ineinander zu verflechten, ein einheitliches Ganzes zu formieren und den kollektiven Integrationsgedanken aufzuzeigen. In feministischer Kontextualisierung gehe es Ghisetti um weibliche Einzigartigkeit, Gleichberechtigung und damit um geschlechtliche Parität innerhalb unserer Gesellschaft – „aber eigentlich auf der ganzen Welt“.

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Michela Ghisettis Werkserie "Verrutschte Frisuren" ziert das Plakat der Ausstellung "Origo Alia | another origin" in der Barvinskyi Art Gallery

 © Barvinskyi Art Gallery | Michela Ghisetti

Identität – Vielfalt der Weiblichkeit

Anschließend an die eintägige Ausstellung im Haus am Ring geht die Präsentation ab 12. März in der Barvinskyi Art Gallery (1., Seilerstätte) unter dem Titel Origo Alia | another origin in die Verlängerung. Der Name der Ausstellung sei Referenz auf Courbets „Der Ursprung der Welt“. Mit einem grundlegenden Unterschied: „Die gezeigten, ausschließlich weiblichen Positionen entziehen sich Courbets voyeuristischem Blick – der durch sein Werk verkörperte archaische, biologische Reduktionismus des Frauseins wird herausgefordert und durch einen Ursprung, der in Aktion, Volumen und Solidarität verwurzelt ist, ersetzt“, so Galeristin und Kuratorin Rosaura Cauchi. „Diese Ausstellung versteht sich nicht nur als Würdigung weiblicher Kunst, sondern als Einladung, das Weibliche als schöpferische und gesellschaftsverändernde Energie neu zu denken.“

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Neben dem humorvollen Einsatz von Schamhaarperücken, die den Frauen der Serie Identität verleihen und die Vielfalt der Weiblickeit aufzeigen, setzt Ghisetti außerdem auf starke Inschriften

 © Barvinskyi Art Gallery | Michela Ghisetti

Courbets Schlüsselwerk aus 1866 ist seit 2005 auch Grundlage für Ghisettis bis dato nicht abgeschlossene Werksserie „Verrutschte Frisuren“, die auch das Plakat der Ausstellung „Origo Alia“ ziert. Ihr widerstrebt die Objektifizierung durch Courbet – das Aussparen von Kopf und Gliedmaßen. „Die Identität der Frau wurde kurzerhand ausgelöscht, sie wurde ihr geraubt“, so Ghisetti. „Mit dieser von Männern ausgeübten, sexuellen Reduktion, wie sie Prostituierte tagtäglich erleben und sie in der Pornoindustrie allgegenwärtig ist, wollte ich brechen.“ Der skizzenhafte Umriss des von Courbet abgebildeten Frauenkörpers dient Ghisetti dabei als Ausgangspunkt: „Ich habe den Torso im Originalformat auf Japanpapier übertragen – er versinnbildlicht den Archetyp Frau, der für alle gleich ist“, erklärt sie. Durch den humorvollen Einsatz von Schamhaarperücken verleiht die Künstlerin ihren portraitierten, höchstindividuellen Vulven – nach realer Vorlage – Identität und zeigt in hyperrealistischer Ausführung die Vielfalt der Weiblickeit. „Ich möchte zeigen, dass hinter jedem vermeintlichen Objekt männlicher Begierde eine Person steckt – eine Frau mit Namen“, schildert die Künstlerin ihren „feministischen“ Zugang. „Den Terminus Feminismus mag ich nicht.“ Er sei als Reaktion auf das Patriarchat zu aufgeladen – im Kampfgeist schwinge Ghisetti stets zu viel Aggression mit. „Ich bin einfach una femmina, basta“, bringt sie auf den Punkt. Nichts anderes, als eine Frau.

Diese Ausstellung versteht sich nicht nur als Würdigung weiblicher Kunst, sondern als Einladung, das Weibliche als schöpferische und gesellschaftsverändernde Energie neu zu denken.

Rosaura Cauci, Kuratorin Barvinskyi Art Gallery

RISE! – Women’s Voices for Change in der Wiener Staatsoper

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