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35 Jahre nach dem Absturz: Der leere Sitz in der Lauda-Air 004

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Peter Sichrovsky

©Ricardo Herrgott, News

News-Kolumnist Peter Sichrovsky erinnert sich an das Ticket, das er nie benutzte und an den Zufall, der ihm das Leben rettete.

Früh am Morgen des 27. Mai 1991 saß ich in der Küche meiner Wohnung in Wien bei getoastetem Schwarzbrot, Butter, Käse und einer Tasse Kaffee und ignorierte die Nachrichten aus dem Radio. Es war mehr ein Geräusch, das zu jeder vollen Stunde die Musik unterbrach. Dann hörte ich jedoch die Worte Lauda Air und Bangkok und Absturz.

Das nicht verwendete Ticket

Einen Moment lang konnte ich mich nicht rühren. Starrte auf den Teller mit dem angebissenen Stück Brot. Daneben die halb volle Tasse. Alles schien leblos wie auf einem Gemälde. Meine Gedanken rebellierten, der Teller begann sich zu drehen. Ich schloss die Augen, hielt mich an der Tischkante fest, bis sich der Körper beruhigte.

Dann stand ich auf und suchte meinen Rucksack. Am Abend vorher war ich in Wien aus New Delhi gelandet, mit Umsteigen über Zürich. Rucksack und Koffer hatte ich noch nicht ausgepackt. Ich kramte in den Fächern des Rucksacks. Dann fand ich es. Das nicht verwendete Ticket: Bangkok–Wien, Lauda Air, Abflug 26. Mai.

Abbruch in Bangladesh

Zwei Wochen vorher arbeitete ich in Bangladesh für die Süddeutsche Zeitung an einer Reportage über die katastrophalen Überschwemmung. Ganze Inseln verschwanden im Meer nach wochenlangen Unwettern. Die Arbeit war schwierig, die Infrastruktur nach dem heftigen Regen katastrophal, sodass ich mit der Redaktion vereinbarte, meinen Aufenthalt abzubrechen, und mit dem bisher gesammelten Material einen Text zusammenzustellen.

Der einfachste Weg von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, nach Wien war die Verbindung über Bangkok mit dem Direktflug der Lauda Air Bangkok-Wien. Dieser Flug wurde jedoch nicht täglich angeboten. Statt in Bangkok auf den Anschluss zu warten, entschied ich mich, von Dhaka nach Delhi zu fliegen. In Delhi wollte ich weiter nach einer Wohnung suchen für meinen Einsatz als Auslandskorrespondent, und dann zurück nach Wien.

Über Delhi nach Wien

Die Idee war gut, die Umsetzung schwierig. In Dhaka gab es kein Büro der Lauda Air, bei dem ich mein Ticket hätte ändern können. Ich versuchte es in Reisebüros, bei verschiedenen Fluglinien. Niemand wollte das Lauda-Air-Ticket umbuchen, oder den Wert für ein neues Ticket anrechnen. Was sollte ich tun? Ein neues Ticket kaufen, oder die Tage in Bangkok verbringen? Das Ticket der Lauda Air war nicht refundierbar, das machte die Entscheidung nicht einfacher. Es wäre reine Verschwendung gewesen, es verfallen zu lassen.

Bei der Überlegung – neues Ticket oder warten – erinnerte mich an die mahnenden Worte meiner Mutter, als ich das wöchentliche Taschengeld immer schon am Mittwoch ausgegeben hatte, und sie mich warnte, so werde das ein schlimmes Ende nehmen mit mir, wenn ich derartig gleichgültig und unüberlegt bereits nach drei Tagen das Wochengeld in Wurstsemmeln und Eis verschwendet hätte.

„Ich mache mir nichts aus Geld“, antworte ich ihr trotzig, jeden Donnerstag als ich kein Geld mehr hatte. Und da Mütter schon aus Prinzip immer recht haben und ich mich im Laufe der Jahrzehnte meines Erwachsenen-Daseins kaum geändert hatte, dachte ich – pfeif’ aufs Geld – ging ins nächste Reisebüro und kaufte ein One Way Ticket Dhaka-Delhi-Zürich- Wien, blieb ein paar Tage in Delhi und landete sicher in Wien – während die Lauda Air mit meinem bezahlten, unbesetzten Platz abstürzte.

Die größte Katastrophe

In den Tagen nach dem Unglück überboten Experten einander über die Gründe des Absturzes. Die Maschine zeigte angeblich keine Probleme. Die Crew übernahm ein fehlerfreies Flugzeug mit dem Namen „Mozart“. Wenige Minuten nach dem Start war alles vorbei. 223 Tote, kein Überlebender. Der Absturz des Lauda-Air-Flugs 004 am 26. Mai 1991 bleibt bis heute die größte Katastrophe der österreichischen Luftfahrt.

Ein neues Buch von Patrick Huber (Wien 2026, „Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ‚Mozart‘“) beschreibt dieses Ereignis nicht unbedingt als Unglück, sondern als Protokoll vieler Faktoren. Die offizielle Version ist bekannt. Ein Konstruktionsfehler der Boeing 767, eine sich im Flug öffnende Schubumkehr provozierte einen unkontrollierbaren Sturz. Innerhalb von Sekunden zerrissen aerodynamische Kräfte das Flugzeug.

Zweifel am „plötzlichen Defekt“

Der Autor versucht zu rekonstruieren, was lange vor dem Absturz geschah, und in den Berichten kaum berücksichtigt wurde. Monate vor dem letzten Flug zeigte die Maschine immer wieder technische Probleme – Warnhinweise, Fehlermeldungen, Unregelmäßigkeiten im System der Schubumkehr – die jedoch behoben wurden.

Das Buch veröffentlicht ein Gutachten, das in den Berichten nicht erwähnt wurde. Das Gutachten zweifelt an dem „plötzlicher Defekt“. Ein Leitungsschaden – möglicherweise entstanden durch mangelhafte Wartung – könnte die Katastrophe ausgelöst haben.

Zeitzeugen berichten von einem Unternehmen, das unter Druck arbeiten musste. Nächtelange Überstunden, Erschöpfung der Techniker, ein Wartungschef verließ die Airline. Das Buch enthält Interviews mit Piloten, Technikern und ehemaligen Mitarbeitern. Das Gesamtbild widerspricht nicht der Behauptung, dass ein technischer Effekt zum Absturz geführt hatte. Der Autor und die interviewten Fachleute kritisieren jedoch die technische Wartung des Flugzeugs während der Monate vor dem Absturz.

Ein quälender Gedanke

Ich versuchte, in den Wochen nach dem Unglück in die Normalität des Alltags zurückzukehren, doch es gelang mir monatelang nicht. Als mein zufälliges Überleben bekannt wurde, lehnte ich Interviews ab – ich wollte den glücklichen Zufall nicht als Sensation präsentieren.

Es ist vor allem ein Gedanke, der mich bis heute quält, wenn ich mich an den glücklichen Zufall erinnere – der Gedanke an den unglücklichen Zufall. Wie Angehörige mit dem Zufall umgehen mussten, wenn er nicht Überleben, sondern den Tod bedeutete – wer vielleicht kurz zuvor auf den Lauda Flug umgebucht, oder trotz Verkehrsstau den Flug Lauda Air 004 am 26. Mai 1991 in letzter Minute gerade noch erreicht hatte.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.

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