ABO

In memoriam: VALIE EXPORT – die Ikone feministischer Kunst

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
8 min
Artikelbild

Am 14. Mai 2026 verstirbt VALIE EXPORT 85-jährig in Wien. In einem höchstpersönlichen Nachruf erinnert der renommierte Kunsthistoriker und Museumsmanager Robert Fleck an die „anerkannteste und meist bewunderte Künstlerin des Landes." Über feministische Aktionen, persönliche Verbindungen und ein avantgardistisches Werk, das überdauert.

von Robert Fleck

Wenn man 17 Jahre jünger war als VALIE EXPORT und in Wien aufwuchs, hörte man von ihr, bevor man zehn Jahre alt war. „Smart Export“ war damals die bekannteste Zigarettenmarke. Meine Eltern rauchten vier Pakete davon am Tag. Plötzlich war da eine Künstlerin, die sich „Valie Export“ nannte und mit einem Plakat, das sie in der Stadt aufhängte, für sich warb – in dem sie das Logo von „Austria Tabak“ des Zigarettenpakerls auf dem Plakat mit ihrem Selbstporträt und den Schriftzug „Smart“ kurzerhand durch „VALIE“ ersetzt hatte. Mein erstes feministisches Erlebnis, lange bevor ich den Begriff hörte.

„Ende der 60er Jahre hatte sie die Kraft und die gesellschaftliche Wirkung einer ganzen feministischen Partei – die es nicht gab.“

Robert Fleck, Kunsthistoriker, Autor, Kurator

Bild
 © Matt Observe

Plötzlich Assistent und Bodyguard

Mit 20 Jahren war ich plötzlich im April 1978 der Fotograf und Assistent in einem großen Internationalen Performance Festival, dem ersten überhaupt, das die drei (feministischen) Galeristinnen Ursula Krinzinger, Rosemarie Schwarzwälder und Grita Insam in Wien veranstalteten. Jeden Abend zwei bis drei Performances an zehn darauffolgenden Tagen. Bei der Vorbereitung ihrer Performance fragte mich Valie Export: „Kannst du eine Videokamera gerade halten? Denn ich habe meinen eigenen Fotografen. Dann musst du wissen, du bist dann auch mein Bodyguard, wie mein Freund, der diagonal am anderen Eck des Ölbeckens knien wird, in dem ich mich bewegen werde. Es werden 300 Besucher sein, es gibt keinen Sicherheitsdienst und da kann durchaus ein Verückter sein. Also Kamera gerade halten und zugleich die Situation beobachten.“ Abends kamen tatsächlich 300 Leute in Grita Insams großen Galerieraum. Valie (sie schrieb sich erst später in Versalien) kommt an der Seite ihres damaligen Freundes nackt in den Raum und strahlte eine innere Kraft aus, die ich noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Dies war im Grunde ihr Schutz bei der etwa 30-minütigen Nacktaktion vor all diesen Leuten. Chapeau.

Ein Jahr später kam ihr Spielfilm „Unsichtbare Gegner“ heraus, in dem sie mit ihrem langjährigen Künstler- und Lebenspartner Peter Weibel ihre wichtigsten Aktionen vor der Kamera wiederholte und in eine Spielfilmhandlung einbaute. Ein Riesenerfolg in den ganz normalen Kinos. Chapeau.

Von gesellschaftlicher Relevanz

1980 bestritt sie parallel zu Maria Lassnig – die beiden so starken Künstlerinnen kamen nicht miteinander aus – den Österreichischen Pavillon der Biennale von Venedig. Ab da war sie kein Outlaw mehr in Österreich. Dreißig Jahre später war sie – bis heute – die anerkannteste und meist bewunderte lebende Künstlerin des Landes.

Wir trafen uns das letzte Mal zufällig im Flugzeug von Paris nach Wien. Sie war auf der Rückreise vom Geburtstag ihres neuen Galeristen, Thaddaeus Ropac, der 1982 in Lienz in Osttirol seine Galerie gegründet hatte. Alle im Flugzeug erkannten sie mit ihren knallroten Haaren. Wir waren als letzte Passagiere eingestiegen und als sie mich sah und umarmte, konnten die Leute das nicht glauben.

1997 kuratierte Harald Szeemann im MAK „Austria im Rosennetz“ – eine Ausstellung über Visionäre in Österreich. Meine Aufgabe bestand darin, jeden Samstag während der Laufzeit der Schau im „Standard“ in Wien die Seite 3 der Samstagbeilage mit einem großen Interview mit einem Künstler oder einer Künstlerin und einem Text zur Ausstellung zu bespielen. Das sei ein „erweiterter Ausstellungsraum“, meinte Szeemann. Natürlich war VALIE EXPORT auf der Liste, die wir dafür erstellten. Beim Gespräch in ihrem Atelier erzählte sie, dass in den späten 1960er Jahren – als sie beispielsweise die berühmte Aktion mit Peter Weibel an der Hundeleine auf dem Stephansplatz gemacht hatte (spontan am Samstagmittag nach einer Ausstellungseröffnung in der Galerie nächst St. Stephan) – die Polizisten in der Wiener Innenstadt ein Foto von ihr mit sich trugen, um sie zu identifizieren und daran hindern zu können, eine neue Aktion zu machen. Darauf war sie zurecht sehr stolz. Eine einzelne Künstlerin hatte die Kraft und die gesellschaftliche Wirkung einer ganzen feministischen Partei (die es nicht gab).

Blurred image background

VALIE EXPORT verstarb am 14. Mai im Alter von 85 Jahren in Wien.

 © eSeL.at - Lorenz Seidler

Über gemeinsames Arbeiten

1993 bis 1995 entstand zusammen mit Noemi Smolik ein Buch „Kunst in Österreich“ bei Kiepenheuer & Witsch. Als wir VALIE fragten, wer über sie schreiben solle, gab sie uns die Adresse von Elfriede Jelinek. Diese antworte nicht auf mein Anschreiben, aber sandte am nächsten Tag einen spontan verfassten, großartigen Text. EXPORT und Jelinek haben viel gemein.

2008 hatten wir viel miteinander zu tun, weil sie meine Nachfolgerin als Kuratorin des Österreichischen Pavillons der Biennale Venedig war. Sie zeigte – mit Silvia Eiblmair als Co-Kuratorin – Elke Krystufek, Dorit Margreiter und Franziska und Lois Weinberger. Da zu diesem Zeitpunkt keine Infrastruktur dafür im Bundesministerium existierte, gab ich ihr unseren Verteiler, das Budget usw., das sie einfach abschrieb und im Ministerium einreichte. So wie ich das jene von Max Hollein, meinem Vorgänger bei dieser Aufgabe, abgeschrieben hatte.

Wenn man mit ihr an einer Ausstellungsbeteiligung arbeitete – wie 1995 für eine Doppelausstellung in Rouen und Caen und 1998 für die Ausstellung zu hundert Jahre Wiener Secession – war sie höchst angenehm, assoziierte zum Ausstellungskonzept nicht oder nur zum Teil, realisierte Projekte und hatte einen großen Spaß daran, sie zur Grundlage einer neuen Arbeit zu machen.

Die Ikone feministischer Kunst

Regelmäßig zeigte ihre Galerie Thaddaeus Ropac bei der Art Cologne Fotos aus dem heute legendären Zyklus „Körperkonfigurationen“ – vom Museum Ludwig und vielen bedeutenden Museen angekauft. Diese Fotos waren zwischen 1975 – als sie in der Galerie nächst St. Stephan „MAGNA“, das erste internationale Festival Feminismus und Kunst veranstaltete – und den frühen 1980er Jahren in dieser Galerie in Wien. Sie wohnte damals im gleichen Haus ein Stockwerk über den Räumlichkeiten. Als Helfer bei nächst St. Stephan hat man diese Fotoarbeiten unzählige Male ausgepackt, gezeigt, wieder weggeräumt. Keine wurde verkauft. Dabei kosteten sie umgerechnet 80 oder 100 DM. Als ich das vor einigen Jahren einer Mitarbeiterin von Thaddaeus Ropac auf der Art Cologne erzählte, meinte sie: „Das Museum Ludwig hat wieder einige gekauft. Aber das Tollste ist, nahezu jede Besucherführung der Messe kommt an unseren Stand – nicht für Baselitz oder Kiefer, sondern für VALIE. Und dann heißt es immer: ‚Das ist die Ikone der feministischen Kunst.‘“

VALIE EXPORT verstarb am 14. Mai 2026 in Wien.

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER