Die Kerzen sind abgebrannt. Der Baum ist vertrocknet. Keiner hat noch Lust auf Weihnachtskekse. Der Zauber ist irgendwie verflogen. Aber welcher Zauber überhaupt? Haben Sie beschauliche Feiertage hinter sich? Oder kam es wie so oft: mindestens ein Streit. Und der Vorsatz: Nächstes Jahr machen wir alles anders.
Von Maria Mayböck
Ende November telefonierte ich mit meinem Papa. Es ging um irgendeine Unterschrift, die er von mir für die Bank brauchte. Es liege Schnee in Oberösterreich, meinte er. Aufpassen müsse man, die Straßen seien glatt. Das Gespräch war sogar so gut, dass ich ihm ein bisschen aus meinem Privatleben erzählte. Aber dann meinte er: „Jetzt müssen wir dann eh wieder reden. Weißt eh, wegen Weihnachten.“
„Ja ja, Papa, ich muss jetzt gehen. Tschüss!“, sagte ich und legte schnell auf.
Ich hasse Weihnachten. Nicht, weil mir die Weihnachtsmärkte am Nerv gehen. Oder weil ich das ewige „All I Want for Christmas“-Gedudel im Billa nicht aushalte. Ich mag die Weihnachtsstimmung. Die Lichter. Den Geruch nach Punsch. Das in Schals und Hauben eingepackte Pinguin-Dasein. Ich binde sogar meinen eigenen Adventkranz und mache fast immer pünktlich das nächste Türl meines Adventkalenders auf. Aber der 24. Dezember ist seit Langem mein Todfeind.
Alle Jahre wieder
Wir feiern Weihnachten in der Kernfamilie: Mama, Papa, mein Bruder und ich. Obwohl die Eltern seit über 20 Jahren geschieden sind. Weil sich das so gehört. Es sei ja ein Familienfest.
Kennen Sie die Edeka-Weihnachtswerbung von 2015 noch? In der der Opa seinen eigenen Tod vortäuscht, damit seine Kinder und Enkelkinder endlich für die Festtage zusammenkommen? „Zeit heimzukommen“ heißt es am Ende. Aber nicht nur Werbung, auch Filme, Social Media – sie alle leben uns vor, wie das perfekte Weihnachtsfest auszusehen hat. Ein Tag voll Harmonie und Zusammenhalt.
„Da reagiert der Kapitalismus oft sehr präzise auf diese Wunschvorstellung“, meint Kulturwissenschafter Konrad Kuhn von der Universität Innsbruck. „Wir werden ja verkitscht und verkindlicht in diesen Zeiten. Alles bimmelt und klingelt.“ Der Wunsch nach einem Fest, wie es damals war, als die Sorgen und Nöte der Welt noch jenseits des Begreifbaren waren, sei stark an Weihnachten, so Kuhn.
Als kleines Mädchen erlebte ich das Weihnachtsfest so, wie es mir meine Bücher vorlebten. Ich studierte stundenlang unsere Weihnachtskrippe. Wochen vor Weihnachten drehten sich meine Klavierstunden nur noch um Weihnachtslieder. An Heiligabend lasen wir das Weihnachtsevangelium und rissen aufgeregt das Geschenkpapier von den Geschenken. Eine ganz normale Familie, oder?
Das Ideal der Kernfamilie
Für viele bedeutet Familie weiterhin die Bilderbuch-Konstellation: Vater, Mutter, Kind(er). Eine Vorstellung, die romantisiert ist, und mit der gelebten Realität wenig zu tun hat, sagt Ulrike Zartler, Familiensoziologin an der Universität Wien. „Historisch betrachtet gab es nur eine relativ kurze Phase, in der dieses Modell von einem großen Teil der Bevölkerung gelebt werden konnte – nämlich zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren.“ Diese Zeit werde in der Soziologie oft als das „Goldene Zeitalter der Familie“ bezeichnet. Möglich gemacht wurde es durch wirtschaftlichen Aufschwung, niedrige Scheidungsraten und eine klare Rollenteilung: Er verdiente das Geld, sie war für Haushalt und Kinder zuständig.


Dieses Ideal prägt unser Verständnis von Familie bis heute – auch rechtlich. Die Kernfamilie ist im österreichischen Recht weiterhin als Norm verankert, „obwohl dieser Rechtstext* kaum abbildet, was Familienleben heute ausmacht“, wie Zartler festhält.
Rechtstext
§ 44 im Allgemein Bürgerlichen Gesetzbuch: „Die Familien-Verhältnisse werden durch den Ehevertrag gegründet. In dem Ehevertrage erklären zwey Personen gesetzmäßig ihren Willen, in unzertrennlicher Gemeinschaft zu leben, Kinder zu zeugen, sie zu erziehen, und sich gegenseitigen Beistand zu leisten.“
Familie ist längst vielfältiger, als es dieses Ideal nahelegt. Gleichzeitig wird ihr Wandel oft überschätzt: Nur rund neun Prozent aller Familien mit Kindern sind in Österreich Stieffamilien. Das sei weniger als viele annehmen, so Zartler. Historisch betrachtet waren solche Konstellationen sogar deutlich häufiger als heute – etwa aufgrund hoher Sterblichkeitsraten der Mütter. Die Familienkonstellation von Aschenputtel & Co. ist also nicht bloß eine Erfindung der Gebrüder Grimm, sondern spiegelt vielmehr die soziale Realität ihrer Zeit wider.
Familie jenseits der Verwandtschaft
Heute wissen wir, dass das Funktionieren von Familie nicht von biologischer Verwandtschaft abhängt. „Aus psychologischer Sicht definieren wir den Begriff Familie über die Qualität der Beziehung, die emotionale Verbundenheit wie Geborgenheit und Akzeptanz“, so die klinische Psychologin Jennifer Kosak-Posch. Entscheidend sei eine gemeinsame Lebenswelt, die durch Werte, Nähe und Rituale entsteht.
Die Familiensoziologie spricht in diesem Zusammenhang von ‚Doing Family‘: „Wir gehen davon aus, dass Familie nicht mehr etwas ist, das einfach da ist. Familie muss hergestellt werden, und zwar dadurch, dass gemeinsame Handlungen stattfinden,“ so Zartler. Gerade Feste wie Weihnachten seien dafür ein zentrales Beispiel: weniger wegen der Blutsverwandtschaft, sondern weil sie sichtbar machen, wer füreinander Familie sein will.
Dass sich diese Definition weiter öffnet, zeigt sich besonders bei Jugendlichen, beobachtet Birgit Satke, Leiterin des Beratungsteams bei Rat auf Draht: „Viele sagen ganz klar: Meine Freunde sind eigentlich meine Familie.“ Nähe, Solidarität und gemeinsame Werte treten an die Stelle der klassischen Verwandtschaft.
Überfluss, Askese, Weihnachtsflucht
Später, als der kindliche Weihnachtszauber längst verflogen war, versammelt sich unsere Familie jedes Jahr in einem Zoom-Call, um das Weihnachtsfest zu besprechen. Jahr für Jahr gibt es Bemühungen, es dieses Mal anders zu machen: Gar nicht feiern. Ohne Geschenke feiern. In Wien statt in Linz feiern. Sich ehrenamtlich engagieren. Stattdessen nach Costa Rica fahren.
Die Ideen werden halbherzig herumgeworfen. Manchmal auch belächelt. Und schnell wieder verworfen. Bis Papa dann meint: „Wie gesagt, mein Haus steht euch offen. Wir können gerne wieder hier feiern.“ Und dann knicken alle ganz schnell ein: Stimmt, da haben wir alle Platz. War ja doch ganz nett, letztes Jahr. Treffpunkt um 12:00, wie immer? Und dann Papa: „Bitte schickt’s mir jeder eine Wunschliste. Nicht zu spät, damit ich das noch einkaufen kann!“
Weihnachtsflucht
Der Soziologe Tilman Allert beschreibt in einem Artikel der FAZ aus 2010 das Phänomen der „Weihnachtsflucht“ – die Flucht vor der Realität. Statt mit Weihnachten und seinen Ritualen konfrontiert zu sein, tauscht der Weihnachtsflüchtling das kalte Zuhause gegen Strand, Palmen und Piña Coladas aus
Feiern ohne Geschenke?
Das gegenseitige Schenken gehe auf die bürgerliche Kleinfamilie des 19. Jahrhunderts zurück, so Kulturwissenschafter Kuhn: „Diese Familienmodelle funktionieren kapitalistisch und somit auch die Erziehungsmodelle: Strafe und Gabe.“
Während in der Tradition des gebenden Nikolaus und des strafenden Krampus dieses Konzept noch expliziter wirkt, agiert es in Form der Geschenke unter dem Christbaum impliziter. „Mit einem Geschenk geben wir in gewisser Weise auch die Version mit, die wir von der Person haben möchten. Wir schenken uns immer auch mit“, so Kuhn. Dadurch entstehe automatisch ein Machtgefälle zwischen dem Schenker und dem Beschenkten. Letzterer wird zum Kind, von dem Dankbarkeit erwartet wird.
Doch obwohl die Tradition des Schenkens nicht unproblematisch ist, funktioniere Weihnachten auch nicht ohne Geschenke: „Weihnachten muss als Gegenstück zum Alltag funktionieren“, so Kuhn. Nur dadurch könne sich das Fest vom Alltag abheben und zu etwas Besonderem werden.
Zurück in alten Rollen
Sich wieder wie ein kleines Kind fühlen, weil Papa einen beschenkt. An Festtagen die alten Klaviernoten herausholen, weil man das ja früher auch gemacht hat. Das Weihnachtsevangelium lesen, obwohl doch niemand mehr in die Kirche geht. Das hat nicht nur mit Tradition zu tun, sondern auch mit unseren Rollen, die wir in vertrauten Familiensystemen einnehmen.
„Eine Familie ist ein zirkuläres System. Verhalten entsteht in gegenseitiger Beeinflussung“, bricht es die klinische Psychologin Kosak-Posch vereinfacht herunter. „Wenn wir uns in gewissen Systemen bewegen, dann verfällt man auch leicht wieder in die bekannten Muster.“ Muster, die über Jahre – und insbesondere in der Kindheit – geformt und gefestigt wurden.
Aus diesen Rollen auszubrechen, ist meist schwierig und mit viel Aufwand verbunden. „Das System ist reziprok“, erklärt Kosak-Posch. „Jeder steht miteinander in Verbindung. Verändert sich aber einer im System, dann verändert sich das gesamte System.“ Versuche, etwas anders machen zu wollen, stoßen daher meist auf Widerstand – auch, wenn der Status quo eigentlich für niemanden zufriedenstellend ist.
Neue Ideen, alte Erwartungen
Vor einigen Jahren feierte ich Weihnachten mit der Familie eines Freundes in den USA. Ich erlebte ein Fest, wie ich es mir insgeheim für meine eigene Familie wünschte: Ein riesiges, buntes, zusammengewürfeltes Beisammensein, bei dem jeder willkommen war. Die Grenzen zwischen Kernfamilie und biologischer und Wahlfamilie waren komplett aufgeweicht. Statt des Weihnachtsevangeliums brachte jeder einen Text mit, der nacheinander vorgetragen wurde.
Begeistert von der Idee, wollte ich sie im nächsten Jahr auch in meiner Familie umsetzen. Am Ende war ich die Einzige, die einen Text mitgebracht hatte. Beschämt und enttäuscht ließ ich das Blatt sinken und wünschte mich in die USA.


Was als Wunsch nach Veränderung beginnt, endet nicht selten in Frust – weil Erwartungen unausgesprochen bleiben. Dabei beobachtet Birgit Satke von Rat auf Draht einen Unterschied zwischen Generationen: „Erwachsene sind eher in ihren Traditionen verhaftet“, meint sie. „Jüngere wollen vielleicht etwas Neues ausprobieren oder haben ganz andere Vorstellungen.“ Rund um die Feiertage würden sich Anrufe bei Rat auf Draht häufen, oft gehe es dabei um unausgesprochene oder unrealistische Erwartungen, die in Konflikten eskalieren können.
Doch nicht nur unterschiedliche Vorstellungen vom Fest selbst bergen Spannungen. Hinzu kommen Enge, fehlende Rückzugsorte und das Aufeinandertreffen verschiedener Lebensentwürfe, erklärt Psychologin Kosak-Posch: „Dieses intensivere Zusammenkommen an Feiertagen führt oft dazu, dass unaufgearbeitete Themen hochkommen, die im Alltag vermieden werden können.“ Plötzlich wird darüber gestritten, wann aufgestanden oder wann gefrühstückt wird – banale Fragen, die auf einmal erstaunlich viel Sprengkraft entwickeln.
Vielleicht liegt darin der nüchternste Blick auf Familie: Sie besteht nicht aus einem Ideal, sondern aus einem Geflecht aus Nähe und Pflicht, aus Gewohnheit, Zuneigung und dem Versuch, miteinander auszukommen. Familie bleibt ein Verhältnis, das immer wieder neu verhandelt wird – beim nächsten Treffen, bei der nächsten Einladung, beim nächsten Fest.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 1+2/2026 erschienen.






