Rebecca Mair
©Fabian KarnerZahnärztin Rebecca Mair, ärztliche Leiterin des H4O Dental Life Centers in Wien, erklärt im News.at–Interview, warum richtige Putztechnik entscheidend ist, welche Fehler häufig passieren und welche Rolle Ernährung, Vorsorge und moderne Technologien für gesunde Zähne spielen.
Frau Primaria, wie steht es aus Ihrer praktischen Erfahrung heraus um die Zahngesundheit der Österreicherinnen und Österreicher?
Insgesamt hat sich die Zahngesundheit in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert – vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig sehe ich aber große Unterschiede: Während manche Patient:innen sehr konsequent vorsorgen, kommen andere erst spät und mit bereits fortgeschrittenen Problemen. Besonders Parodontalerkrankungen im Erwachsenenalter sind weiterhin sehr häufig.
Welche Fehler bei der täglichen Zahnpflege begegnen Ihnen in der Praxis am häufigsten?
Zu starkes Schrubben, falsche Putztechnik und vor allem das Vernachlässigen der Zahnzwischenräume. Viele putzen zwar regelmäßig, aber nicht effektiv. Auch die Zahnbürste wird oft zu selten gewechselt.
Reicht zweimal tägliches Zähneputzen aus?
Zweimal täglich ist eine gute Basis – entscheidend ist aber, wie geputzt wird. Gründlichkeit, die richtige Technik und die Ergänzung durch die Reinigung der Zahnzwischenräume sind mindestens genauso wichtig wie die Häufigkeit.
Der Zahnmediziner Stefan Fickl meint, dass Zahnseide überbewertet sei und wenn „die Zähne korrekt stehen und das Zahnfleisch den Bereich zwischen den Zähnen ausfüllt, dann eine Reinigung der Zwischenräume nicht nötig“ sei. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich würde das differenziert sehen. Es stimmt: Bei sehr eng stehenden, gesunden Zähnen und entzündungsfreiem Zahnfleisch kann der Reinigungsbedarf geringer sein. In der Praxis sind diese Idealbedingungen aber selten. Für die meisten Patient:innen ist die Reinigung der Zwischenräume – sei es mit Zahnseide oder Interdentalbürstchen – ein wichtiger Bestandteil der Mundhygiene, um Entzündungen und Karies vorzubeugen.
Elektrische Zahnbürste, Handzahnbürste, Schalltechnik: Worauf sollte man bei der Wahl der Zahnbürste achten?
Entscheidend ist weniger die Art der Bürste als die regelmäßige und richtige Anwendung. Elektrische Zahnbürsten können die Putzleistung erleichtern, besonders bei eingeschränkter Motorik oder mangelnder Technik. Wichtig sind ein kleiner Bürstenkopf, weiche Borsten und dass die Bürste zur individuellen Mundsituation passt.
Nicht nur Zucker, sondern vor allem häufige Säureangriffe schädigen den Zahnschmelz
Welche Rolle spielt Ernährung für gesunde Zähne und welche „versteckten Zahnsünder“ überraschen viele Patient:innen?
Ernährung spielt eine zentrale Rolle. Häufig unterschätzt werden säurehaltige Getränke wie Fruchtsäfte oder Smoothies – aber auch vermeintlich gesunde Snacks wie Trockenfrüchte. Nicht nur Zucker, sondern vor allem häufige Säureangriffe schädigen den Zahnschmelz.
Ab welchem Alter sollte man Kinder an Zahnpflege heranführen und wie gelingt das ohne täglichen Machtkampf?
Ab dem ersten Zahn. Wichtig ist, Zahnpflege als selbstverständlichen Teil des Alltags zu etablieren – spielerisch, ohne Druck. Vorbildwirkung der Eltern ist dabei entscheidend. Zähneputzen sollte kein Verhandlungsthema sein, sondern eine liebevolle Routine.
Viele gehen erst zum Zahnarzt, wenn es schmerzt. Wie wichtig sind Vorsorgeuntersuchungen und in welchen Abständen empfehlen Sie diese?
Extrem wichtig. Schmerzen bedeuten meist, dass bereits ein größerer Schaden entstanden ist. Vorsorgeuntersuchungen ermöglichen es, Probleme frühzeitig und schonend zu behandeln. Ich empfehle Kontrollen ein- bis zweimal jährlich – je nach individuellem Risiko.
Zahnfleischerkrankungen gelten als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wie eng ist der Zusammenhang?
Die Verbindung ist gut belegt. Chronische Entzündungen im Mund können den gesamten Organismus belasten und stehen in Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder auch Schwangerschaftskomplikationen. Mundgesundheit ist ein wichtiger Teil der Allgemeingesundheit.
Wäre es sinnvoll, wenn mehr Leistungen von der Krankenkasse gedeckt würden?
Ja, insbesondere im Bereich der Prävention. Mehr Fokus auf Prävention könnte langfristig nicht nur Kosten sparen, sondern auch die allgemeine Gesundheit verbessern.
Medizinisch sinnvoll sind ästhetische Maßnahmen dann, wenn sie substanzschonend sind und gut geplant erfolgen
Whitening, Veneers, unsichtbare Zahnspangen: Der Wunsch nach Ästhetik scheint massiv zugenommen zu haben. Was ist in diesem Zusammenhang sinnvoll?
Der Wunsch nach ästhetischen Behandlungen ist deutlich gestiegen. Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen, solange die Zahngesundheit an erster Stelle steht. Medizinisch sinnvoll sind ästhetische Maßnahmen dann, wenn sie substanzschonend sind und gut geplant erfolgen.
Welche Rolle spielen moderne Technologien und digitale Diagnostik heute?
Eine sehr große. Digitale Röntgenverfahren, 3D-Diagnostik und computergestützte Planung ermöglichen präzisere Diagnosen, schonendere Behandlungen und oft auch kürzere Behandlungszeiten – ein klarer Gewinn für Patient:innen und Behandelnde.
Gibt es die „perfekte“ Zahnpflegeroutine?
Es gibt nicht die eine perfekte Routine, aber eine individuell passende. Sie besteht aus regelmäßigem Zähneputzen, Reinigung der Zahnzwischenräume, fluoridhaltiger Zahnpasta und regelmäßigen Kontrollen – angepasst an die jeweilige Lebenssituation.
Wenn Sie nur drei Tipps für langfristig gesunde Zähne geben dürften, welche wären das?
Erstens: Regelmäßige Kontrollen wahrnehmen und ein- bis zweimal jährlich eine professionelle Mundhygiene durchführen lassen.
Zweitens: Tägliche Mundhygiene inklusive Zahnzwischenraumreinigung.
Drittens: Bewusst essen und trinken: Zucker und Säuren reduzieren und den Zähnen Erholungsphasen gönnen.
Vielen Dank für das Gespräch!

Steckbrief
Rebecca Mair
Primaria Rebecca Mair hat die ärztliche Leitung des H4O Dental Life Centers in Wien-Floridsdorf inne. Mair hat Zahnmedizin an der Medizinischen Universität Wien studiert und kann auf langjährige klinische Erfahrung in moderner Zahnmedizin mit Schwerpunkt auf Prävention, Ästhetik und ganzheitlicher Patient:innenbetreuung verweisen.
Über ihr berufliches Verständnis sagt sie: „“Als ärztliche Leiterin verbinde ich fachliche Präzision, Empathie und Organisation. Mein Ziel ist eine Zahnmedizin, die medizinisch fundiert ist und Menschen hilft, ihre Zahngesundheit langfristig zu erhalten.“







