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Antoine de Paris und der Bubikopf: Die Frisur der Befreiung

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Antoine de Paris im Jahr 1934

©Public Domain

Mit dem „coupe à la garçonne“ veränderte Antoine de Paris das Frauenbild des 20. Jahrhunderts. Der Starfriseur der Diven starb dennoch vergessen.

Antoni Cierplikowski wurde 1884 in Sieradz, einer Kleinstadt in Polen, geboren und erlernte das Friseurhandwerk im Geschäft seines Onkels, wo er als Elfjähriger aushelfen musste. Gelangweilt von den Frisuren der älteren Damen fuhr er 1901 nach Paris, wo er während des Winters im Haarsalon des Kaufhauses Galerie Lafayette arbeitete, und im Sommer in Deauville, an der Küste der Normandie.

Eines Tages stürmte die berühmte Schauspielerin Ève Lavallière in den Pariser Salon, verzweifelt über ihr Haar, das nach einer Erkrankung unfrisierbar vom Kopf hing. Sie kam direkt vom Theater. Der Direktor drohte, sie nicht weiter zu beschäftigen, wenn sie nicht mit einer ordentlichen Frisur zurückkäme.

Der erste Star-Friseur

Cierplikowski befreite Lavallière mit wenigen Schnitten von ihren langen, struppigen Haaren und schuf zum ersten mal den „coupe à la garçonne“, den eleganten Vorläufer des Bubikopfs. Der Stil war innerhalb weniger Wochen eine Sensation. Die Frauen von Paris stürmten den Haarsalon im Kaufhaus. 1909 eröffnete Cierplikowski sein eigenes Geschäft – „Antoine de Paris“ – und wurde der erste weltweit berühmte Star-Friseur.

Sarah Bernhardt und Mata Hari besuchten seinen Salon. Später Prinzessin Margaret, Marlene Dietrich, Coco Chanel, Edith Piaf, Brigitte Bardot und Ginger Rogers. Filmstudios holten ihn für die Frisuren der Schauspielerinnen. Zu seinen Freunden zählten Pablo Picasso, Amedeo Modigliani und Salvador Dalí.

„Kulturbolschewik der Haar-Kunst“

Doch seine Haarkunst begeisterte nicht alle. Pariser Aristokratinnen verließen empört den Salon, als Cierplikowski sich weigerte, ihr Haar zu schneiden oder zu frisieren, ohne es zu waschen. Das konservative Europa war entsetzt über die kurzen Frisuren. In Großbritannien verbot Königin Mary den Garçonne-Stil am Hof. In Deutschland beschimpfte ein Mode-Kritiker Cierplikowski als „Kulturbolschewik der Haar-Kunst“.

Die Kritik schadete ihm nicht. Er eröffnete Filialen in Frankreich, Großbritannien, Schweden, Japan und in den USA, war der erste, der mit Farben experimentierte – blondes Bleichen mit Peroxid lehnte er ab – und entwickelte die ersten elektrische Haartrockner und Lockenwickler.

Gefeierte „Missionar“ in Amerika

1940 verließ er Frankreich und ging nach Amerika. Le Figaro schrieb, dass die Frisuren der schönen Frauen von Paris bald wie „Vogelnester“ aussehen würden. Amerika feierte ihn als „Missionar“. Seinen ersten Salon eröffnete er im berühmten Kaufhaus „Saks 5th Avenue“.

1947 kehrte er nach Paris zurück. Frankreich feierte ihn wie einen Heimkehrer aus einer anderen Zeit. Mitte der Sechzigerjahre brach das Fundament seines Erfolgs – seine Frau Berthe Astier verließ ihn, die kluge Geschäftsfrau, die auch seine Verschwendung kontrollierte. Er verlor die Übersicht über sein Imperium und kehrte 1970 in seine Heimatstadt Sieradz zurück. Dort starb er 1976 einsam, verarmt und vergessen. Kein Denkmal, keine Tafel in Paris erinnert an ihn – in Sieradz steht eine bronzene Statue.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.

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