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Benjamin Bernheim und Piotr Beczała: Konkurrenzlos an der Spitze

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Benjamin Bernheim und Piotr Beczała

©Matt Observe

Von dieser Besetzung wagen Opernhäuser meist nicht einmal zu träumen. An der Wiener Staatsoper wurde sie möglich: Zwei Tenöre, die absolutes Weltformat verkörpern, wechselten einander im Abendrhythmus ab. Für News nahmen sich Benjamin Bernheim und Piotr Beczała Zeit. Ein Gespräch über das Erreichen der Spitze, den Hype um Regisseure, das Reisen in Zeiten des Kriegs und Höchstleistungen

Was braucht ein Tenor, um an die Spitze zu kommen?

Piotr Beczała: Geduld. Wenn manche Dinge zu früh kommen, gerät man leicht in schwierige Gewässer. Manchmal kann das gut gehen – aber oft führt es zu einem Kurzschluss. Das kann stimmlich bedingt sein oder psychisch. Wenn aber zur richtigen Zeit die richtigen Rollen, die richtigen Häuser und die richtigen Kollegen zusammenkommen, dann kann eigentlich nichts schiefgehen. Ich hatte in meinen ersten Spielzeiten in Linz rund 120 Vorstellungen mit kleinen Partien – das muss man erst einmal unter Kontrolle haben.

Benjamin Bernheim: Du bist für uns ein Beispiel, weil du mehrere verschiedene Rollen gleichzeitig singst. Wenn mir junge Sänger heute sagen, sie singen nur Verdi, nur Puccini oder sie sind Wagner-Tenöre, sage ich ihnen, schaut auf Piotr Beczała. Er singt den Herzog in Verdis „Rigoletto“, Wagners Lohengrin und den Prinzen in „Rusalka“ (Oper von Antonín Dvořák, Anm.). Viele halten aber an einem Fachdenken fest. Ich habe vor zehn Jahren Erik im „Fliegenden Holländer“ gesungen. Viele haben gesagt, Bernheim ist jetzt fertig, er singt Wagner. Die wissen nicht, dass Erik purer Belcanto ist. Man braucht die Mischung.

Beczała: Darauf habe ich immer geachtet. Ich habe mein Repertoire so aufgebaut, dass ich immer nach Parallelen zwischen den Rollen gesucht habe.

Bernheim: Ein großes Problem für junge Sänger heute ist die Angst, etwas falsch zu machen. Sie haben Angst, falsche Rollen zu singen, und wenn sie das auf Instagram schreiben, dass das dann Operndirektoren sehen.

Beczała: Jede Generation hatte ihre eigenen Probleme – man muss nur die Biografien von Caruso oder Corelli lesen. Druck gab es immer. Heute ist er nur ein bisschen anders. Wenn in einer Vorstellung etwas schiefläuft, landet es sofort auf YouTube. Aber das System an sich ist gleich geblieben.

Bernheim: Das schon. Ich habe aber das Gefühl, dass es ein bisschen kleiner geworden ist. Früher gab es mehr kleine Opernhäuser. In Frankreich gab es in Rouen, Nizza oder Lyon zehn Produktionen im Jahr. Jetzt sind es drei oder vier. Jedes Jahr wird alles teurer. Das ist auch unsere Realität.

Das liegt an den Kürzungen im Kulturbudget. Wie wirkt sich das auf Ihren Beruf aus?

Beczała: Es wird einfach immer weniger Geld in die Kultur investiert. Und da mache ich mir echt Sorgen um die kommenden Generationen. Du, Benjamin, hast die Spitze erreicht und kannst deinen Beruf genießen. Aber die jungen Sängerinnen und Sänger unter 30, die jetzt in einem Opernstudio anfangen und zum ersten Mal an den ersten großen Rollen schnuppern, die haben’s wirklich schwer. Ich will jetzt nicht jammern, aber ehrlich gesagt: Die Regisseure tragen da schon eine Mitschuld.

Diese heute so gehypten Regisseure haben Sänger in eine Sackgasse gedrängt. Du bist ihr Spielzeug

Piotr Beczała

Inwiefern? Weil es heute immer weniger gute Opernregisseure gibt?

Beczała: Es geht ja nicht um Qualität, sondern um Proportionen. Diese heute so gehypten Regisseure haben die Sängerinnen und Sänger in eine Sackgasse gedrängt. Als Sänger bist du nicht mehr ihr gleichwertiger Partner, sondern ihr Spielzeug. Und dagegen kämpfe ich seit Jahrzehnten an. Auch wenn ich im Zweifel eine Produktion verlasse – was allerdings wirklich nur sehr selten vorkommt.

Bernheim: Machst du immer noch Neuproduktionen?

Beczała: Sicher.

Wie kann man sich gegen die Regie wehren?

Beczała: Ich rede ja mit den Regisseuren – wie jetzt zum Beispiel bei den Osterfestspielen in Baden-Baden, wo ich den neuen Lohengrin singe. Den inszeniert Johannes Erath. Mit ihm habe ich schon vorher den Maskenball in München gemacht. Er ist ein unglaublich kluger, reflektierter Mensch. Ich habe ihn schon vor einem Jahr gefragt, ob wir in Baden-Baden Probleme haben werden.

Bernheim: Mich wollte vor einiger Zeit ein Opernhaus unbedingt für eine französische Rolle engagieren. Ich will keine Namen nennen, aber zwei Jahre vor der Premiere konnte mir in diesem Opernhaus niemand etwas dazu sagen. Dann habe ich die Person, die Regie führt, angerufen. Die sagte mir nur, sie habe noch fünf oder sechs Produktionen vorher zu machen. Es hätte ja sein können, dass alles in einem Raumschiff spielt, das habe ich auch schon erlebt.

Sie meinen die „Bohème“ in Paris von Claus Guth? Da hatten Sie, Herr Bernheim, einen Riesenerfolg.

Beczała: Da bin ich nach dem Gespräch ausgestiegen.

Bernheim: Da muss ich dir ja danken. Aber ohne Konzept ist ein Vertrag wie ein Blind Date mit einem Regisseur. Das unterschreibe ich nicht. Denn ich muss seine Ideen auf der Bühne vertreten.

Beczała: Es sei denn, man kennt den Regisseur gut. Bei David McVicar zum Beispiel – da könnte ich einen Blankoscheck unterschreiben. Da kann nichts schiefgehen. Wenn es Sinn macht, bin ich immer gern dabei, auch wenn es mal ein bisschen schräg ist.

Bernheim: Ich wünsche mir definitiv mehr Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Regie und den Sängerinnen und Sängern im Vorhinein. Dann gäbe es sicherlich weniger Last-Minute-Absagen. Manche Wünsche können wir einfach nicht umsetzen – denn wir müssen ja auf der Bühne noch uneingeschränkt singen können. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass wir auch durch mehr Kommunikation und mehr Effizienz mit weniger Proben auskommen würden.

© Matt Observe

Steckbrief

Benjamin Bernheim

geboren
09.06.1985

Benjamin Bernheim wurde am 9. Juni 1985 in Paris geboren. 2010 kam er ins Ensemble der Zürcher Oper. 2024 trat er bei der Schlusszeremonie der Olympischen Spiele in Paris und bei der Wiedereröffnung der Kathedrale von Notre Dame in Paris auf. 2025 wurde er von Opus Klassik zum Sänger des Jahres gekürt. Am 12. Februar tritt Benjamin Bernheim beim Wiener Opernball auf.

Wie lang ist die ideale Probenzeit?

Beczała: Das ist ein grundsätzliches Problem. Für uns Sänger fängt der eigentliche Job erst mit der Generalprobe an – da, wo endlich alles zusammenpasst. Danach kommen die Vorstellungen. Für den Regisseur aber sind die Proben das Spannendste. Das ist ein Paradoxon! Das ist wie in dieser Autowerbung: Der Weg ist das Ziel. So ein Unsinn! Das Ziel ist das Ziel!

Es geht ja nicht darum, dass man nicht ein oder zwei Wochen probt. Aber fünf Wochen für eine Produktion, die nicht einmal neu ist – nach vier Wochen ist man einfach müde davon. Ich habe Produktionen erlebt, bei denen jeden Tag um zehn Uhr morgens geprobt wurde, weil sich der Regisseur eingebildet hat, wir müssten gemeinsame Lockerungsübungen machen. Wer in der Früh Yoga machen will – bitte! Aber ich brauche wirklich kein Gemeinschaftstraining.

Bernheim: Darum singe ich so gern in Wien, in München und in Berlin, hier wird effizient gearbeitet. Diese Bohème von Zeffirelli ist so ähnlich wie die von Otto Schenk in München. Die Vorstellungen sind immer ausverkauft.

Beczała: Ich habe überhaupt nichts gegen verrückte Ideen – gerade bei einem Festival! Da kann eine Produktion ruhig mal auf dem Mond spielen oder unter Wasser, warum nicht? Aber in einem Repertoirehaus ist das etwas ganz anderes. Da muss die Inszenierung ja wieder aufgenommen werden – und das mit wechselnden Besetzungen.

Bernheim: Und Sänger müssen kurzfristig einspringen können.

Stimmt mein Eindruck, dass es nicht nur beim Publikum, sondern auch bei Sängern eine Sehnsucht nach schönen Produktionen gibt?

Beczała: Das ist seit Jahrzehnten ein großes Thema. In jedem Opernhaus sieht man diese Kostümstände in den Gängen, und alles sieht gleich aus. Egal, ob man „La Traviata“ oder „Rigoletto“ spielt, meistens gibt es nur graue Anzüge und T-Shirts.

Bernheim: Es gibt auch schöne Inszenierungen von Laurent Pelly oder Robert Carsen. Sein „Dialogues des Carmélites“ (Oper von Francis Poulenc, Anm.) ist ein Traum. Warum soll man so etwas verändern? Weil manche glauben, dass sie immer etwas Neues machen müssen.

Für mich ist ein Opernbesuch mit einem Dinner in einem Sterne-Restaurant von Michelin zu vergleichen. Man kommt meistens nicht allein, sondern mit Partnern, mit Kindern. Man kleidet sich besonders und man erwartet etwas Besonderes. Wenn in diesem Restaurant aber Junkfood serviert wird, sind die Sterne weg. Ich gehe nicht in die Oper, um etwas Schreckliches zu sehen. Das kann ich auch auf CNN.

Beczała: Oper ist für mich ein Gesamtkunstwerk. Aber ich habe immer öfter das Gefühl, dass viele Regisseure die Musik gar nicht wirklich mögen. Ich will aber auch gar nicht zu viel darüber jammern.

Versucht man, mit diesen Inszenierungen ein junges Publikum zu interessieren?

Bernheim: Wie können wir jüngere Leute in die Oper bringen? Das ist eine falsche Frage. Meine Großeltern waren schon in den 50er-Jahren in Bayreuth. Sie waren die einzigen jungen Leute damals dort. Zu viele Leute wollen unbedingt, dass Oper wie Popmusik funktioniert. Aber wir sind eine Nische.

Beczała: Um einen jungen Menschen für die Oper zu begeistern, braucht es andere Opernliebhaber, die diese Begeisterung weitergeben und sie vorleben. Mathematisch gesehen ist das ganz einfach: Wenn jede und jeder, der ein Abonnement hat, es schafft, junge Menschen für die Klassik zu begeistern, dann brauchen wir uns um das zukünftige Publikum keine Sorgen zu machen. Oper wird ja zunehmend zu einer Familienangelegenheit. Meine Vermieterin in Bayreuth zum Beispiel hat eine elfjährige Tochter. Sie nimmt sie regelmäßig mit in Konzerte und in die Oper – und die Kleine ist total begeistert!

Ist es nicht schwierig, in einer Zeit, wo von allen Seiten Kriege drohen, durch die Welt zu reisen?

Bernheim: Also für mich ist es ein bisschen einfacher, ich bin Franzose und Schweizer.

Beczała: Ich bin auch Schweizer und Pole und Österreicher.

Bernheim: Du bist James Bond.

Beczała: Genau. Aber manchmal fühle ich mich einfach gezwungen, ein Statement abzugeben. Beim Ausbruch des Kriegs in Russland war ich der Erste, der gesagt hat: Ich fliege nicht mehr nach Russland. Jetzt stehe ich auf der schwarzen Liste in Moskau – aber damit habe ich kein Problem. Wegen des Kriegs habe ich viele Freunde verloren, weil sie anders entschieden haben. Trotzdem – the show must go on. Ich kann ja auch nicht sagen: Ich gehe nicht nach Amerika, weil mir der Präsident nicht gefällt.

Bernheim: Ich habe das Gefühl, dass die jüngere Generation heute ein bisschen mehr Politik auf die Bühne bringt. Früher war es ein Tabu, in der Oper über Politik zu reden.

Beczała: Beim Dinner spricht man nicht über Business.

Das Publikum hat bezahlt und will etwas sehen. Wir müssen gut sein, es gibt keine Entschuldigung

Benjamin Bernheim

Wie darf man sich das Leben eines Tenors vorstellen?

Beczała: Als Tenor steht man einfach mehr unter Spannung als andere Sänger. Du musst ständig extra Energie aufbauen – das ist wie in der Formel 1. Wenn du im Auto sitzt, musst du den Motor erst auf 14.000 Touren bringen, dann geht’s los. Wenn du schon bei 12.000 losfahren willst, dann läuft gar nichts. Dann überhitzt du den Motor. Genau das ist Tenor-Sein.

Bernheim: Man kann es auch mit Skifahren vergleichen, aber nicht mit der Abfahrt. Das ist wirklich ein Riesenslalom. Es geht um Präzision.

Beczała: Wir Sänger sind auf kurze Höchstleistungen spezialisiert. Nach einer Vorstellung brauche ich oft zwei, drei, manchmal vier Stunden, um runterzukommen. Ich gehe danach gern etwas essen – und dann falle ich wirklich in ein Loch. Das akzeptiere ich. Du darfst nur nicht versuchen, die Restenergie noch irgendwie aus diesem Loch herauszuholen. Nach zehn Stunden hast du sie wieder. Alfredo Kraus hat immer drei Tage Pause zwischen den Auftritten verlangt. Das könnte ich gar nicht – ich habe schon Zeiten gehabt, da habe ich täglich den Lohengrin gesungen. Das ist eigentlich nicht in Ordnung, aber es ist möglich.

Bernheim: Man muss zur Ruhe kommen. Man muss lernen, ruhig zu bleiben, nicht nur auf der Bühne, auch zu Hause und zwischen den Vorstellungen. Wir müssen akzeptieren, dass wir auch rasten müssen. Das bringt Widerstandskraft. Du kannst jeden Tag singen, aber man muss ruhig bleiben. Ich hatte jetzt in Berlin beim Silvesterkonzert fünf Tage ohne Pause gesungen. Da sind die Proben dazugerechnet. Aber man muss beim Konzert frisch sein. Das Publikum hat bezahlt und will etwas sehen. Wir müssen gut sein, es gibt keine Entschuldigung.

Beczała: Das ist bei dieser Art von Konzerten einfach so. Ich erinnere mich noch gut an das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in Schönbrunn letztes Jahr. Da waren es nur ein paar Arien – aber aus völlig unterschiedlichem Repertoire. Und genau da braucht man große Disziplin.

Die besten Tenöre unterhalten sich wie Freunde. Wie ist das mit der Konkurrenz?

Beczała: Wir Konkurrenz? Ach was – das ist doch Unsinn! Wir begegnen uns ja kaum, vielleicht ein- oder zweimal im Jahr …

Bernheim: Und wir freuen uns, wenn wir uns sehen.

Beczała: Ich habe es ja schon immer gesagt: Es gibt genug Opernhäuser und genug Rollen auf der Welt – das reicht locker für 400 Tenöre. Aber offenbar gibt’s trotzdem nie genug davon.

Bernheim: Wir haben den Luxus, dass es viel Arbeit für uns gibt.

Beczała: Deshalb sage ich einem jungen Sänger immer: Sing gut – dann bekommst du den Job. Aber bleib geduldig.

© Matt Observe

Steckbrief

Piotr Beczała

geboren
28.12.1966

Piotr Beczała wurde am 28. Dezember 1966 in Czechowice-Dziedzice, Polen, als Sohn einer Schneiderin und eines Textilfachmanns geboren. Nach dem Gesangsstudium begann er in Linz, bis ihn Alexander Pereira an die Zürcher Oper holte. Seit 20 Jahren ist Beczała an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt gefragt. 2019 wurde ihm von der Wiener Staatsoper der Titel Kammersänger verliehen. Beczała ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Wien, Polen und Zürich.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 05/2026 erschienen.

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