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Professor Michael Kölch, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter an der Universitätsmedizin Rostock, fasst es kurz zusammen: "Jede." Aber: Ob Depression, Schizophrenie, Angst- oder Suchterkrankung: "Es kommt auf die Ausprägung an. Also darauf, wie stark und wie lange Eltern in ihren Beziehungskompetenzen eingeschränkt sind."
Bei einer langjährigen, schweren Suchterkrankung oder einer ausgeprägten chronischen Angststörung kann die Belastung für Kinder entsprechend größer sein als bei einer milden, zeitlich begrenzten depressiven Episode. Entscheidend ist jedoch immer die konkrete Situation der Familie.
Psychische Erkrankungen unterscheiden sich stark, und jedes Kind reagiert je nach Persönlichkeit individuell, wenn Eltern betroffen sind - "typische" Auswirkungen gibt es deshalb nicht. "Häufig wachsen Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil isolierter auf, weil vieles so anders ist als bei anderen", sagt Kölch. Der Grund: Scham und Stigmatisierung, insbesondere bei Suchterkrankungen.
Mitunter entwickeln Kinder auch Ängste - etwa um das betroffene Elternteil, vor der Zukunft, um das Familienleben und manchmal sogar vor dem betroffenen Elternteil, so die Expertin Sabine Wagenblass. "Viele Kinder haben aber auch Angst, weil sie sich fragen: Kann ich das auch kriegen?", so Wagenblass. Und tatsächlich haben sie ein höheres Risiko, selbst eine psychische Störung zu bekommen als Kinder von Eltern, die keine seelische Erkrankung haben.
Nicht zuletzt kann die Entwicklung der Kinder beeinträchtigt werden, insbesondere wenn die Eltern sehr junger Kinder von einer psychischen Störung betroffen sind, wie Jörg Backes sagt: "Gerade das Alter zwischen null und drei Jahren ist eine sehr vulnerable Phase, in der die Kinder besonders auf ihre Bezugspersonen angewiesen sind", so der Experte für öffentliche Gesundheit. Eine psychische Erkrankung könne dazu führen, dass betroffene Elternteile nicht adäquat auf die Bedürfnisse ihres Kindes reagieren können.
Es gibt nicht das eine Zeichen, bei dem die Alarmglocken schrillen sollten. Dennoch gibt es einige Anhaltspunkte, so Sabine Wagenblass: Wenn Kinder alle Probleme in ihrem Umfeld lösen wollen zum Beispiel. Oder wenn Kinder ständig den Clown spielen und immer für gute Stimmung sorgen wollen. Wenn Kinder aggressiv sind.
Aber auch das Gegenteil kann ein Anzeichen sein: Wenn Kinder sich quasi unsichtbar machen, sehr still sind und nie Probleme machen. Wagenblass nennt ein weiteres Warnsignal: "Parentifizierung." Das bedeutet, dass Kinder Verantwortung in der Familie übernehmen, die eigentlich die Eltern tragen müssen. "Für betroffene Kinder bedeutet das eine hochgradige Überforderung, unter der die kindliche Entwicklung leiden kann."
"Darüber sprechen", rät Kölch. Manche Eltern wollen ihre Kinder schützen, indem sie ihnen nichts von der Erkrankung erzählen. Das sei zwar nett gemeint, aber unrealistisch. "Kinder haben so feine Antennen, sie merken sowieso, dass etwas nicht stimmt". Er rät deshalb zur altersgemäßen Aufklärung.
Wichtig ist dabei vor allem, Kindern immer wieder zu vermitteln, dass sie keine Schuld an der Erkrankung tragen. "Je jünger die Kinder sind, desto eher beziehen sie Probleme oder schlechte Stimmung auf sich", so Sabine Wagenblass. Ein guter Ausgangspunkt für ein Gespräch sei, das Kind nach seinen Beobachtungen der Situation zu fragen. Im Laufe der Unterhaltung könne man dann die Erkrankung erklären.
Auch Bücher mit Geschichten über psychische Erkrankungen für die jeweilige Altersgruppe seien hilfreich. Es müsse nicht immer das ganz große Eltern-Kind-Gespräch sein. "Wichtig ist, dass man die Kinder immer wieder einlädt, darüber zu sprechen und auch ihre Fragen zu beantworten", so Wagenblass.
Am wichtigsten sei, dass der betroffene Elternteil in einer guten Behandlung ist, sagt Kölch. Ebenso entscheidend sind verlässliche Beziehungen und Strukturen. Könne ein Elternteil Verlässlichkeit (vorübergehend) nicht bieten, seien andere Bezugspersonen umso wichtiger. Backes zufolge ist auch eine gute Betreuung in Kindergärten und Schulen zentral. Hier würden betroffene Kinder Entlastung erfahren. "Gleiches gilt für Freizeitangebote und den Kontakt zu anderen Kindern", so der Experte.
"Aufwachsen lebt davon, dass wir Dinge erleben", sagt Klinikdirektor Michael Kölch. Für betroffene Kinder kann es daher sehr wertvoll sein, mit anderen Personen als ihren Eltern neue Erfahrungen zu sammeln, etwa bei Unternehmungen und Ausflügen. Das Umfeld kann den betroffenen Eltern zudem Unterstützung etwa im Haushalt und bei der Kinderbetreuung anbieten und auch dabei, sich Hilfe zu suchen, rät Wagenblass.
Backes betont, dass auch den Fachkräften im Umfeld der Familie eine große Bedeutung zukomme: Etwa den Familienhebammen, die bei Anzeichen auf eine postpartale Depression auf weitere Unterstützungsangebote aufmerksam machen. Oder den Erzieherinnen und Erziehern in der außerfamiliären Betreuung, die ebenfalls Hilfe vermitteln, um so eine positive Entwicklung bei Kind und Familie zu unterstützen.
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Annette Riedl/Annette Riedl
