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Verbindung von Stress und häufiger Hautkrankheit aufgeklärt

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++ ARCHIVBILD ++ Stress führt zu einer Verschlechterung der Symptome
©APA, dpa, Oliver Berg
Zehn bis 20 Prozent der Kinder und zwei bis zehn Prozent der Erwachsenen leiden an atopischer Dermatitis als eine der häufigsten chronischen Hautleiden. Jetzt haben chinesische Wissenschafter in einer in der Wissenschaftszeitschrift "Science" erschienenen Studie gezeigt, wie Stress zu einer Verschlechterung der Symptome führt.

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Über den Ursprung der chronischen Hautkrankheit ist lange gerätselt worden. Genetische und immunologische Faktoren dürften dabei zusammenspielen. Die atopische Neurodermitis - früher oft als Neurodermitis bezeichnet - kann durch stark juckende und entzündete Ekzeme für die Betroffenen sehr quälend sein. In schweren Fällen kommen Immunsuppressiva und Biotech-Medikamente (monoklonale Antikörper) oder Enzymhemmer (sogenannte JAK-Inhibitoren) zum Einsatz.

Ein Charakteristikum der atopischen Dermatitis ist aber auch, dass offenbar psychische Faktoren eine Rolle spielen. Bekannt war, dass bei psychischen Belastungen oft akut eine Verschlechterung eintritt. Der Mechanismus dahinter war aber bisher nur teilweise bekannt. Die Erklärung, welche Wissenschafter der chinesischen Fudan-Universität jetzt bieten, spricht für eine direkte "neurologische" Komponente via Nervenzellen, welche das Immunsystem der Haut beeinflussen.

Jiahe Tian und seine Co-Autoren schrieben dazu in der Wissenschaftszeitschrift (DOI: 10.1126/science.adv5974): "Psychischer Stress ist ein anerkannter Auslöser von atopischer Dermatitis (AD) und kann Entzündungen durch komplexe Wechselwirkungen zwischen Nerven-, Hormon- und Immunsystem verschlimmern. Stresshormone können die Hautbarriere direkt beeinträchtigen, Entzündungen fördern und den Juckreiz verstärken. Kratzen als Reaktion auf den Juckreiz schädigt die Haut zusätzlich und erzeugt so einen sich verstärkenden Kreislauf aus Entzündung und psychischer Belastung."

Zu Beginn werteten die Wissenschafter die Angaben von 51 Personen mit atopischer Dermatitis aus. Der Vergleich zwischen von den Probanden subjektiv berichteten psychischen Belastungen und dem jeweiligen Verlauf der Erkrankung zeigte eine klare Parallelität auf: mehr Stress - stärkere Hautsymptome. Bekannt war auch, dass an solchen akuten Verschlechterungen einer atopischen Dermatitis bestimmte, in die Haut einwandernde Immunzellen (Eosinophile) beteiligt sind.

Im Rahmen der Studie etablierten die Experten ein Mausmodell für die Hauterkrankung. Schalteten sie durch Genveränderungen bei den Tieren die Eosinophilen aus, ergab sich ein Schutz vor stressbedingtem "Aufflammen" der chronischen Hautentzündung. "Indem die Tiere starkem Stress ausgesetzt wurden und mit einer Kombination aus Bildgebungs- und Gen-Analyseverfahren konnte das Team den Zusammenhang zwischen Stress und Ekzemen aufdecken und präzise die Verbindung zwischen Stressmelderegionen des Gehirns und der Haut kartieren", hieß es dazu in "Science alert".

Entscheidend ist dabei ein Signalweg, der aus Neuronen des sympathischen Nervensystems vom Gehirn in die Haut besteht. Der "Sympathikus" ist ein Teil des vegetativen oder autonomen Nervensystems, das den Körper binnen kürzester Zeit bei Belastungen in Alarmstimmung versetzt. "Kampf oder Flucht"-Reaktionen (Fight-or-Flight) werden dadurch ausgelöst.

In Sachen "Neurodermitis" ist eine Untergruppe von sympathischen Neuronen beteiligt, die vom Gehirn bis in die Haut - speziell in behaarte Hautregionen - reichen. Letztere sind sehr häufig und oft schwerer von der Hauterkrankung betroffen. Offenbar lassen bei atopischer Dermatitis und Stress diese Nervenzellen vermehrt eosinophile Immunzellen in die Haut einwandern. Dort werden sie über bestimmte Rezeptoren aktiviert und setzen schließlich Proteine und Immunbotenstoffe frei, die Juckreiz und Entzündungen verursachen, wie auch "Neuroscience News" zu der aktuellen wissenschaftlichen Arbeit schrieb.

Die chinesischen Wissenschafter führten mit ihrem Tiermodell an Mäusen Untersuchungen durch, welche sehr genau die Richtigkeit ihrer Annahmen bewiesen. "Die genetische Entfernung dieser (Sympathikus-; Anm.) Neuronen oder der Eosinophilen selbst stoppte die stressbedingte Entzündung in den Modellen vollständig. Das deutet darauf hin, dass (bei atopischer Dermatitis; Anm.) das Management des vegetativen Nervensystems genauso wichtig ist wie die Behandlung der Hautoberfläche", schrieb "Neuroscience News".

"Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Behandlung von Stress oder die Blockierung der stressabhängigen Signalübertragung zwischen Neuronen und Eosinophilen in Kombination mit anderen Therapien zur Linderung der Dermatitis beitragen kann", stellte "Science" dazu in einem Kommentar fest.

KÖLN - DEUTSCHLAND: ++ ARCHIVBILD ++ (ARCHIVBILD VOM 24.6.2010) - FOTO: APA/APA/dpa/Oliver Berg

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