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Gottfried Helnwein: "Bidens Verbleib wäre schlimmer als Trump"

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Malerfürst Gottfried Helnwein

Malerfürst Gottfried Helnwein

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Vor dem nahenden 75. Geburtstag durchlebt der österreichische Malerfürst Gottfried Helnwein tosende Zeiten. Seinen Wohnsitz USA sieht er im Untergehen, die Kunst von Moralisierern und Zensoren in ihrer Existenz bedroht. Die Albertina bereitet derweil eine Prachtausstellung vor.

Um Opportunismen und Anpassungen, scheinbar Voraussetzung für das Gedeihen in einem sich immer hysterischer entwickelnden Markt, braucht sich Gottfried Helnwein lang nicht mehr zu kümmern. Ja, wer provoziert, statt Kunst als Investment zu betrachten, der wird unter zynischen Moralvorwänden gecancelt, räumt er im News-Gespräch ein. Aber bei Sotheby 's erzielte kürzlich eine großformatige, auf 30.000 bis 60.000 Euro geschätzte "Magenta Mouse" aus dem Jahr 2020 prachtvolle 127.000. Eine alte, rare "Epiphanie" erklomm 154.000, der klassische "James Dean" 142.000.

Am 8. Oktober wird Gottfried Helnwein 75 Jahre alt. Aus der würgenden Enge des Wiener Kunstbetriebs floh er schon 1985, erst nach Deutschland, dann an die heutigen Lebensmittelpunkte Irland und Florida. Heute wird er in der alten Heimat mit zunehmender Emphase willkommen geheißen: Der leider scheidende Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder richtet ihm mit Eröffnungsdatum 25. Oktober eine Retrospektive über die vergangenen 20 Jahre aus. Im Zentrum steht, wie in den Anfängen, wieder das gequälte, missbrauchte Kind. Ein Thema, das ihn nicht loslässt und das derzeit auch monumental vom Wiener Ringturm mahnt.

Vor wenigen Jahren hat er im nördlichsten Waldviertel ein Schloss erworben (News konnte exklusiv berichten). Hierhin soll sein Nachlass verbracht werden. Aber die aberwitzigen Inferioritäten der österreichischen Innenpolitik sind ihm fern wie ein anderer Planet. Dafür wendet sich der Erstunterzeichner von Alice Schwarzers Friedensmanifest für die Ukraine wie mit der Posaune von Jericho gegen den Wahnsinn der Welt, die er mitsamt der Wahlheimat USA detonieren sieht.

Herr Helnwein, wie ist das, wenn man als junger Wilder in ein präpatriarchales Alter gelangt?
Wie man bei Mick Jagger sieht, ist das neue 80 das alte 30. Er springt auf der Bühne immer noch herum wie in seiner besten Zeit.

Jagger hat mit den Stones jetzt ein neues Album veröffentlicht. Darf man annehmen, dass Sie als Fünfundzwanzigjähriger sich somit ebenfalls in vollem Schaffensdrang befinden?
Absolut. Ich mache keinen Urlaub und arbeite von früh bis spät durch, auch samstags und sonntags, von fünf Uhr früh bis neun Uhr abends. Bei mir stehen so viele Projekte an! Die Installation für den Ringturm ist gerade abgeschlossen, jetzt folgt die Ausstellung in der Albertina, dann zwei in Deutschland und danach in Barcelona und den USA.

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ZUR PERSON

Gottfried Helnwein wurde am 8. Oktober 1948 als Sohn eines Postbeamten in Wien geboren, studierte wie Manfred Deix und Hermann Nitsch an der Graphischen Bundes-Lehr-und Versuchsanstalt und dann bei Rudolf Hausner an der Akademie. Mit seinen hyperrealistischen Bildern, oft gequälte Kinder darstellend, erregte er früh Aufsehen und entkam den Intrigen und Nachstellungen der Szene erst nach Deutschland, dann in die USA und Irland. Heute lebt der österreichisch-irische Doppelstaatsbürger in der Nähe von Tipperary und in Florida. Auch mit seinen Porträts kulturhistorischer Persönlichkeiten von Warhol bis Keith Richards schrieb er Geschichte. Er ist verheiratet, hat vier Kinder und zwei Enkel.

© imago images/Oliver Langel

Sie legen Ihr Werkzeug tatsächlich 16 Stunden am Tag nicht aus der Hand? Das muss bei der verstörenden Thematik Ihres Werks doch auch emotional belastend sein, nicht?
Die 16 Stunden stimmen so nicht. Ein großer Teil meiner Arbeit ist Recherche und die Beschäftigung mit den humanitären, politischen und soziologischen Problemen unserer Zeit, Aspekte, die mit meiner Arbeit zu tun haben. Vor allem die Ereignisse in Amerika verfolge ich interessiert, wo ich ja die Hälfte meines Lebens verbringe.

Warum gerade dieser Hälfte Ihrer Welt?
Weil man sich dort im Epizentrum des Weltgeschehens befindet. Von hier geht alles aus. Wenn man die globalen Ereignisse verstehen will, muss man das System des angloamerikanischen Imperiums verstehen. Der Einfluss des sogenannten Military-Industrial Complex, vor dem President Eisenhower so eindringlich gewarnt hat, dominiert fast den gesamten Rest der Welt und bestimmt alle wichtigen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen der Länder, die im Prinzip nur Vasallen Amerikas sind. Ich beobachte schon seit Jahren, dass alle fragwürdigen Entwicklungen hier in Amerika mit einiger Verzögerung, wie das Amen im Gebet, immer auch in Europa ankommen. Deshalb ist es nicht so schwer, vorauszusehen, was auf uns zukommt.

Nämlich?
Zum Beispiel die ganze Woke- Propaganda, die von all den wirklichen Problemen der Menschen ablenken soll. Das neokapitalistische System kennt nur ein Axiom: Profit rechtfertigt alle Mittel. Empathie, Ethik und soziale Verantwortung sind in diesem System nicht vorgesehen. Amerika hat kein soziales Netz, es gibt keine Gesundheitsversorgung in unserem Sinn, das Schulsystem ist das schlechteste der Welt. Das Land ist überschwemmt mit legalen und illegalen Drogen, in vielen Städten sind ganze Straßenzüge voll mit Obdachlosen und Drogenabhängigen, Kriminalität, Morde und Waffengewalt sind außer Kontrolle. Immer öfter formieren sich Flashmobs, die Geschäfte und Supermärkte stürmen und alles ausräumen, ohne dass sie irgendjemand daran hindern kann. Während das Land mit mehr als 30 Billionen verschuldet ist und bereits große Teile der Bevölkerung unter dem Niveau der Dritten Welt leben, werden jährlich immer mehr Milliarden in die Kriegsmaschinerie gepumpt. Fast 900 Milliarden letztes Jahr. Ganz im Sinne des Friedensnobelpreisträgers Obama, der stolz verkündet hat: "Wir geben mehr für die Rüstung aus als die nächsten zehn Länder zusammen."

Das klingt doch, als müsse man froh sein, dass es Russland und China gibt. Meinen Sie das tatsächlich?
Ich halte eine gesunde Distanz zu jeder Ideologie und politischen Partei. Grundsätzlich bin ich Pazifist und gegen jede Art von Krieg. Ich lehne jeden Überfall auf ein anderes Land ab. Den Überfall Russlands auf die Ukraine genauso wie den der Amerikaner auf den Irak, Vietnam, Korea, Afghanistan, Guatemala, Panama, Libyen, etc. Ein Problem habe ich allerdings mit der unvermeidlichen Propaganda jedes Krieges, die immer die eine Seite als die Guten und die andere als Monster darstellt. Vor allem, wenn die Guten mit Neonazis durchsetzt sind wie dem Asow-Bataillon, dessen Kämpfer mit Nazi-Runen, SS-Emblemen, Hakenkreuz-und Hitler- Tattoos geschmückt sind. Ein wirklich ernsthaftes Problem habe ich aber, wenn der King of Woke, Premier Justin Trudeau, zusammen mit Selenskyj im kanadischen Parlament einen Kriegsverbrecher und Massenmörder, einen ehemaligen Freiwilligen der SS-Division Galizien, mit Standing Ovations als Freiheitskämpfer feiert. Ein wahrhaft weiter Weg von den "Frieden schaffen ohne Waffen"-Achtundsechziger- Linken und -Grünen zu den neuen woken Nazi-Verstehern.

Die kapitalistische Elite hat die Linke geschluckt. Mit Haut und Haaren.

Ausgerechnet deren Nachfolgegeneration fordert immer schwerere Waffen für die Ukraine.
Ich erinnere mich noch sehr gut an die "Raus aus der Nato"- Parolen der linken Demonstranten in den 60er- und 70er-Jahren. Heute könnte Annalena Baerbock mit ihrer Rhetorik nahtlos in die Nato wechseln und eine erstklassige Generalsekretärin stellen. Die linken Studenten haben ja damals den "Marsch durch die Institutionen" ausgerufen, um das System von innen her zu verändern. Aber im Rückblick kann man es ruhig sagen, bei diesem Marsch haben die Institutionen gewonnen. Es sieht eher so aus, als hätte die kapitalistische Elite die Linke geschluckt. Mit Haut und Haaren. Die Führung der Demokraten, der traditionellen Linken in den USA, besteht heute fast ausschließlich aus Millionären und Milliardären. Die skrupellosesten Kapitalisten, Spekulanten und Monopolisten wie Soros, Bill Gates, Zuckerberg, Warren Buffett, die Banker, die Medien und die Geheimdienste haben sich alle zu Ehren-Linken ernannt, während die kleinen Leute, die Arbeiter, die Verlierer des Systems, als Nazis und Rechte beschimpft werden.

Amerika demontiert sich gerade selbst. Joe Biden ist nicht nur einer der korruptesten Politiker Amerikas, er ist mittlerweile auch noch dement im fortgeschrittenen Stadium. Er hat meistens keine Ahnung, wo er gerade ist und was er da soll, er stolpert und fällt immer wieder hin, und wenn er am Rednerpult steht, verwechselt er Namen und Daten, trotz Schummelzettel und Teleprompter verliert er ständig den Faden. Sein Sohn Hunter hat jahrelang in der ganzen Welt Millionen von Bestechungsgeldern für ihn eingesammelt. Alles gut dokumentiert auf seinem Laptop, den er in einem Reparaturshop vergessen hat abzuholen.

So ein Laptop hat auch in Österreich einiges auf den Weg befördert. Ein gefährliches Instrument, nicht?
Aber in den USA hat das natürlich eine ganz andere Dimension.

Wer wird die Präsidentenwahlen 2024 in den USA gewinnen?
In allen Meinungsumfragen ist Trump ganz vorne, kein anderer Kandidat kommt an ihn heran. Wenn er nicht vorher eingesperrt oder umgebracht wird oder die Wahlen massiv gefälscht werden, müsste er nach dem derzeitigen Stand gewinnen.

Halten Sie Trump im Ernst für die bessere Wahl?
Ich könnte Ihnen eine ganz lange Liste von Gründen aufzählen, die gegen Trump sprechen, aber so unglaublich es klingen mag, Bidens Verbleib wäre noch viel schlechter. Robert Kennedy jr. ist meiner Meinung nach der bei Weitem intelligenteste und integerste Kandidat. Er kämpft seit Langem als Anwalt gegen die Zerstörung der Umwelt und setzt sich für Menschen, vor allem Kinder ein, die den skrupellosen Machenschaften großer Konzerne, allen voran Big Pharma, zum Opfer gefallen sind. Er ist ein idealistischer Rebell, der sich mit der kapitalistischen Elite angelegt hat. Das Establishment und die Medien hassen ihn mehr als Trump oder jeden anderen, sie würden nie zulassen, dass er gewählt wird. Bevor das passiert, würden sie dafür sorgen, dass er das gleiche Schicksal erleidet wie sein Vater und sein Onkel.

Lassen Sie uns doch auf die Situation in Österreich kommen. Die FPÖ steigt in den Umfragen, Kickl triumphiert. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre Ängste und Probleme nicht ernst genommen werden und dass sie von den Politikern und den Medien im Stich gelassen werden. Das ist der Grund, warum sich immer mehr rechtspopulistischen Parteien zuwenden, nicht unbedingt, weil sie rechtsradikal oder rassistisch sind. Sahra Wagenknecht hat gesagt, dass sie immer wieder von Menschen bedrängt wird, endlich eine eigene Partei zu gründen, da sie sonst gezwungen wären, die AfD zu wählen. Wenn der Trend so weitergeht, müssen sich die AfD, Kickl und Marine Le Pen nur zurücklehnen und warten. Meloni in Italien hat schon gewonnen.

Sie sind doch nach wie vor österreichischer Staatsbürger. Wählen Sie nächstes Jahr in Österreich und wen?
Ich gebe keine Wahlempfehlungen ab und äußere mich grundsätzlich nicht dazu, wie ich wähle.

Aber Sebastian Kurz haben Sie persönlich getroffen. Jetzt gibt es drei Filme über ihn im Kino. Haben Sie den Eindruck, dass er wiederkommt?
Als Bundeskanzler Kurz auf Staatsbesuch in Irland war, haben er und der irische Regierungschef Varadkar mich nach Dublin eingeladen, vermutlich, weil ich sowohl österreichischer als auch irischer Staatsbürger bin. Später hat mich Sebastian Kurz ins Bundeskanzleramt eingeladen und seinen Wunsch eines Helnwein- Museums geäußert.

Gibt es dazu schon konkrete Pläne?
Erwin Pröll hat mir mehrmals ein Museum in Niederösterreich angeboten, und ich muss sagen, mir fällt niemand ein, der sich mehr für Künstler und die Kultur in seinem Land eingesetzt hat als er. Völlig unpolitisch und über alle Ideologien hinweg hat er Museen für Nitsch, Deix, Rainer, Frohner und Spoerri durchgesetzt, gegen alle Widerstände. Mit Peter Turrini, der ja eher dem linken Spektrum zuzurechnen ist, ist er eng befreundet. Für mein Museum war es damals aus verschiedenen Gründen noch nicht der richtige Zeitpunkt, aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Wäre Ihr Schloss in Niederösterreich nicht ein idealer Ort für Ihr Museum?
Das wäre zu abgelegen. Ich bin jedenfalls dabei, eine Stiftung zu gründen, damit mein Werk später der Öffentlich zugänglich gemacht werden kann. Meine Arbeit ist tief verwurzelt in der österreichischen Kulturtradition, deshalb gehört mein künstlerischer Nachlass auch hierher.

In Los Angeles, Israel und in Deutschland haben Ihre Bühnenbilder an Opernhäusern und Theatern großes Aufsehen erregt. Gibt es Pläne für die Staatsoper, das Burgtheater, für Salzburg?
Hier hat mich noch niemand gefragt, aber die amerikanische Regisseurin Lydia Steier will eine Wiederauferstehung und Neufassung meines "Rosenkavaliers", den ich für die Los Angeles Opera gemacht habe, für die Oper in Zürich realisieren. Die Arbeit an einer Oper war für mich immer eine faszinierende Herausforderung, aber da mein Freund, der Regisseur und Choreograf Hans Kresnik, vor einiger Zeit gestorben ist, habe ich einen idealen Partner für die Bühnenarbeit verloren. Als letztes Stück haben wir die "Die 120 Tage" von Pasolini an der Berliner Volksbühne gemacht, ganz im Sinne Pasolinis als Frontalangriff auf das System. Es hat ein bisschen für Aufregung gesorgt, war aber immer ausverkauft, schließlich hat ein CDU-Politiker interveniert und alle weiteren Aufführungen verhindert. Aber das beste Bühnenbild, das mir jemals gelungen ist, war eine monumentale Installation für die Oper "The Child Dreams", in Tel Aviv, nach einem Stück des israelischen Autors Hanoch Levin.

Das Stück erzählt vom Leid jüdischer Kinder auf der Flucht vor dem Holocaust. Weshalb lässt Sie dieses Thema nicht los?
Das Thema des Stücks ist eigentlich grundsätzlicher und umfassender, es die Konfrontation des Kindes in seiner Unschuld, Verletzlichkeit und Ahnungslosigkeit mit der korrupten, erbarmungslosen Welt der Erwachsenen. Der Autor hat viele ergreifende poetische Bilder entworfen, zum Beispiel den "Berg der toten Kinder", wo Kinderleichen, auf einen Haufen geworfen, zum Teil halbverwest, verloren und desorientiert, miteinander flüsternd rätseln, wie es nun weitergehen soll. Ein Konzept, das sich auf einer Bühne eigentlich gar nicht darstellen lässt, aber ich war von der Idee besessen, diese erschütternde Imagination dreidimensional umzusetzen.

Nach einem langen Kampf mit allen Beteiligten, der bis ins israelische Arbeitsministerium reichte, ist mir schließlich eine Installation gelungen, die den Menschen den Atem geraubt hat. Ich habe eine Art "Universum der toten Kinder" geschaffen, die Illusion eines schier endlosen, dunklen Raums, in dem scheinbar Tausende bandagierte und blutüberströmte Kinder schwebten, mit echten Ballett-und Akrobatenkindern, die an unsichtbaren Drahtseilen hingen, mit Puppen, Spiegeln und Rückprojektionen. Als endlich alle Elemente zusammengefügt waren und ich das ganze Bild zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe, war ich selbst überwältigt. Im Grunde ist es das ewige Thema der Gewalt gegen die Wehrlosen, gegen Frauen und vor allem Kinder. Jeder, der die Zeitung aufschlägt, wird täglich damit konfrontiert. Ich denke an den Fall Dutroux in Belgien oder an den BBC-Star Jimmy Savile, der Hunderte Kinder vergewaltigt hat. Und erst vor ein paar Tagen stand der ABC-Reporter James Gordon vor Gericht, der sadistische Pornos, in denen Babys vergewaltigt werden, vertrieben hat.

Florian Teichtmeister hat ähnliche Bilder gesammelt. Wie beurteilen Sie denn diesen Fall?
Es gibt viele Teichtmeister. Und alle Fälle haben eines gemeinsam: extrem milde Strafen, wenn es überhaupt Verurteilungen gibt.

Wenn jemand seine sadistischen Triebe nicht kontrollieren kann, muss er isoliert werden

Und wie soll man mit solchen Tätern umgehen?
Mir liegt nichts an Rache oder Bestrafung, aber alles am Schutz derer, die sich nicht wehren können. Wenn jemand, aus welchem Grund auch immer, seine sadistischen Triebe nicht kontrollieren kann, müsste er isoliert und daran gehindert werden, das Leben anderer zu zerstören. Eben habe ich erfahren, dass Maximilian Schell sowohl seine Nichte als auch seine Tochter sexuell missbraucht haben soll.

Er war Ihr Regisseur beim "Rosenkavalier" in L.A.
Ja, ich habe damals schon gehört, dass er Frauen gegenüber übergriffig war, und ich habe irgendwann den Kontakt zu ihm eingestellt. Vorwürfe gibt es jetzt auch gegen Marilyn Manson und Rammstein, ob da etwas dran ist, weiß ich nicht. Es muss aber die Unschuldsvermutung gelten, und nur ein rechtsstaatliches Verfahren kann die Sache klären, nicht irgendein Cancel-Culture-Shitstorm im Internet.

Mit Manson sind Sie doch befreundet. Haben Sie ihn nie auf diese Vorwürfe angesprochen?
Ich habe schon länger nicht mehr mit ihm gesprochen, die letzte E-Mail, die ich von ihm erhalten habe, lautete: "It's a very sad day, I love you, my dear friend", das war zum Tod unserer Freundin Lisa Marie Presley. Ich habe in Los Angeles mit ihm an verschiedenen künstlerischen Projekten gearbeitet, er war damals mit Dita Von Teese zusammen, die er dann später in meinem Haus in Irland geheiratet hat. Ich habe niemals irgendetwas in diese Richtung bemerkt.

Was soll man mit den Liedern und Filmen dieser Leute machen? Soll man sie weiterspielen?
Cancel Culture ist ein äußerst gefährliches Instrument, das zu Bilderstürmerei, Vernichtung von Kunst, Kultur, zur Auslöschung von Geschichte und Erinnerung führen wird. Die Vergangenheit ist voll mit Beispielen von Bücherverbrennungen, Zerstörung von Kunstwerken, ganzen Bibliotheken, bedeutender wissenschaftlicher Dokumente und großer Architektur. Es ist ein verheerender Fehler, Kunstwerke oder wissenschaftliche Werke zu vernichten, unter dem Vorwand angeblicher oder tatsächlicher moralischer Verfehlungen der Urheber. In Amerika und England werden Werke der Weltliteratur aus Bibliotheken entfernt, umgeschrieben, damit sie dem Woke-Standard entsprechen, oder zensiert. Die Universität Essex hat Werke wegen drastischer Darstellungen von Sklaverei "dauerhaft" von Leselisten entfernt. August Strindbergs Stück "Fräulein Julie" findet sich nicht mehr in Kursen der Uni Sussex, weil darin über Suizid gesprochen wird. Studierende sollen sich über emotionale Belastung beschwert haben. Charles Dickens und William Shakespeare sind ebenso von den Aktionen betroffen. Im "Sommernachtstraum" des Letztgenannten wurde von der Uni Aberdeen "Klassismus" ausgemacht. Auch Jane Austen, Charlotte Brontë und Agatha Christie haben Triggerwarnungen erhalten. Traditionellen Märchen geht es wegen Grausamkeit gegen Tiere an den Hals.

In Amerika werden gerade massenhaft Denkmäler abgerissen, darunter die von Columbus, George Washington, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt. Alles in der Tradition der Calvinisten, Islamisten, Nazis und Stalinisten oder von Maos "Kulturrevolution", die nicht nur unschätzbare Kunstschätze zerstört, sondern Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Kunst hat auch die Aufgabe, sich mit den dunklen Seiten der menschlichen Existenz auseinanderzusetzen und die Menschen daran zu hindern, zu vergessen, damit sich Geschichte nicht immer wiederholen muss. Goyas "Gräuel des Krieges" sind ein gutes Beispiel dafür. Während ich Anfang der Siebzigerjahre meine verwundeten Kinder gemalt habe, sind weltweit in Kinderheimen Kinder schwer misshandelt und missbraucht worden, in kirchlichen, staatlichen, in psychiatrischen Anstalten, aber niemand hat darüber gesprochen. Erst zwanzig Jahre später war die Gesellschaft soweit, sich mit diesem dunklen Kapitel auseinanderzusetzen.

Wer beim Markt nicht mitspielt, dem droht die Zensur

Kann man mit Kunst denn überhaupt noch provozieren?
Wenn man als Künstler ein Anliegen hat, das, wie Kandinsky sagte, aus einer "inneren Notwendigkeit" kommt, wird man heute mehr den je als Provokateur empfunden. Bei der neuen Generation von Künstlern sehe ich aber kaum mehr ein idealistisches oder gesellschaftskritisches Anliegen. Kunst wird vor allem als Investment und Karrieremöglichkeit im internationalen Kunstmarkt verstanden. Und allen, die da nicht mitspielen und zu frech werden, drohen Cancel Culture und Zensur.

Und das Lueger-Denkmal in Wien?
Es ist nicht immer leicht, historische Ereignisse oder Personen aus heutiger Sicht objektiv und fair zu beurteilen. In diesem Fall gibt es aber einen Zeitzeugen, der objektiver und unvoreingenommener gar nicht sein könnte: Stefan Zweig, der Lueger persönlich kannte. Stefan Zweig war ein brillanter, eloquenter, analytischer Geist, selbst Jude, der später, von den Nazis vertrieben, im Exil in seinem Buch "Die Welt von Gestern" seine Erinnerungen an Wien beschreibt. Er sagt, dass Lueger jüdische Freunde hatte und sein Antisemitismus nur verbal und oberflächlich war. Es gab ja damals auch Juden, die sich antisemitisch geäußert haben, Karl Kraus und andere. Stefan Zweig sagt jedenfalls, dass er selbst wegen seiner jüdischen Herkunft im alten Österreich niemals Anfeindungen oder Diskriminierungen erfahren hatte. Für uns ist es heute nicht leicht, mit den Erfahrungen des Holocaust in unserem kollektiven Gedächtnis dieses Thema in der Zeit davor unbefangen zu beurteilen.

Soll man das Denkmal also stehen lassen?
Wenn man unbedingt ein Denkmal entfernen will, dann sollte man mit den Denkmälern von Leopold II. in Belgien beginnen, der im Kongo etwa zehn Millionen Menschen abgeschlachtet hat und Frauen und Kindern Hände und Arme abhacken ließ, wenn die versklavten Männer nicht schnell genug gearbeitet haben. Mit Lueger sollte man sich kritisch auseinandersetzen, ich bin aber nicht sicher, ob die Entfernung seines Denkmals dabei helfen kann.

Meinen Sie, dass es eine Diktatur der Woken gibt?
Natürlich, die Liste der Worte, Bilder und Themen, die man nicht mehr gebrauchen darf, wird immer länger, und in den Köpfen der Menschen hat sich Selbstzensur eingenistet, um Bestrafung und Erniedrigung zu vermeiden. Ein Shitstorm kann eine Existenz mit einem Schlag vernichten.

Sind Sie selber auch vorsichtiger geworden?

Sicher nicht, aber ich merke, dass es immer schwerer wird, bestimmte Bilder auszustellen oder zu publizieren. Für eine Monografie wollte ich das Bild "Der Besuch" als Cover ...

... das ist das Bild, auf dem sich eine gelbe Gestalt mit langer Nase einem Kind auf einem Bett nähert?
Richtig. Der italienische Kunstverlag hat das mit dem Argument abgelehnt, dass ein Buch mit einem derartigen Titelbild weder in den USA noch in China oder in islamischen Ländern vom Buchhandel akzeptiert würde.

Und gab es Reaktionen auf Ihr Monumentalbild auf dem Ringturm, das ein verletztes Mädchen zeigt?
So eigenartig es klingen mag, aber es gibt in Wien eine viel größere Toleranz gegenüber Bildern als in den meisten anderen Ländern. Das liegt an der Tradition der barocken Bilderflut der katholischen Gegenreformation. In islamischen Ländern, aber auch im protestantisch-calvinistisch geprägten Amerika wäre es unmöglich, solche Bilder öffentlich zu zeigen. Hier können die Leute mit Bildern umgehen, und für diese Möglichkeit des Dialogs mit den Menschen bin ich dankbar.

Malen Sie denn für bestimmte Länder jetzt andere Bilder?
Ich habe kein Talent zur Anpassung oder Unterwerfung, in meiner Arbeit bin ich eigensinnig und relativ unbeeinflussbar durch die Umwelt oder irgendwelche Regeln und Trends. Als Außenseiter und Störenfried habe ich das, was mir am wichtigsten ist: Freiheit und Unabhängigkeit.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2023 erschienen.

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