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Kirill Serebrennikov: „Wir fahren direkt in die Hölle“

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Herbert von Karajan gründete 1967 die Osterfestspiele, um mit den Berliner Philharmonikern Wagners „Ring“ aufzuführen. Das Jahrhundertereignis könnte sich bereits 60 Jahre danach wiederholen: Das Gründungsorchester ist zurück. Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov inszeniert die Tetralogie und verspricht ein Gesamtkunstwerk. Ein Gespräch über das Salzburger Intendantenchaos, Boykotte und Opernhooligans.

Der Druck der Geschichte dieses Festivals sei überall zu spüren, schildert Kirill Serebrennikov seine Empfindungen beim Gang durch den Salzburger Festspielbezirk. „Wenn man die Felsenreitschule betritt, versteht man, dass Max Reinhardt hier die Festspiele ins Leben gerufen hat. Das ist der Ort, an dem die Geschichte des zeitgenössischen Welttheaters begann“, schwärmt er von seinem Arbeitsplatz. Bis 2029 wird er dort für die Osterfestspiele Richard Wagners vierteiligen „Ring des Nibelungen“ in Szene setzen. „Das Rheingold“ gibt am 27. März den Auftakt.

Vom Hausarrest zum Zenit

Der 56-jährige Exilrusse ist heute einer der relevantesten Opernregisseure. Dass er eine besondere Gabe dafür hat, die Mythen von Wagners Opern subtil mit dem aktuellen Weltgeschehen zu verschmelzen, demonstrierte er bereits in Wien und Paris. An der Bastille Oper verlegte er „Lohengrin“ in ein Sanatorium, verwob die Geschichte des Schwanenritters mit dem Ersten Weltkrieg und dem aktuellen in der Ukraine. Unvergleichliches leistete er 2021 im zweiten Corona-Jahr an der Wiener Staatsoper: Während das Haus den Betrieb unter harten pandemiebedingten Sicherheitsvorkehrungen auf die Premierenvorbereitung konzentrierte, war Serebrennikov mit seinem eigenen Lockdown konfrontiert. Das Putin-Regime hatte ihn im Hausarrest* in Moskau festgehalten. Wagners Erlösungsoper „Parsifal“ ließ sich Serebrennikov trotz allem nicht nehmen. Er übermittelte seine Regieanweisungen per Zoom und verwandelte die Gralsburg in ein Gefängnis und Kundry, die Dienerin der Gralsritter, in eine Reporterin, die das Leben der Insassen dokumentierte.

Salzburg ein Paradies?

Seit 2022 lebt Serebrennikov als freier Mann in Berlin. Dort fuhr er in diesen Tagen an der Deutschen Oper mit dem Ballett „Nurejew“ aus dem Jahr 2017 einen Triumph ein. Das Moskauer Bolschoi hatte die Produktion nach der Premiere aus dem Spielplan entfernt, weil sie die Homosexualität des legendären Tänzers thematisiert.

Natürlich habe er sofort zugesagt, als ihm Intendant Nikolaus Bachler den „Ring“ bei den Osterfestspielen anbot, kommt er auf den Anlass des Gesprächs zurück. „Nicht nur wegen Nikolaus, der ein absolut mutiger und visionärer Mensch ist, der viele außergewöhnliche künstlerische Projekte ins Leben gerufen hat, sowohl in Theatern als auch bei Festivals. Ich bin auch fasziniert von der Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko. Wagner in Salzburg mit den Berliner Philharmonikern*, einem der zentralen Orchester der Welt und dem Dirigenten Kirill Petrenko an einem zentralen Ort der Kunst, das sei das höchste künstlerische Niveau, das sei der Zenit seiner Karriere setzt Serebrennikov sein Schwärmen über die Arbeitsbedingungen fort. „Ich komme mir vor wie im Paradies“, fügt er euphorisch hinzu.

Über die Salzburger Querelen

Oft hört man das derzeit nicht, dass jemand von paradiesischen Zuständen an der Salzach spricht. Stimmt es, dass er über die plötzliche Entlassung der Festspiel-Theaterchefin Marina Davydova, die ihn 2025 noch für die Inszenierung von Sorokins „Schneesturm“ engagiert hatte, schockiert war? Sie äußerte sich später dezidiert unfreundlich zu den Umständen. „Nicht schockiert“, korrigiert Serebrennikov. „Ich kenne sie schon seit vielen Jahren. Als sie diese Erklärung abgegeben hat, dachte ich mir, dass da etwas schiefgelaufen ist. Aber ich kenne nur ihre Version, und daher will ich das nicht beurteilen“, stellt Serebrennikov diplomatisch klar.

Die Festspielidee ist viel größer als jeder Ehrgeiz und jedes Ego, als alle Gerüchte und Vorlieben

Kirill Serebrennikov

Dem Festspielintendanten Markus Hinterhäuser sei er damals während der Probenwochen nur einmal begegnet, und das nur kurz im Neutor-Tunnel, bevor die Gerüchte über sein eventuelles Ende bei den Festspielen begannen. Jetzt drohen die Festspiele ihren Intendanten im Herbst zu verlieren. „Wenn es tatsächlich dazu kommt, wird es bei den Festspielen große Veränderungen geben. Aber das ist nicht das Ende. Es geht immer irgendwie weiter. Es ist sehr schmerzhaft, was hier passiert, auch mit Markus. Aber die Festspielidee ist viel größer als jeder Ehrgeiz und jedes Ego, als alle Gerüchte und Vorlieben“, schließt er das Thema.

Womit sich das Gespräch wieder Wagner zuwendet.

Wagners „Ring“ als Welttheater

Im österlichen „Ring“ werde sich die Idee vom Gesamtkunstwerk manifestieren, Elemente aus sämtlichen Kunstsparten, „Zeitgenössische Kunst trifft auf Kino, auf Oper und auf ­Performance“, kündigt Serebrennikov an. „Ich kann nie erklären, wie die Ideen in meinen Kopf entstehen. So ein Denkprozess dauert Millisekunden. Wahrscheinlich hängt mein Konzept mit der Erkenntnis zusammen, dass Wagner nicht nur Deutschland gehört, sondern der ganzen Welt.“ So kam er auf den „Ring“ als großes Welttheater: Die Geschichte der Götter, die im Vierteiler ihrem Untergang entgegengehen, werde sich in einer postapokalyptischen Zeit abspielen. „Die Menschheit existiert in den Trümmern der früheren Kulturen und Zivilisationen und versucht, ihre eigene Geschichte neu zu beginnen.“

Jeder Teil ist auf einem anderen Kontinent und in einer anderen Jahreszeit angesiedelt. „Das Rheingold“ nimmt im afrikanischen Frühling seinen Ausgang. Selbstverständlich werde er seinen Wotan nicht schwarz schminken. Aber eine außergewöhnliche Gruppe afrikanischer Darsteller unter der Leitung von DeLaVallet Bidiefono werde auftreten. „Die Walküre“ findet zur Karnevalszeit in Südamerika statt und „Siegfried“ in der Walachei, lässt er kursorisch ins Kommende blicken.

Das Gespräch wendet sich dem realen Weltgeschehen zu. Beim letzten News-Interview im Frühjahr 2023 tobte der Krieg in der Ukraine. Seither mehren sich die Konflikte: der Terrorüberfall auf Israel, der Krieg im Nahen Osten, beeinflusst das die Arbeit des Künstlers? „Ich denke ständig daran, denn wir leben bereits im Dritten Weltkrieg. Alle düsteren Prophezeiungen haben sich bewahrheitet, und die Menschen lernen nichts aus der Geschichte, oder sie verstehen nichts. Es sieht so aus, als hätten sie das Blutvergießen vergangener Zeiten vergessen. Sie wiederholen dieselben Fehler. Grausame und korrupte Menschen regieren unsere Welt und führen uns in die Katastrophe. Wir können das nicht beeinflussen. Wir können nur dasitzen und zusehen. Das ist so, als wären wir in einem Fahrzeug, das ein Verrückter oder Toter über einen hohen Felsen in den Abgrund lenkt. Wir fahren direkt in die Hölle.“

Opfer von Boykotten

Serebrennikov ist nicht nur Opernregisseur, sondern auch Filmemacher, der tief in die Abgründe von Seelen blickt. Zuletzt in „Das Verschwinden des Josef Mengele“. Darin schildert er, wie der Lagerarzt von Auschwitz, der mit seinen Versuchen, unzählige Menschen ermordete, in Südamerika untergetaucht ist.

Ist der Film Serebrennikovs Reaktion auf den ständig krasser werdenden Anti­semitismus? Der sei vor dem Attentat auf Israel und vor dessen Folgen bereits fertig gewesen. Aber der Film habe ihm, Serebrennikov, viele Probleme verschafft – wegen „Israelfreundlichkeit“! „Ein Film über einen Nazi-Verbrecher? Das ist absolut verrückt, denn es ist eine Geschichte, die viel weitreichender, viel schmerzhafter ist als alles, was heute passiert. Wir müssen doch verstehen, was uns damals widerfahren ist, um nicht dieselben idiotischen Dinge zu wiederholen“, kommentiert Serebrennikov die Boykottmaßnahmen gegen seinen Film.

Mitglieder der europäischen Filmakademie haben sogar versucht, seine Teilnahme an Festivals zu verhindern. „Vielleicht ist das auch nur eine Art Überlebensstrategie von denen, die um ihre Position kämpfen und einen Konkurrenten ausschalten wollen. „Mit Nachdruck fügt er zum Gaza-Konflikt hinzu: „Ich bin gegen den Krieg. Ich habe nie in Israel gelebt. Aber meine Verwandten, die dort leben, sind gegen Netanjahus autokratisches System. Gleichzeitig spüren sie den schrecklichen Druck von den Ländern, die Israel als Idee, als einen Ort, wo Juden leben, zerstören wollen. Ich hasse es, wenn Menschen Menschen töten. Am liebsten würde ich alle Völkermorde, alle Kriege, all das Blutvergießen beenden. Kunst kann nichts aufhalten, Gewalt erzeugt nur Gewalt. Das ist eine Einbahnstraße.“

Die Macht der Opern-Hooligans

Noch etwas zum Thema Boykott: Die ukrainische Dirigentin Oksana Linyv hat sich geweigert, bei den Wiener Festwochen aufzutreten weil dort auch der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis – der daraufhin ausgeladen wurde – auftreten sollte. „Solche Probleme liegen an der Programmgestaltung“, sagt Serebrennikov. Auch er hätte bei den Festwochen einmal mit einem ukrainischen Künstler zusammenarbeiten sollen, ließ es aber bleiben. „Denn für ukrainische Patrioten bin ich ein Repräsentant des Kremls. Es ist unmöglich, diesen Leuten zu erklären, dass wir Russland verlassen haben, dass wir nicht für den Krieg sind, dass wir den Frieden unterstützen, dass wir uns hier in der Migration gegenseitig helfen wollen, dass wir die Menschen nicht nach Sprachen oder nach Pässen trennen sollen.“ Würde er als Regimekritiker mit Currentzis, der in Russland lebt und arbeitet, zusammenarbeiten? „Ich glaube, er darf das nicht, weil ich jetzt zur europäischen Kultur gehöre.“

Eins noch: Wie blickt er auf die Proteste gegen seine „Don Carlo“-Inszenierung an der Staatsoper zurück? Dirigent Philippe Jordan hisste sogar eine weiße Fahne, um die Proteste zu besänftigen. „In der zweiten Vorstellung gab es Standing Ovations“, erwidert Serebrennikov. Die Proteste gegen die Premiere hätten Opern-­Hooligans entfacht. Er habe das selbst beobachtet, die seien nur gekommen, um die Vorstellung zu zerstören. Ob er Bedenken habe, dass sich in Salzburg Ähnliches zutragen werde, kann er nicht mehr beantworten: Petrenko ist gerade mit dem Orchester eingetroffen, die Probe muss fortgesetzt werden.

Aber dass es 1967 im Foyer des Festspielhauses eine Prügelei gegeben haben soll, weil sich ein Kritiker unfreundlich über Karajan äußerte: Das sollte nicht unerwähnt bleiben.

Steckbrief

Kirill Serebrennikov

Kirill Serebrennikov wurde am 7. September 1969 in der Zwei-Millionen-Stadt Rostow am Don in der ehemaligen Sowjetunion geboren. Er studierte Physik, leitete ein Amateurtheater. Inszenierungen am Mariinski- und am Bolschoi-Theater folgten. 2012 übernahm er das Gogol-Zentrum, Moskaus führende Avantgardebühne. 2017 wurde er wegen angeblicher Veruntreuung angeklagt und 2021 freigesprochen. Seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine lebt er in Deutschland.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.

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