Der Filmemacher, Produzent und Romancier ist mit der Fortsetzung seiner Erfolgsserie „Braunschlag“ zurück auf den Bildschirmen. Ein Gespräch über seine Heimkehr an den Ort seines Triumphs, Quoten und wie es nach dem Rücktritt von Roland Weißmann mit dem ORF weitergehen soll.
von
Wer würde heute bei dem Begriff „Straßenfeger“ an eine Fernsehserie denken? Wer würde es für möglich halten, dass sich eine Million pünktlich zur Ausstrahlung des Hauptabendprogramms vor dem TV-Gerät einfindet? 975.000 Österreicher haben das am 18. September 2012 getan. Das war Rekord. Der Anlass: die Ausstrahlung einer österreichischen Fernsehserie mit dem Titel „Braunschlag“.
Ihrem Schöpfer, dem Filmemacher und Romancier David Schalko, verschaffte der Achtteiler nicht nur einen Quoten-Rekord. Der heute 53-Jährige ist seither einer der gefragtesten Köpfe der Branche. Die Besetzung ist ein Coup. Burgschauspieler Nicholas Ofczarek, ein furioser Jedermann-Darsteller in Salzburg, verkörpert den Disco-Besitzer Richard Pfeisinger. Robert Palfrader ist der Bürgermeister des fiktiven titelgebenden Kaffs im Waldviertel. Beide kehrten nun mit der gesamten „Braunschlag“-Mannschaft ans Set zurück. „Braunschlag 1986“, so der Titel der Fortsetzung, setzt 14 Jahre nach dem Ende der ersten Staffel ein.
Herr Schalko, wie war es für Sie, nach Braunschlag zurückzukehren?
Es war ein Heimkommen. Ich bin ja von dort. Und die Gegend sitzt sehr tief in meiner Seele. Es zieht mich dort immer wieder hin. In der Serie heißt es ja auch einmal: Heimat ist immer dort, wohin man unfreiwillig zurückkehrt.
Die Rolle des Disco-Besitzers Pfeisinger haben Sie ja für Nicholas Ofczarek, die des Bürgermeisters Tschach für Robert Palfrader geschrieben. Wie war das jetzt? Haben Sie zuerst Ihre Schauspieler gefragt, ob Sie wieder dabei sind, und dann das Drehbuch geschrieben?
Ich habe vorher alle angerufen und gefragt, ob sie wieder dabei wären. Es macht ja nur Sinn, jemanden reinzuschreiben, wenn er dabei sein will und kann. Es gab ein sehr genaues Drehfenster. Bis heute grenzt es an ein Wunder, dass man es geschafft hat, alle zu dieser Zeit ins nördliche Waldviertel zu bringen. Inzwischen besteht der Cast ja ausschließlich aus vielbeschäftigten Hauptdarstellern.
„Braunschlag“ – Ein Blick zurück
Braunschlag ist hochverschuldet und Bürgermeister Gerri Tschach in Bedrängnis, denn die Gläubiger gehören der Russen-Mafia an. Nur ein Wunder kann helfen. Und das geschieht. Denn Tschach erfindet ein solches.
Mit seinem Gefährten, dem Disco-Betreiber Richard Pfeisinger, fingiert er ein Marienwunder. Gläubige und Neugierige kommen in Scharen. Bald ist der Ort saniert. Das Dorfleben floriert, bis ein illegales Atommülllager im Ort aufgedeckt wird. Braunschlag wird evakuiert. Nur Pfeisinger und Tschach weigern sich, das Dorf zu verlassen.
14 Jahre später setzt die zweite Staffel ein. Die beiden haben sich in der Discothek vor der atomaren Strahlung verschanzt, bis Katzlbrunner, Sekretär der Landeshauptfrau, die atomare Sperrzone aufhebt. Palfrader ruft die Braunschlager zur Rückkehr auf. Doch es gibt ein Problem: Das Dorf hat wieder kein Geld. Tschach weiß: Ein zweites Wunder kann es nicht geben. Doch er hat eine Idee: Er verwandelt den Ort in ein History Land, Stand 1986, als die Welt noch hell und hip war. Besucher strömen wieder in den Ort. Und plötzlich erkennt auch ein junger Investor das lukrative Geschäft.
Konnten Sie so fortsetzen, als wären seit dem ersten Drehtag gar nicht mehr als zehn Jahre vergangen?
Es sind sogar 14 Jahre. Und klar spürt und sieht man, dass alle älter geworden sind. Besonders abends, wenn alle nach Hause gehen und nicht mehr trinken. Dafür hat jeder mehr Erzähltiefe. Es war schön, monatelang in diese Gesichtslandschaften zu schauen.
Unabhängig von der Zeit, in der Menschen leben, wird die Vergangenheit immer besser dargestellt als die Gegenwart, in der sie leben. Bürgermeister Tschach im Film sieht das auch so. Widerlegt so etwas wie der Reaktorunfall in Tschernobyl dieses „früher war alles besser“?
Es war früher nicht alles besser, wir waren nur jünger. Vielleicht geht es ja eher darum. Und natürlich verklären wir vieles. Die 80er waren auch wesentlich weniger bunt, als wir sie heute gerne darstellen.
Ist es Zufall, dass „Braunschlag 1986“ 40 Jahre nach Tschernobyl zur Ausstrahlung kommt?
Das ist ein Zufall. Aber ein Zufall, der uns zuspielt. Tschernobyl spielt natürlich auf das Ende der ersten Staffel an. Aber 1986 war ja auf vielen Ebenen ein wichtiges Jahr für Österreich. Waldheim, Haider, Vranitzky …
Also eine Art Zeitenwende und für Sie ein Grund, die Fortsetzung von „Braunschlag“ in dieses Jahr zu verlegen?
Klar. 1986 war ein Wendejahr in Österreich. Mir schwebte schon länger vor, etwas mit diesem Jahr zu machen. Irgendwann hat sich das mit dieser Idee getroffen. Gleichzeitig haben diese Sehnsüchte immer etwas mit einer näheren Vergangenheit zu tun. Weil es ja letztlich um die eigene Kindheit oder Jugend geht.
Wie blicken Sie selbst auf das Jahr 1986 zurück?
Ich war 13, und ich kann mich erinnern, dass ich als Kind sehr große Angst vor einem Atomkrieg hatte. Dann kam Tschernobyl, das hat diese Angst einer atomaren Katastrophe noch verstärkt. Gleichzeitig begann Glasnost, und das war ein großer Hoffnungsschimmer. Mit Jörg Haider und den PLO-Attentaten begann in diesem Alter meine Politisierung. Auch für mich war 86 ein persönliches Wendejahr.


Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader in „Braunschlag 1986“
© Superfilm, ORF„Braunschlag 1986“
Die Erstausstrahlung von „Braunschlag 1986“ erfolgte am 20. und 21. März 2026 um 20.15 Uhr auf ORF 1. Die Serie kann auf ORF On gestreamt werden.
Der Kalte Krieg ist längst Geschichte, aber die Bedrohung eines dritten Weltkriegs, gar eines Atomkriegs, scheint heute noch stärker zu sein. Wie wirkt sich das auf Sie aus?
Wir, die in den 90er-Jahren jung waren, haben bestimmt eine Ausnahmezeit durchlebt. Kurz schien alles gut. Es war friedlich und sicher, aber es währte nicht lange. Bereits mit der Jahrtausendwende hatte sich das Blatt gewendet. Ich glaube nicht, dass ein Atomkrieg in der Luft liegt. Aber ein großer Krieg in Europa scheint möglich.
Lässt sich mit Satire diese Angst bewältigen?
Mit Humor lässt sich vieles bewältigen. Aber im Krieg gibt es wenig zu lachen.
Übrigens, auch Udo Landbauer, der Stellvertreter von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, wurde 1986 geboren. Im Film erinnert Sigmund, der Stellvertreter der Landeshauptfrau, an diesen FPÖ-Politiker. Rechnen Sie mit Reaktionen von ihm oder von seiner Partei?
Es ist damit aber nicht Landbauer direkt gemeint, sondern ein gewisser Typus Politiker, wie er häufig im rechten Lager vorkommt. Die FPÖ reagiert auf alles, was sie kritisiert. Das liegt im Wesen von Parteien mit autoritären Ansichten. Humor ist der schlimmste Feind der rechten Recken, weil sie über sich selbst nicht lachen können. Das liegt im Wesen von Selbsterhebung.
Sigmunds Wahlspruch lautet „Die Zukunft liegt in der Vergangenheit“. Ist das eine Warnung?
Das ist keine Warnung, sondern gegenwärtige Realität. Es sind besonders die Rechten, die versuchen, eine Vergangenheit heraufzubeschwören, die es aber so nie gegeben hat. Wenn man Kickl zuhört, bekommt man das Gefühl, die 80er waren ein einziges Bullerbü. Aber das stimmt nicht. In den 80ern war die Welt alles andere als in Ordnung. Sie war eigentlich nie in Ordnung. Insofern sind Politiker, die ständig die Vergangenheit heraufbeschwören, Fantasten.
„Wir Kinder aus Bullerbü“
Kinderbuchreihe der schwedischen Autorin und Schöpferin von „Pippi Langstrumpf“ Astrid Lindgren. Das fiktive Dorf Bullerbü wurde zum Synonym für eine ländliche Idylle.
Wie wahrscheinlich ist ein Kanzler Kickl?
Wenn man sich den desolaten Zustand der ÖVP ansieht und weiß, dass sie nicht umsonst seit 40 Jahren in jeder Bundesregierung sitzt, würde ich sagen: ziemlich wahrscheinlich.
Wie soll es mit dem ORF nach dem Rücktritt von Roland Weißmann weitergehen?
Der ORF muss sich jetzt endlich aus der Zange der politischen Parteien befreien. Die Bedrohung findet nämlich von zwei Seiten statt. Von jenen, die ihn zerstören wollen, wie die FPÖ, und von jenen, die ihn einfach nur beherrschen wollen, wie alle anderen. Aber es ist unser öffentlich-rechtliches Medium. Der ORF ist im Auftrag der Bevölkerung unterwegs und dient einem demokratischen Diskurs. Und ist sicher nicht dazu gedacht, dass es sich dort machthungrige Männer 30 Jahre lang bequem machen.
Hat Andreas Babler recht, dass er sich eine Frau an der Spitze wünscht?
Es sollten prinzipiell an allen Spitzen dieser Welt mehr Frauen sitzen. Im Fall des ORF garantiert das Geschlecht aber nicht automatisch Genesung. Mir fallen auf Anhieb auch Frauen ein, die eine ganz schlechte Nachricht für diesen Sender wären. Man sollte vor allem jemanden wählen, der noch nicht vom System ORF durchdrungen ist. Jemand von außen wäre jetzt gut.
Ich würde sehr gern wieder mehr in Österreich arbeiten. Und solange die Blauen nicht an der Macht sind, sollte dies vielleicht auch möglich sein
Haben Sie weitere Pläne für eine Zusammenarbeit mit dem ORF? Schreiben Sie die nächste Serie?
Ich habe die letzten zehn Jahre fast ausschließlich an deutschen Projekten gearbeitet. „Braunschlag“ ist eine Art Rückkehr. Ich würde sehr gern wieder mehr in Österreich arbeiten. Und solange die Blauen nicht an der Macht sind, sollte dies vielleicht auch möglich sein. Nach „M“ war es schwierig. Das kann man in den Chats von Strache und Steger nachlesen zu diesem Thema.
Meinen Sie das kolportierte Posting vom ehemaligen Vize-Kanzler Strache, „Schalko gestern im ORF zeigt Handlungsbedarf“. In Ihrer Serie gab es eine Figur, die wie eine Mischung aus Kurz und Kickl wirkte? Wurden Sie deshalb im ORF ausgebremst? Wurden Projekte von Ihnen blockiert?
Wenn Sie die Antwort von Steger auf diese Nachricht lesen, können Sie sich selbst einen eigenen Reim drauf machen. Dass die FPÖ und Teile der Kurz-ÖVP ihre Kritiker abschaffen wollten, ist kein großes Geheimnis. Und wenn der ORF in die Kandare von solchen Politikern genommen wird, dann wird kritisches Fernsehen verunmöglicht. Auch ein Grund, den ORF endlich zu entpolitisieren.
Wie ließe sich in Zukunft verhindern, dass die Politik bestimmt, was im ORF geschieht?
Indem der Stiftungsrat zum Beispiel nicht mehr von politischen Parteien besetzt wird. Es ist absurd, dass das wichtigste Kontrollorgan im Auftrag von Parteien handelt. Spitzenmanager und Journalisten sollten auch keine Parteizugehörigkeit haben. Es gibt viele Möglichkeiten.
„Braunschlag“ erreichte Rekordquoten. Die ersten Teile verfolgten nahezu eine Million Österreicher. Ist das heute, in Zeiten, in denen Streamingangebote immer mehr werden, überhaupt noch zu erreichen?
Das war ein absoluter Ausnahmefall, und ich glaube, niemand rechnet damit, dass man das wiederholen kann. Außerdem schauen die Leute nicht mehr alle an einem Abend fern, sie können es sich ja aussuchen, wann sie es schauen wollen.
Auch der ORF setzt jetzt stark auf Streaming. Wie relevant ist analoges Fernsehen heute noch für Quoten?
Für mich sind Gelingen und Erinnerung viel relevanter. Eine Serie, über die man in zehn Jahren noch redet, ist mehr wert als ein kurzfristiger Erfolg, den man aber schnell wieder vergisst.
Heute heißt es, dass soziale Medien eine Sucht auslösen können. In einigen Ländern dürfen Jugendliche die erst ab einem bestimmten Alter nutzen. Soll man Kindern den Zugang zu sozialen Netzwerken tatsächlich verbieten?
Es schadet nicht, wenn man in einem Alter ist, in dem man mit Social Media auch umgehen kann. Inzwischen kann man KI-generierte Videos kaum noch von echten unterscheiden. Und der Manipulationsgrad ist extrem hoch. Es gibt für alles Altersbeschränkungen. Warum also nicht auch dafür?
Bürgermeister Tschach blickt im Film wehmütig auf die 1980er-Jahre zurück, als es noch kein Internet und kein Facebook gab. Auch Künstliche Intelligenz würden die Leute nicht brauchen, heißt es im Film. Ein junger privater Investor ist begeistert von der Idee, einen Ort einzurichten, wo man wie vor 40 Jahren lebt. Könnte das realiter funktionieren?
Ich glaube, dass viele Leute einen solchen Themenpark besuchen würden. Ich finde es erstaunlich, dass es den noch nicht gibt. Aber vielleicht überlegt sich der Bürgermeister von Eisgarn (Dorf an der tschechischen Grenze, wo „Braunschlag" gedreht wurde, Anm.) etwas dazu.

Steckbrief
David Schalko
David Schalko wurde am 17. Jänner 1973 in Waidhofen an der Thaya geboren. Der Sohn eines Bankiers verbrachte seine Kindheit in Wien, begann ein Wirtschaftsstudium. 1998 arbeitete er als Regisseur, konzipierte für den ORF die „Sendung ohne Namen". 2005 gründete er die Produktionsfirma Superfilm. Mit Fernsehserien wie „Braunschlag" und „Altes Geld" wurde er über Österreichs Grenzen bekannt. Schalko ist auch als Romancier erfolgreich. Zuletzt erschien der kafkaeske Roman „Was der Tag bringt" bei Kiepenheuer & Witsch.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 12/2026 erschienen.







