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Robert Comploj: „Vollgas, aber bitte ohne Überstunden“

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©Pilar Schacher

… verrät Glaskünstler Robert Comploj das Dogma seines Erfolgs. Warum es als „Nicht-Künstler“ hierzulande neben Qualität einer Strategie bedarf, seine organische Formensprache sehr wohl auch kommerziellen Anklang finden muss und Selbstinszenierung dazugehört

© VGN | Osama Rasheed

Glühendes Orange spiegelt sich in der markanten Statementbrille. „Genau das ist das Geile an dem Job“, holt Robert Comploj mit langem Gestänge einen sich langsam bewegenden „Glutpatzen“ jubelnd aus dem 1.100 Grad heißen Ofen. Und konkretisiert: „Vor rund zwölf Stunden war das zähflüssige Glas noch Gemenge.“ Ein feines Granulat, das zu 70 Prozent aus Quarzsand besteht. „Der Rest sind irgendwelche Flussmittel, um den Schmelzpunkt herabzusetzen – müsstest du googlen, wenn’s dich wirklich im Detail interessiert.“ Tut es nicht. Die Erklärung, dass ebendieser Rest die Morphose von Gemenge zu Glas in Gang setzt und für die kurzfristige Änderung des Aggregatzustands von fest auf flüssig verantwortlich ist, reicht aus, um zu verstehen. „So, jetzt pass’ auf“, mahnt Comploj und bläst sogleich in das eine Ende der Stange. Unter dem Druck seiner Ausatemluft formt sich der zähe Patzen auf der anderen Seite langsam zu einem Glasballon. Luftholend hält er fest: „Ich bin aber kein Glasbläser.“ In diese „Waldviertler Traditionsschublade“ möchte er keinesfalls gesteckt werden. „Viel zu eng“, begründet er mit leicht süffisantem Grinsen. Außerdem ist er Tiroler. Wie unschwer zu über­hören ist.

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Es ist die Transformation des Materials im Verarbeitungsprozess, die Comploj seit jeher fasziniert.

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Bloß eine Schicht nasses Zeitungspapier trennt nun Complojs Hand vom über 1.000 Grad heißen Glas. Mit sanftem Druck deformiert er die bis eben noch perfekte, gleichmäßige Glasblase unter dampfendem Zischen. „Ich steh’ einfach total auf das Zerquetschte“, wischt er sich die an der mit Schweißperlen übersäten Stirn klebenden Haarsträhnen aus dem Gesicht. „So, das kühlt jetzt langsam ab“, geht er Richtung Küche voraus. Seufzend lässt er sich in einen der Sessel fallen: „Gestern Abend war’s etwas länger“, füllt er zwei Gläser mit Champagner voll. „Zur Abkühlung.“ Außerdem solle man bekanntlich dort anknüpfen, wo der Vortag sein Ende gefunden hat. „Den Hangover habe ich mittlerweile viel lieber unter der Woche – das Wochenende ist mir für Katerstimmung einfach zu kurz.“ Der Inhalt der Gläser ist eigens importiert. Sie selbst sind aus eigener Produktion. ­„Tableware ist heute Geschichte“, verteidigt er die Relikte. „Früher habe ich mich für die Gläser und Vasen geschämt. Aber es bringt ja nix, seine Vergangenheit zu leugnen.“

Aus Tirol in die Welt

Längst beschreibt sich Robert Comploj als Bildhauer. Paradox, in Anbetracht seines fragilen Werkstoffs? „Überhaupt nicht“, verteidigt er. „Die anderen arbeiten mit Stein, Stahl oder was auch immer und ich eben mit Glas.“ Punkt. Hier, in einem Währinger Hinterhof, entsteht also seit Juni 2023 skulpturale Kunst. Mit Hilfe von Investoren hat sich der Künstler seinen Comploj’schen Mikrokosmos geschaffen: Ein architektonisches Ensemble, bestehend aus drei Bauteilen – einer Werkstatt, einem Showroom mit angrenzender Bürofläche und einem Haus, in dem er wohnt. „Eigentlich wollte ich ja aufs Land, aber weiter als hierher hat mich die Stadtflucht nicht geführt“, so Comploj, der – aus Ermangelung an Möglichkeiten und mit 14 Jahren einfach „keinen Bock“ auf Schule hatte – zunächst das Handwerk des Tischlers erlernte. „Ich weiß, etwas klischeehaft für einen Tiroler“, gesteht er sich ein. „Aber Installateur oder Elektriker haben mir noch weniger getaugt.“

Ebenso widerwillig holt er später auf elterlichen Wunsch die Matura an einer Aufbauschule nach. „An der Glasfachschule Kramsach hatte ich selbst eigentlich nichts mit dem Glasmachen am Hut, aber ich fand es spannend, zu sehen, was die anderen so tun.“ Er belegt schließlich einen abendlichen Schnupperkurs. „Nicht zuletzt, weil die Mädels total auf die Glasmacher abgefahren sind“, kokettiert er. Allem voran findet er aber Gefallen an der Verarbeitung des schwer zu bändigenden Materials und dessen Transformation im Verarbeitungsprozess.

Auf Anraten seines damaligen Lehrers und Mentors, dem Amerikaner Eric, führt ihn seine Faszination schließlich nach New York. „Wenn du das Handwerk ordentlich beherrschen möchtest, musst du in die USA – da führt kein Weg vorbei“, hält er fest. Seinen „American ­Dream“ finanziert er sich als technischer Zeichner für Hotelküchen. Ein zweiwöchiger Intensivkurs im „Corning Museum of Glass“ – der Institution für Glasmacherei – lehrt ihn schließlich die wichtigsten Fertigkeiten des Handwerks und ist Beginn einer zehnjährigen Reise, die ihn über New York nach London und schließlich nach Dänemark führt.

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Bei seinen „Collapse Cubes“ setzt Comploj bewusst auf die Ästhetik der Dekonstruktion.

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Vom Neustarten und Durchstarten

„In London bin ich fast verhungert“, sinniert Comploj, für den trotz Fine Dining, das er heute zu seinen Hobbys zählt, einfach nichts über ein anständiges Butterbrot geht. „Das war damals echt krass – in der Branche gab es ausschließlich unbezahlte Jobs. Als Gegenleistung habe ich ein unbeheiztes Zimmer und ein spärliches Mittagessen bekommen.“ Überleben konnte er bloß, weil er nebenher als Tischler gejobbt hatte. „Außerdem habe ich mit meiner Ex zwei Wohnungen gekauft, saniert und ihr nach der Trennung überlassen“, lacht er. „Ich wäre heute wahrscheinlich Millionär, hätte ich mein Leben nicht dreimal neu gestartet.“

Einen solchen Neustart wagt er auch nach seiner Rückkehr nach Österreich: „Da war ich gerade 29 – meine Freunde waren mittlerweile Ärzte oder Juristen. Da denkst du dir echt: Fuck, ich hab’ gar nix.“ Heute weiß er, dass dem nicht so ist: „Ich war stattdessen reich an Lebenserfahrung und Erinnerungen – beides unbezahlbar.“ Mit diesen Reisesouvenirs und jeder Menge Know-how eröffnet er zunächst die „Glashütte Comploj“ in Linz. „Sonst hatte ich nicht viel vorzuweisen – außer zwei kleine Kinder, einen fetten Kredit und einen Haufen anderer Probleme.“ Nach einigen Jahren der Selbstständigkeit zieht es ihn nach Wien: In der Westbahnstraße erfüllt er sich den Traum einer Glashütte mit angrenzender Verkaufsfläche. Das Geschäft läuft gut. „Die Probleme werden aber nicht weniger“, klagt er, ohne aber zu jammern. Das sei es, was ihn von anderen unterscheide: „Während andere ihre Energie ins Sudern stecken und sich im Selbstmitleid suhlen, stecke ich sie in die Suche nach Lösungen. Was anderes bleibt dir nicht übrig, wenn du Erfolg haben willst.“

Dass der Traum von der eigenen, einzigartigen Werkstatt – ein Teil seiner erfolgorientierten Lösungssuche – kein einfacher sein würde, war ihn von Anbeginn seiner Selbstständigkeit klar: „Für Romantik ist hierzulande schlicht kein Platz – wenn du hier eine Produk­tion mit Mitarbeitenden aufbaust, wirst du behandelt wie ein steuerzahlender Straftäter. Mittlerweile schaffe ich es, da drüberzustehen. Als junger Mensch läufst du aber Gefahr, daran zu zerbrechen und bist eigentlich zum Scheitern verurteilt“, so der 44-Jährige.

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Comploj in seiner Glaswerkstatt in einem Währinger Hinterhof

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Künstler – auch hierzulande

Gescheitert ist Comploj keinesfalls: Sein Traum von der eigenen Produktion wird in Währing Realität. Der Umzug läutet einen weiteren Neustart ein – der Schaffensfokus liegt fortan ausschließlich auf skulpturalen Arbeiten. „Hochpreisige Skulpturen habe ich aber bereits davor verkauft“, so der Künstler, dessen Designs aufgrund internationaler Designjobs früh in aller Welt Anklang fanden. Spöttisch fügt er hinzu: „Bloß eben nicht in Österreich – hier bekommst du als nicht-akademischer Künstler gleich den entsprechenden Stempel aufgedrückt. Ungeachtet der Qualität deiner Arbeit.“ Doch Comploj widersetzt sich der „Stigmatisierung als Weihnachtskugelbläser“. Nicht studiert zu haben, sieht er heute als Vorteil: „Du bist viel freier in dem, was du tust“, appelliert er. „Und, ohne angeben zu wollen, vom Know-how bin ich bestimmt einer der Besten in Europa.“

Aber auch seine Designs, mit denen er bereits wiederholt auf der Art Basel ­Miami ausgestellt hat, überzeugen. Inspiration dafür biete ihm das Leben per se. „Kindheitstrauma habe ich nämlich ebenso keines vorzuweisen wie andere biografische Melodramen“, kommentiert er augenzwinkernd das gängige Storytelling im Kunstbetrieb. Ihn inspiriere außerdem der Prozess an sich: „In einem choreografierten Ablauf, der durchaus Meditatives hat, bietet dir der flüssige Gatsch beinahe grenzenlose Möglichkeiten und ist dabei gleichermaßen limitierend – nur wenn du seine Grenzen kennst, kannst du sie unter körperlicher Schwerstarbeit gezielt überwinden und am Ende des Tages echt Sinnliches erschaffen“, wedelt er demonstrativ mit einem gläsernen Sextoy in phallischer Form. „Irgendwann will ich die einmal ausstellen und die Menschen bei der Selbstliebe aus der Pornogesellschaft zurück in die Fantasie führen – also die Auseinandersetzung mit sich selbst forcieren.“ In dieser Sparte sei, seiner Prognose nach, noch einiges zu holen. „Was der Markt aktuell bietet, ist alles eher ranzig“, beruft er sich auf die Ästhetik seiner Designs.

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Strategie, Strategie, Strategie

Apropos Ästhetik. Wonach er in der organischen Formensprache seiner Skulpturen sucht? „Nach Geld“, scherzt er. „Aber ganz ohne Spaß: Kommerzielles Arbeiten ist notwendig, um einen Betrieb mit sechs Mitarbeitenden zu führen.“ Um Gefälligkeit gehe es ihm in seiner Kunst jedoch nicht. „Meine Arbeit soll Leute auf tieferer Ebene ansprechen. Oder eben auch nicht.“ Das nächste Projekt werde demnach etwas wilder. „Das kannst du dich aber erst trauen, wenn du einen Namen hast. Das sind alles strategische Entscheidungen.“

Strategie sei ohnedies die Basis seines künstlerischen Universums. Sein Erfolgskonzept: „Vollgas, aber bitte ohne Überstunden“, lacht Comploj, der zunächst via Social Media auf sich aufmerksam machte. Auch Letzteres sei integraler Bestandteil seiner Strategie. „Am Ende ist halt doch alles Inszenierung“, schaut er auf die Goldarmreifen an seinem Handgelenk. „Welcher Typ trägt schon einen 18-Karatreifen mit ­Diamantbesatz“, fragt er rhetorisch. „Aber ehrlich, ein bissl leiwand finde ich es halt schon auch …“

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