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Furiose Premiere: „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder

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©Tommy Hetzel

Stefan Bachmann spielt die künstlerische Exzellenz seiner Virtuosen im Ensemble aus.

Als Thornton Wilders Erkundung der Apokalypse „Wir sind noch einmal davongekommen“ (im amerikanischen Original:„Skin of our Teeth“) im Oktober 1942 in New Haven, Connecticut, zur Uraufführung kam, fand die Katastrohe in der Realität statt. Dem Zweiten Weltkrieg, der Shoah, dem globalen Morden setzte der Dramatiker eine Groteske, famoses absurdes Theater entgegen. Er schickt die Familie Antrobus durch die Jahrtausende, lässt sie stellvertretend für die Menschheit an sich die Eiszeit, die Sintflut und einen Krieg überstehen. Bachmann schlägt in seiner Inszenierung einen stimmigen großen Bogen über die drei Akte. Jeder für sich wirkt wie eine eigene Insel. Bachmann hält sich dicht am Text und gibt, wie es bei Wilder steht, mit einem Fernsehansager den Auftakt. Auf den goldenen Eisernen Vorhang werden Nachrichten, wie man sie vor Jahrzehnten in den USA gesendet hat, projiziert. Bürgermeister Michael Ludwig wird im Amt gefilmt. Die Familie Antrobus wird vorgestellt. Nicholas Ofczarek und Caroline Peters erscheinen abwechselnd als Steinzeitmenschen und Zeitgenossen. Auch ihr Haus mit den sieben Zimmern wird im Film präsentiert.

Die leere, stählerne Bühne (Olaf Altmann) wirkt wie eine gigantische Raumkapsel, die ihre Insassen durch die  Zeit führt. Mr. Antrobus hat das Rad und das Alphabet erfunden und lädt verirrte Wanderer in Glitzerkleidern in sein Haus. Homer samt Musen werden mit Kaffee und Sandwiches versorgt, nachdem dieser auf Altgriechisch Verse aus der „Odyssee“ deklamiert hat. Da wird absurdes Theater zur Revue. Tausende Jahre später treten Mr. Und Mrs. Antrobus in Abendkleidung auf. Er ist der Präsident der Säugetiere und bringt sämtliche Spezies auf einem Schiff vor der Sintflut in Sicherheit. Im dritten Akt hat sich die Raumkapsel wie ein Bunker geschlossen. Aus einem Spalt kommen Frau Antrobus und ihre Tochter mit Säugling. Ihre Haushälterin Sabina verkündet das Kriegsende. Vater und Sohn kommen nach Hause zurück. Von Akt zu Akt lässt Bachmann das Visionäre an Wilders Text erkennen. Die Sintflut, die Kriege, der Forscherdrang von Mr. Antrobus wirken wie ein Abbild der Gegenwart.

Dass tatsächlich  nach der Pause zwei weitere Stunden vergangen sind, will man gar nicht glauben. Denn gespielt wird grandios. Stefanie Reinsperger führt als Haushälterin Sabine durch das gesamte Stück. Famos wechselt sie zwischen den Spielebenen, kommentiert ihre Rolle und reißt das Publikum mit. Nicholas Ofczarek ist Mr. Antrobus. Dieser Schauspieler übertrifft sich in dieser Figur ständig selber. Zuerst als schrullige Erfinder in einer Art Willy-Wonka-Kostüm, dann als Macho im Smoking, der sich verführen lässt und schließlich als Intellektueller im Rollkragenpullover. Die Konfrontation von Antrobus‘ mit seinem Sohn (toll, Mehmet Ateşçi) lässt er subtil zum Thriller werden. Atemberaubend sein Schlussmonolog. Hier ist ein Virtuose zu erleben. Das ist größte, konkurrenzlose Schauspiel- und Sprechkunst.

Caroline Peters ist ihm eine phänomenale Partnerin. Das gesamte Ensemble, Zeynep Buyraç, Mehmet Atesci, Nils Strunk, Barbara Petritsch, Martin Reinke, Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski, Elisabeth Augustin verkörpern künstlerische Exzellenz.

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