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Cornelia Richter: „Was uns eint? Die Sehnsucht nach einem guten Leben“

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©Bild: Matt Observe

Es gibt noch etwas, das uns eint, sagt die erste Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Cornelia Richter: „Die Sehnsucht nach einem guten Leben.“ Im Interview spricht sie über den Zusammenhalt in der Gesellschaft, gemeinsame Ängste und die Ursachen, warum die Kirchen weniger zu dieser Einigung beitragen können.

Wir reden von zunehmender Spaltung der Gesellschaft. Aber die Sehnsucht der Menschen ist doch eigentlich das Gegenteil. Also: Was eint uns heute noch?

Ich glaube, alle Menschen möchten ein gutes, ruhiges, harmonisches Leben führen. Die meisten Menschen haben das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen: Familie, Freunde, Nachbarschaft. Dass man sich sicher fühlt, in einem vertrauten Umfeld, in dem man das Gefühl hat: Da kenne ich mich aus. Ich lebe in der vertrauten Routine vor mich hin. Ich glaube, das ist wirklich eine elementare Sehnsucht fast aller Menschen. Darüber hinaus sehnen sich die Menschen nach Verlässlichkeit. Dass da jemand ist, der hilft, den man dafür aber nicht extra rekrutieren muss.

„Da kenne ich mich aus.“ Ist das nicht genau die Krise vieler Menschen, dass sie sich eben nicht mehr auskennen?

Davon bin ich überzeugt. Wenn wir ehrlich sind, geht es ja allen so. Die Komplexität der Weltlage ist hoch geworden. Vielleicht lernt man, wenn man sich mit Gesellschafts- und Politiktheorien oder Geschichte befasst, mit dieser Komplexität umzugehen. Dadurch wird der

Raum, in dem man sich auskennt, größer. Wobei diese Form von Wissen nicht am Schul- oder Universitätsabschluss hängt. Man lernt auch durch Gespräche mit Menschen, die sich auskennen. Wichtig ist die Bereitschaft zu fragen: „Warum ist das eigentlich so?“ Überall da, wo Menschen diese Frage stellen, erweitert sich der Horizont.

Dazu gehört die Bereitschaft, Antworten anzuhören, die nicht ins Weltbild passen. Die wird geringer.

Dieses „Ich will es gar nicht wissen“ ist auch eine emotionale Abwehrbewegung, die genau dann einsetzt, wenn man sich nicht mehr auskennt. Wenn man zu ahnen beginnt, dass die Dinge auf eine Weise komplex sind, dass sie die eigene Selbstverständlichkeit infrage stellen. Wenn mir klar wird, dass z.B. mein Smartphone zu vielen der Weltprobleme beiträgt, müsste ich nämlich erkennen, dass ich selbst Teil dieser schwierigen Weltlage bin, auch wenn ich nicht aktiv etwas dafürkann. Die allerwenigsten Menschen tragen auf moralisch fragwürdige Weise zur Weltlage bei, sondern einfach, indem sie machen, was sie machen, und sind, wer sie sind. Smartphone, Autofahren, Fleischverzehr – bisher hat man oft unhinterfragt gelebt. Doch plötzlich merkt man: Wasserkrise, Klimakrise, Migrationskrise – das hat alles etwas mit mir zu tun. Das erzeugt häufig diese Abwehrhaltung.

Warum ist das eigentlich so?“ Überall da, wo Menschen diese Frage stellen, erweitert sich der Horizont.

Cornelia Richter

Wie geht man mit dieser um?

Wichtig wäre, dass wir den Menschen den Gedanken näherbringen, dass ­„Krise“ ja nicht heißt, dass die Dinge schlecht sind. „Krise“ ist eigentlich das Wort dafür, dass die Dinge angespannt sind und wir noch nicht wissen, wie es ausgeht.

Schauspieler Nicholas Ofczarek hat in einem „Presse“-Interview gesagt: „Das Jetzt ist immer unsere Chance. Wir haben sie die ganze Zeit. Jetzt – wann denn sonst? Sich selbst in den größten Krisen, die jeder schon erlebt hat, zu fragen: ,Aber wie ist es jetzt?‘ Und meistens lautet die Antwort komischerweise: ,Jetzt ist es ganz gut‘.“

Genau. Was ist jetzt genau das Problem? Das führt noch einmal zurück zu diesem „Ich kenne mich nicht mehr aus.“ Viele Menschen fühlen sich von einer diffusen Angst und Unsicherheit getrieben. Dieses Gefühl muss man ernst nehmen. Man sollte genauer fragen, was diese Angst auslöst. Da tritt meistens eine sehr konkrete Furcht zutage: vor einem Problem auf der Straße, in der Schule der Kinder, in der Nachbarschaft, vor wirtschaftlichen Sorgen. Für eine konkrete Furcht kann man viel gezielter Lösungen erarbeiten.

Früher war es die Rolle der Kirchen, der Gesellschaft eine Klammer der Einigkeit zu bieten. Heute immer weniger. Was hat man versäumt?

Das würde ich in dreifacher Weise beantworten: Die Herstellung von Einheit funktioniert für jene, die in der Kirche sind, nach wie vor. Denn was passiert in der Kirche? Unterschiedlichste Menschen kommen zusammen, weil sie sich im Geistlichen oder der Frage nach Gott, Christus und was im Leben trägt, verbunden wissen. In der Kirche finden sie sich über einem Bibeltext zusammen. Sie nehmen den total unterschiedlich wahr, denn sie bleiben ja unterschiedliche Menschen, aber in diesem Moment findet eine Einigung im Sinn einer gemeinsamen Konzentration auf den Text statt. Diese Einigung wiederum macht es möglich, dass sie auch nach der Kirche, etwa bei einem Gemeindefest, verbunden sind. In lebendigen Kirchengemeinden sind Menschen nicht einsam.

Es funktioniert also im Kleinen. Aber warum schwindet die gesamtgesellschaftliche Bedeutung?

Das hat etwas mit demografischen und historischen Entwicklungen zu tun. Ich bin 1970 in Bad Goisern geboren. Das war damals noch sehr „Land“. Heute haben Jugendliche ein viel größeres Angebot. Dadurch haben die Kirchen ihre kulturelle Monopolstellung verloren. Es ist ja nicht so, dass die Menschen zur Zeit Martin Luthers in der Kirche so viel besser aufgepasst hätten. Der Kirchenschlaf ist legendär! Die Menschen haben nicht mehr oder intensiver geglaubt, sondern die Kirche war über Jahrhunderte der einzige kulturelle und sinnstiftende Player.

Wieso?

Wo war was los? In der Kirche. Wo hat es Musik gegeben? In der Kirche. Wo haben sich die Leute getroffen? In der Kirche. Wo war das Wirtshaus? Gleich neben der Kirche. Dass die alle „Kirchenwirt“ heißen, ist ja kein Zufall. Kirche war der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, und zwar statusübergreifend. Auch die ärmste Magd hat geschaut, dass sie am Sonntag schön angezogen und dabei ist.

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News-Redakteurin Renate Kromp im Gespräch mit Cornelia Richter

 © Matt Observe

Wer macht der Kirche Konkurrenz?

Das ist eine lange Entwicklung. Blicken wir zurück auf ein zweites Beispiel: Klöster waren früher riesige Wirtschaftsbetriebe. Sie waren vor den heutigen Universitäten die ersten Orte der Wissenschaft. Nicht einmal ein so großer Freigeist wie Galileo Galilei wäre ohne den Hintergrund der Ordensgemeinschaften ein so berühmter Wissenschafter geworden. In seiner Forschung blieb er lange ungestört. Erst im Streit um die kopernikanische Wende ist er in Konflikt mit der Inquisition gekommen. Denn die Konsequenz der kopernikanischen Wende war die Infragestellung traditioneller Autoritäten wie dem Papstamt.

Die Wissenschaft hat sich aus der Kirche verabschiedet, weil ihre Freiheit anderswo größer ist.

Weil Konservativität und Freiheit in Konflikt geraten sind. Ich habe aber noch ein Beispiel: Das Sozialwesen geht auf die frühchristliche Witwen- und Waisenfürsorge zurück, die für alle da war und nicht nur für Mitglieder der eigenen Bevölkerungsgruppe. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ ist die Bibelstelle, die von Beginn an zählt. Und, letzter Punkt: das Bildungswesen für die Schulen, das ebenfalls aus den Klöstern kommt. All das ist selbstständig geworden und in die Welt hinausgegangen. Die Kirchen lässt diese gesellschaftliche Ausdifferenzierung kleiner zurück. Ich verstehe nicht, dass man das immer als Verlustgeschichte beschreibt. Man könnte es auch als Erfolgsgeschichte sehen. Das alles war so gut, dass es die anderen auch wollten.

Aber Fehler sind schon passiert?

Jede Institution macht Fehler, auch die Kirche. Der größte Fehler war, dass sich die Kirchen sehr konservativ gegen die Aufklärung gestellt haben, sodass Menschen- und Freiheitsrechte plötzlich im Widerspruch zur Kirche standen, obwohl sie wesentlich durch das Christentum geprägt wurden. Zudem haben sich die Kirchen in ihre Mauern zurückgezogen und gedacht, sie sind als kultureller Monopolplayer quasi immer gesetzt. Sie haben die Transformation verschlafen. In Deutschland war es so, dass die Kirchen schon Anfang des 20. Jahrhunderts auf einem ähnlichen Tiefstand waren wie heute. Die beiden Weltkriege und die Wirtschaftskrise haben die Leute wieder in die Kirchen gebracht. Dann kam noch die große Generation der Babyboomer, durch die die Zahlen exorbitant gestiegen sind. Jetzt gehen die Zahlen durch den demografischen Wandel zurück.

In Europa.

Ja. Die katholische Kirche als Weltkirche wächst in Lateinamerika und Asien mit den Befreiungstheologien. Niemand muss sich Sorgen um das Christentum machen. Die urchristliche Botschaft „Du bist wichtig, du bist ein freier Mensch“

hat wirklich Sprengkraft. Nicht umsonst fürchten sich Machthaber bis heute vor dem Christentum. In saturierten, satten Gesellschaften, wo man alles fürs tägliche Leben hat, geht die Kirche zurück.

Der Mensch als Krone der Schöpfung hat offenbar vieles vergeigt. Ein Grund, wa­rum ich den Sündenbegriff sinnvoll finde.

Cornelia Richter

Viele Menschen sind aus Empörung aus der Kirche ausgetreten, weil es Missbrauch an Kindern gab.

Austritte gibt es, wo es gravierende Verfehlungen oder Missbrauchsskandale gibt, die de facto eine ganze Klerikergruppe oder Altersgruppe betreffen. In den evangelischen Kirchen kommt noch dazu, dass wir den Fehler gemacht haben, seit 200 Jahren das Narrativ aufrechtzuerhalten, dass der Mensch in seiner Beziehung zu Gott die Institution Kirche nicht braucht. Das geht auf Martin Luthers Kritik an der Papstkirche zurück, hat sich aber mit der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft getroffen. Viele Menschen sind daher überzeugt, dass man ohne Kirche glauben kann. Die evangelischen Kirchen beginnen erst seit wenigen Jahren neu zu verstehen, dass man den Wert der Mitgliedschaft betonen muss. Man muss stärker sagen: „Wir wollen uns ja in eure Heilsbeziehung zu Gott nicht einmischen, aber passt auf, je mehr ihr für euch selbst seid, desto mehr wird eure Überzeugung diffus, verliert an Kontur, bis zum Verschwinden.“

Die Politik benutzt Religion bzw. religiöse Symbole. Heinz-Christian Strache mit Kreuz, FPÖ-Kundgebungen vor dem Stephansdom, Peter Thiel in den USA, der Vorträge über den Antichristen hält und den christlichen Staat anstrebt, in dem es wohl eher nicht um Nächstenliebe gehen wird. Religion als Stemmeisen zur Spaltung der Gesellschaft?

Die Instrumentalisierung von Religion kann man leider nicht verhindern. Das Spektrum reicht von der Blasphemie bis zum Gewaltaufruf. Jede Religion dieser Welt ist brandgefährlich. Aus vier Gründen: Erstens beschäftigt sie sich immer mit Vorstellungen und Überzeugungen, die nicht empirisch belegbar sind. Zweitens geht es immer um hohe Emotionalität. Das sind keine Theorien, die Menschen haben, sondern Überzeugungen, die ihnen – drittens – Halt geben. Die Menschen leben aus diesen Überzeugungen, führen ihr Leben dementsprechend und das hat immer eine sehr hohe moralische Komponente. Viertens: Die Summe der ersten drei Punkte setzt Menschen wirklich auf den Weg und sie wollen, dass andere diese Überzeugung teilen. Die Frage ist nur: Führt der Weg zu Nächstenliebe oder zu Gewalt? Es kann beides passieren. Es gab weltweit immer wieder friedliche Revolutionen, bei denen an der Spitze zum Gebet aufgerufen wurde. Und es gibt eine lange Geschichte des Gegenteils.

Zum Kerngeschäft der Kirchen zählen Ängste, die alle Menschen teilen: etwa vor Krankheit und Tod, weil sie eine Existenz danach versprechen, was immer diese sein mag.

Das war aber jetzt sehr katholisch formuliert.

Weil?

Die katholische Kirche hat bis heute Fegefeuer und Hölle im Katechismus stehen. Seelsorgerinnen und Seelsorger erzählen uns immer wieder, wie bedrückend es ist, wie sich sehr alte Menschen, die katholisch geprägt sind, vor dem Sterben fürchten. Die evangelische Botschaft ist genau umgekehrt: Niemand von uns weiß, was danach ist. Aber wenn Gott Gott ist, dann kannst du dich darauf verlassen, dass der Tod bedeutet, dass du in den Raum Gottes eingehst. Und es gilt: Als Mensch in deiner Würde bist du es wert, vor Gott zu stehen. Diese Würde wirst du niemals verlieren. Freilich ist es trotzdem nicht egal, wie wir leben. Der Mensch muss am Ende mit sich selbst und vor Gott ausmachen: Wie habe ich mein Leben geführt? Wie werde ich erinnert? Wie ist die Bilanz meines Lebens? Die meisten Menschen wissen, dass sie sich solchen Fragen am Ende stellen müssen. Dennoch müssen diese Fragen nicht mit Angst besetzt sein.

Welche Antwort hat die Kirche auf heutige Ängste wie den Klimawandel?

Unsere Grundhaltung ist die Bewahrung der Schöpfung. Es ist eine große Tragik des Christentums, dass der Satz „Macht euch die Erde untertan“ über Jahrhunderte in Sinne der Ausbeutung verstanden wurde. Das ist eine Schuldgeschichte des Christentums. Allerdings waren die Kirchen in den 1970er-Jahren, nach den ersten alarmierenden Berichten des Club of Rome, die Ersten, die verstanden haben, dass das eine Fehlinterpretation war. Sie haben mit als Erste die Umweltbewegung in Gang gesetzt. Die jungen Menschen betrifft dieses Thema extrem. Das ist der Grund, warum viele die Klima­krise ausblenden. Man hält es nicht aus zu wissen, dass die eigene Zukunft entweder Abbrennen oder Über­flutet-Werden heißt. Hier muss man mit der Botschaft sehr aufpassen, weil es um ihre Zukunft geht, und wir die Dinge daher gemeinsam anpacken sollten. Davon unabhängig kann ich persönlich sagen: Die Schöpfung braucht uns Menschen vermutlich nicht. Die Erde wird auch ohne Menschen weiter bestehen. Der Mensch als Krone der Schöpfung hat offenbar vieles vergeigt. Ein Grund, wa­rum ich den Sündenbegriff sinnvoll finde.

Die Erde braucht uns nicht. Aber was sagen Sie als Seelsorgerin jungen Menschen?

Den Jungen muss man sagen: Ja, die Situation ist dramatisch, aber es wäre falsch, die Augen zu verschließen. Aufgeben ist keine Alternative. Deswegen stellen wir uns an eure Seite und tun alles, was wir können. Denn: Ich traue der Menschheit auch ziemlich viel zu.

Noch ein Thema, das viele in Sorge eint: die Künstliche Intelligenz.

Wer an KI hängt und den Religionen vorwirft, unwissenschaftlich und mit nicht verifizierten Wahrheitsansprüchen zu agieren – also das Argument hat sich erledigt, würde ich sagen. Das ist ja wohl der Witz! Aber: Die KI macht mir richtig Sorgen, weil ich selbst nicht zu den Menschen gehöre, die sie einschätzen können. Es gibt viele Bereiche, wo sie Gutes tut, etwa in der Medizin. Aber die Verwirrung der Gesellschaft und die Verschleifung von fact und fiction halte ich für katastrophal.

© Matt Observe

Steckbrief

Cornelia Richter

Die Oberösterreicherin ist im evangelischen Pfarrhaus von Bad Goisern aufgewachsen, wo ihr Vater evangelischer Pfarrer war. Richter hat in Wien evangelische Theologie studiert. Ab 2012 war sie Professorin für Systematische Theologie und Hermeneutik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Seit November 2025 ist sie Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 1+2/2026 erschienen.

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