Von der Wiener Kulturverwaltung, die Sozialzuschüsse und Stipendien kappt, kommt auf Anfrage keine Antwort. Aber Bablers Berater Rudolf Scholten schließt Sparmaßnahmen auf Kosten der Kunst definitiv aus. Der scheidende Bundestheater-General mahnt Kostendisziplin ein. Und die Betroffenen? Sehen diplomatisch dunkelgrau.
- Rudolf Scholten (Berater von Kunstminister Babler)
- Christian Kircher (Bundestheater)
- Jan Philipp Gloger (Volkstheater)
- Jan Nast (Wiener Symphoniker)
- Stephan Pauly (Musikverein)
- Lilli Paasikivi (Bregenzer Festspiele)
- Lukas Crepaz, Markus Hinterhäuser (Salzburger Festspiele)
- Matthias Naske (Wiener Konzerthaus)
- Daniel Froschauer, Michael Bladerer (Wiener Philharmoniker)
- Gerhard Ruiss (IG Autoren)
Die Zeiten für die Kulturnation werden hart, für die Großen wie für die in der Existenz bedrohten Kleinen. Wir erbaten Prognosen für die kommenden Jahre.
Rudolf Scholten (Berater von Kunstminister Babler)
Den Großen nehmen, die Kleinen schützen. Mit dieser Ansage hat Vranitzkys legendärer Kunstminister zuletzt via News erhebliches Aufsehen erregt. Das bekräftigt er nun: „Wir sind auf gutem Weg zu verhindern, dass das schwierige Budget 2027 besonders schwierig wird. Die Situation wird auch weiterhin bewältigbar sein, ohne dass die kleineren Institutionen und Initiativen leiden. Wobei auch schon die Nichterhöhung für viele eine große Schwierigkeit bedeutet. Aber generelle Kürzungen werden wir vermeiden.“ Klar: „Bei den Großen werden wir kürzen. Aber das darf nicht zulasten des künstlerischen Betriebs gehen. Kürzungen können auch bedeuten, dass man eine Investition verschiebt oder Bauprojekte verkleinert. So wie Bundesmuseen die Erneuerung ihrer Eingangsbereiche verschieben.“
Kann das Verfahren auf die Bühnen übertragen werden? „Auch an den großen Häusern sind immer wieder bauliche Adaptionen nötig, die man vorsichtig verschieben kann. Oder es müssen bestimmte technische Bereiche nicht an den allerteuersten Adressen angesiedelt sein“, verweist er auf immense Mieten an Luxusdestinationen.


Rudolf Scholten
© Bild: Matt ObserveSteht die Verringerung der Ensembles zur Debatte? Sind weniger Produktionen oder Schließtage praktikabel? „Schließtage kommen definitiv nicht infrage. Von der Verringerung der Ensembles ist keine Rede. Und ob man am Ende des Tages eine Produktion weniger macht, das entscheidet die Direktion. Aber ein spürbar schmäler werdender Spielplan kommt nicht heraus.“
Die Schließung des experimentellen Burgtheater-Kasinos? Darüber, sagt Scholten, werde immer wieder gesprochen. Der finanzielle Effekt wäre allerdings vernachlässigbar.
Substanzielle Gefahr droht indes Kleinstverdienern und Freien, die unregelmäßig beschäftigt sind und ab sofort zur Notstandshilfe nicht einmal Bagatellsummen zuverdienen dürfen. Also praktisch mit Arbeitsverbot belegt werden. Da kann Scholten nicht entwarnen. „Es gibt Gespräche zwischen Vizekanzler und Sozialministerin, und er vertritt die Position der betroffenen Künstlerinnen und Künstler sehr offensiv. Ob das zum Erfolg führt, weiß ich nicht, weil Veränderungen im Sozialsystem mit dessen vielen Verflechtungen zum Kompliziertesten überhaupt gehören.“
Christian Kircher (Bundestheater)
Da war einer mit Leidenschaft, Kunstund Wirtschaftsverstand. Leider verabschiedet sich der Geschäftsführer der Bundestheater-Holding im März, aus bedrängenden privaten Gründen und trotz wiederholter Bitten des Kunstvizekanzlers. Ihm folgt Alt-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid.
Die von Kircher verantworteten Häuser blühen: Die Staatsoper ist ausverkauft, das Burgtheater liegt in den Herbstmonaten bei mehr als 85 Prozent, die Volksoper bei knapp 90 Prozent Auslastung. „Aber das Geld, das wir damit verdienen, reicht bei Weitem nicht, um die steigenden Kosten zu decken, in erster Linie die 80 Prozent Personalkosten“, mahnt Kircher. „Wir haben genügend Reserven, um die laufende und die nächste Spielzeit zu stemmen. Danach klafft aber ein riesiges Loch.“


Christian Kircher
© BTH / PertramerSchließtage brächten eine Kündigungswelle und würden den politischen Auftrag unerfüllbar machen, sagt Kircher, der weiterhin die Valorisierung verlangt. „Wir brauchen nicht mehr Geld, sondern die Werthaltigkeit unserer Abgeltungen, wie es für die Landesverteidigung, die Polizei, die Krankenhäuser selbstverständlich ist. Sonst müssen wir aufhören, uns auf die Kulturnation zu berufen.“ Das eben renovierte Burg-Kasino zu schließen? Wäre schwer kommunizierbar. Das NEST, die Kinderbühne der Staatsoper? „Auch hier gibt es im Denken keine Grenzen, aber darüber reden wir derzeit nicht.“
Aber anderswo sieht er Sparpotenzial: „Bei den Kosten der Neuproduktionen. Und besonders, was die Auslastung der Ensembles im Verhältnis zu den Gästen betrifft, auch im zweiten und dritten Fach.“ Gemeint sei nicht die Burg – niemand wird Joachim Meyerhoff verübeln, dass er das Haus füllt. „Aber in der Oper ist, so wie überall, zu überprüfen, ob immer ökonomisch gehandelt wird. Es kann da um erstaunliche Summen gehen.“
Jan Philipp Gloger (Volkstheater)


Jan Philipp Gloger
© Matt Observe/News„Das Volkstheater hat den Auftrag, überregional stark wahrgenommen zu werden und für ein breites Publikum in Wien interessant zu sein. Dazu sind ein umfangreiches Repertoire sowie innovative und erfahrene Künstler:innen nötig. Das versteht die Kulturpolitik besser, als es aktuell vielleicht scheinen mag, und ich hoffe, dass die Durststrecke kurz ausfällt. Ein, zwei Jahre können wir uns angesichts der stagnierenden Zuschüsse, die bei hohem Personalaufwand und hoher Inflation real eine Kürzung bedeuten, mit kleinen Eingriffen Luft schaffen.
Das ist aber kein Dauerkonzept für ein Theater mit 840 Sitzplätzen. Mit Rücklagen können wir das Risiko reduzieren, kurzfristig sparen nur bei Produktionskosten. Aber Regieverträge werden zwei Jahre vor der Premiere abgeschlossen und eine Ausdünnung des Programms bei gleicher Einnahmenerwartung verunmöglicht Risiko, Experiment und Innovation.
Mittelfristig kann auch bei Infrastruktur und Backstage gespart werden, dazu müssen aber die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, und das kostet Geld. Mit großem Aufwand bringen wir zudem Kunst in die Bezirke, zu den Schulen, zu Theaterneulingen. Wer hier streicht, bekommt die Rechnung von einer abgestumpften, kulturfeindlichen Gesellschaft im Jahr 2040 präsentiert.“
Jan Nast (Wiener Symphoniker)


Jan Nast
© Wiener Symphoniker / Lukas Beck„Die Wiener Symphoniker arbeiten bereits höchst effizient: Alle von uns veranstalteten Projekte leisten einen positiven Deckungsbeitrag, d. h. ihre Streichung würde auch unser Ergebnis verschlechtern. Die neuen Formate bei freiem Eintritt, etwa die Beisl-Konzerte oder unser Prater-Picknick, werden von Sponsoren unterstützt.
Eine Kürzung an dieser Stelle würde einerseits keine Einsparungen bringen und gleichzeitig den erfolgreich eingeschlagenen Kurs der vergangenen Jahre gefährden. Rund 80 Prozent der Gesamtkosten entfallen auf vertraglich fixierte Personalkosten, die nicht verhandelbar sind. Daher sind mittelfristig nur sehr geringe Einsparungen realistisch.“
Stephan Pauly (Musikverein)


Stephan Pauly
© Bild: Matt Observe„Die Subvention der Stadt Wien für den Musikverein wurde von 400.000 um 12,5 Prozent auf 350.000 gekürzt. Aber die finanzielle Zukunft ist stabil. Zum einen haben sich die Anzahl der Mitglieder, der Abonnements, der Auslastung und der Vermietungen nach Corona gesteigert.
Zum anderen versuchen wir, möglichst wirtschaftlich und kostensparend zu handeln. Die finanzielle Stabilität des Musikvereins hängt aber auch in Zukunft insbesondere von einer weiterhin guten Entwicklung der Ticket-Verkäufe und weiterer Einnahmequellen ab. Die Kürzungen versuchen wir nicht mit Sparmaßnahmen, sondern mit mehr Anstrengungen im Sponsoring und Fundraising mit privaten Mäzenen zu kompensieren.“
Lilli Paasikivi (Bregenzer Festspiele)
„Mittelfristig sehe ich die finanzielle Zukunft der Bregenzer Festspiele als stabil, auch wenn die Herausforderungen zunehmen. Die Teuerung ist für uns in nahezu allen Bereichen klar spürbar. Wir schauen daher noch genauer hin, wo sich Strukturen verbessern oder Abläufe weiter modernisieren lassen. Sparmaßnahmen haben aber immer Auswirkungen auf das Ausmaß an Produktionen, die wir realisieren können.
Wir müssen zwischen wirtschaftlichen Einschränkungen und künstlerischen Ambitionen navigieren: wirtschaftlich verantwortungsbewusst arbeiten, ohne unseren künstlerischen Anspruch zu verlieren. Das Wesen der Bregenzer Festspiele liegt im Gesamtkunstwerk – in der Verbindung von Musik, Bühne und Landschaft. Diese Einzigartigkeit entsteht nur, wenn Ideen Raum bekommen und nicht durch reine Zwecklogik beschnitten werden.“
Lukas Crepaz, Markus Hinterhäuser (Salzburger Festspiele)


Markus Hinterhäuser
© www.neumayr.cc Neumayr / Christian Leopold„Bei allen Sparüberlegungen sollte man sich sehr klar darüber sein, dass die Kultureinrichtungen bereits wesentliche Einsparmaßnahmen setzen mussten, um die inflationsbedingten Kostensteigerungen der letzten Jahre von in Summe 25 Prozent zu bewältigen. Bei der Kultur zu sparen, mag zwar eine öffentliche Wirksamkeit haben. Aber um welches Einsparpotenzial reden wir eigentlich?
Das gesamte Kulturbudget macht sechs Promille des Bundesbudgets aus. Weitere Einsparungen werden entsprechend Arbeitsplätze gefährden und vernichten. Alleine die Salzburger Festspiele sichern durch ihre jährliche Wertschöpfung von 250 Mio. € jedes Jahr ca. 3.000 Arbeitsplätze und erwirtschaften für die öffentliche Hand Steuern und Abgaben in Höhe von 96 Mio. €.“
Matthias Naske (Wiener Konzerthaus)


Matthias Naske
© Matt Observe News„Die Subvention der Stadt Wien für 2026 wird voraussichtlich von zwei Mio. € auf 1,8 Mio. €, also um zehn Prozent, gekürzt. Vom Bund gibt es voraussichtlich auch eine Kürzung um zehn Prozent von zwei Mio. € auf 1,8 Mio. Das Konzerthaus lebt unternehmerisch von der aktiven Bespielung seiner vier Säle, von der Lebendigkeit seines Spielbetriebs und von der Treue des Publikums.
Die auf künstlerische Exzellenz gerichtete Programmierung in beispielgebender ästhetischer Vielfalt (etwa 900 Veranstaltungen pro Saison) und Erlöse aus der Vermietung des Hauses bilden dabei unsere wirtschaftliche Basis. Das besonders Wertvolle an der Mitfinanzierung durch die öffentliche Hand liegt darin, dass diese ohne einen unmittelbaren Fokus auf einen direkten Leistungsaustausch die Integrität des Spielbetriebs abzusichern hilft. Für eine Spielzeit lassen sich Finanzierungsausfälle kompensieren, mittelfristig gefährden die Kürzungen jedoch die Agilität und die soziale Durchlässigkeit.“
Daniel Froschauer, Michael Bladerer (Wiener Philharmoniker)


Daniel Froschauer und Michael Bladerer
© Matt Observe„Wir spielen das Konzert vor Schloss Schönbrunn bei freiem Eintritt für Millionen Menschen, die Musik lieben. Das Vorgehen der Stadt Wien, die uns immer ein geschätzter Partner war, gefährdet jetzt die ganze Veranstaltung. Es wäre nett gewesen, wenn man uns wenigstens in die Überlegungen einbezogen hätte. Wir verstehen, dass die Stadt weniger Budget hat. Aber man muss auch bedenken, dass dieser Zuschuss nur einen Bruchteil der Kosten ausgemacht hat.
Trotz unserer Sponsoren war uns immer ein riesiges Loch geblieben, das wir getragen haben, weil dieses Konzert wichtig ist. Wir erreichen damit 80.000 Menschen vor Ort. Die Veranstaltungskosten sind enorm, allein für das Licht übersteigen sie wesentlich die bisherige Unterstützung der Stadt Wien. Es war ein gemeinsamer Weg mit der Politik, und die lässt uns jetzt allein.“
Gerhard Ruiss (IG Autoren)


Gerhard Ruiss
© APA, HERBERT PFARRHOFER„Was mehr und was weniger wächst, wird in den nächsten Jahren ersetzt durch: Wo wird mehr und wo wird weniger gekürzt? Für 2026 sieht es so aus, als würde bei den Personenförderungen weniger gespart werden als bei den Strukturen. Es kann aber sein, dass es die Personenförderungen 2027 erwischt und es zu einer Schaukelbewegung nach unten kommt.
Bei der notorischen Unterfinanzierung der Freien Szene besteht null Sparpotenzial, jede Kürzung schlägt sofort durch. Es entsteht vielleicht gleich viel Kunst, aber es findet weniger statt. Wird weiter bei den Einrichtungen und Veranstaltungen gespart, kommt es zusätzlich zu den Programmausdünnungen zum Abbau professioneller Strukturen. Was dann noch überbleibt, ist angesiedelt zwischen risikolosem, dekorativem Geschehen, Liebhaberei und schnellen Geschäften.“
Und in Wien?
Die Nachrichten aus der Wiener Kulturpolitik beruhigen nicht: Stipendien und Sozialleistungen werden gekürzt, das eben zum Opernhaus des Jahres gewählte Theater an der Wien in einem Ausmaß, dass es den Zweitspielort Kammeroper schließen muss. Dafür sollen die im selben Konzern (VBW) zusammengefassten Musical-Kommerzbühnen Raimundtheater und Ronacher noch hinaufgefahren werden! Weder die Wiener Kulturstadträtin noch die hauptverantwortliche VBW-Geschäftsführung antworten auf Anfrage. Aber aus inoffizieller Quelle erfährt man: Die Kammeroper soll saniert und nach einer Spielzeit wiedereröffnet werden. Und abstrusem Ansinnen, auch im Theater an der Wien zwischendurch Musicals zu spielen, wird nicht stattgegeben.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 1+2/2026 erschienen.








