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Wie gefährlich sind Vapes, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel?

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Die Tabakindustrie gibt sich geläutert: Alternative Nikotinprodukte sind angeblich weniger gefährlich als Zigaretten. Experten widersprechen

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Sie sind pink und sehen aus wie Lippenstifte, andere wirken technisch cool und erinnern an ein Handy: Vapes. In vielen Kiosken oder Tankstellen stehen die E-Zigaretten seit einiger Zeit dicht gedrängt in den Regalen neben Schokoriegeln, Gummibärchen und Chips.

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland nutzen die tabakfreien Apparate bereits, in denen Flüssigkeiten erhitzt werden, die meist mit Nikotin versetzt sind und dann als Nikotindampf inhaliert werden können. Die ausgefallenen Geschmacksrichtungen treffen besonders die Vorlieben von Teenies und jungen Erwachsenen. Mango ist dabei, Vanille oder Himbeere und Kreationen wie „Blueberry Cheesecake“. Einige, die den süßlichen Dampf konsumieren, würden wohl nie eine klassische Zigarette rauchen, weil sie diese eklig finden oder für zu gefährlich halten.

Fast jeder Fünfte ab 15 Jahren in Deutschland raucht allerdings auf hergebrachte Weise – trotz der meist unterschätzten Risiken: An die 130.000 Menschen sterben Jahr für Jahr insgesamt an den Folgen des Rauchens. Kein anderes legales Konsumgut ist für so viele Tote verantwortlich. E-Zigaretten hingegen gelten vielen als weniger schädlich – obgleich sich mehr und mehr abzeichnet: Die Vapes mögen weniger riskant sein, gefährlich aber sind auch sie. Und das gilt ebenso für andere Nikotinprodukte.

Zu wenige Langzeitstudien

Vapes haben sich in Deutschland derart schnell verbreitet, dass Mediziner mit der Risikoforschung kaum nachkommen. Notwendige Langzeitstudien „werden wir erst in vielen Jahren haben“, sagt Christian Taube, 55, Chefarzt an der Ruhrland-Klinik in Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin.

Er sorgt sich, dass die harmlos wirkenden Verdampfer eine neue Generation von Nikotinsüchtigen heranziehen. Vor allem junge Menschen im Wachstum handelten sich damit viel zu früh Lungenschäden ein, sagt er. Aus Schulen höre er, das Einstiegsalter liege bereits bei zwölf Jahren, noch niedriger als bei Zigaretten.

Auch die gesundheitlichen Folgen anderer neuer Nikotinprodukte sind noch nicht langfristig erforscht. Der Markt ist im Umbruch wie seit Jahrzehnten nicht: Seit es öffentliche Rauchverbote gibt, die Tabaksteuern steigen und viele Menschen verstärkt auf ihre Gesundheit achten, verkaufen sich Zigaretten in vielen Ländern zunehmend schlecht. Die Branche versucht, die Absatzverluste auszugleichen – auch indem sie verspricht, die Nachkommen der Zigarette seien gesünder als das Original.

Vapes, Tabakerhitzer, Nikotinbeutel

Neben Vapes geht es dabei vor allem um Tabak­erhitzer und Nikotinbeutel. In Tabakerhitzern wie Iqos werden chemisch behandelte Tabakpäckchen auf Temperaturen von bis zu 350 Grad Celsius erwärmt. Wer den entstehenden Dampf inhaliert, hat nahezu das volle Tabakaroma – aber „95 Prozent weniger Schadstoffe“, wie der Hersteller Philip Morris behauptet.

„Nicotine Pouches“ kommen sogar ganz ohne Tabak, Hitze und Geruch aus. Es sind kleine Beutel für den Mund, in denen ein Pulver aus natürlichem oder synthetischem Nikotin steckt. Nutzerinnen und Nutzer klemmen die Kissen etwa 20 Minuten lang unter die Oberlippe. Über die Mundschleimhaut gelangt das Nikotin in Blut und Hirn. Tatsächlich wirkt es auf den ersten Blick, als könnten die Nachkommen der Zigarette zumindest für jene, die bereits Raucher sind, die bessere Alternative sein. Da in Vapes, Erhitzern und Beuteln kein Tabakkraut verbrennt, entsteht kein Tabakrauch: jener hoch toxische Mix aus mehr als 5.000 Substanzen, von denen Dutzende – zum Beispiel Formaldehyd, Benzol, Blei oder Kadmium – nachgewiesen Krebs erzeugend sind.

Doch viel spricht auch dafür, dass die scheinbar innovative Produktpalette vor allem die Neuauflage eines alten Tricks ist. Tabakkonzerne haben Übung darin, verunsicherte Kunden mit angeblich gesünderen Erzeugnissen zu locken. Einst kamen sie mit der vermeintlich bekömmlicheren Filterzigarette, dann mit der Leicht- und sogar der Ultraleichtzigarette. Keine hat gehalten, was die Werbung versprach, im Gegenteil: Die Raucher nahmen umso tiefere und häufigere Lungenzüge, je leichter die Zigarette angeblich war. Das Krebsrisiko insbesondere für das gefürchtete Adenokarzinom im Drüsengewebe stieg dadurch an, unter anderem deshalb ist die Bezeichnung „Leichtzigarette“ in der EU seit 25 Jahren verboten.

Kein Nikotinprodukt ist sicher

Thomas Münzel, Kardiologen

Mehr Nikotin, höheres Suchtpotenzial

Unabhängige Fachleute versuchen nun, das Schadenspotenzial der neuen Produkte zu erfassen. Auch wenn Langzeitstudien fehlen, lässt sich aus den verfügbaren Informationen bereits ein Risikoprofil zusammensetzen. Es ist alarmierend; es zeigt, dass sich der Essener Klinikchef Taube zu Recht sorgt. Und es führt vor, dass Vapes, Pouches und Tabakerhitzer allesamt gesundheitsgefährdend sind. Das liegt unter anderem am Nikotin.

Nicht zufällig ist Nikotin der zentrale Baustein in allen drei Alternativen. Je mehr Nikotin ein Produkt enthält, desto höher ist dessen Suchtpotenzial. Und je stärker die oft lebenslange Abhängigkeit bei den Kunden, desto höher der Absatz und Gewinn bei den Herstellern. Wie schon früher, spielen die Konzerne die Risiken herunter: Anders als die typischen Begleitstoffe im Tabakrauch sei Nikotin selbst ja nicht krebserregend, deswegen gehe davon für Gesunde generell ein „geringes Risiko“ aus. Das zumindest behauptet Philip Morris.

Den Kardiologen Thomas Münzel, 71, erbosen solche Aussagen. „Kein Nikotinprodukt ist sicher“, sagt er. Münzel, Seniorprofessor an der Universitätsmedizin Mainz, hat gerade im Fachmagazin „European Heart Journal“ einen Alarmruf veröffentlicht. Der Experte appelliert an Mediziner und Politiker, den lange eher bagatellisierten Stoff als das anzuerkennen, was er ist: als Killer.

Nikotin „ist ein Angriff auf Gefäße, Herz und Kreislauf“, sagt der Kardiologe. Es „schädigt die Gefäßinnenwand, treibt Puls und Blutdruck nach oben und beschleunigt krankhafte Prozesse in den Arterien“. Besonders tückisch sei Nikotin für Leute, die ohnehin schon herzkrank sind. Bei ihnen könne der Stoff das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erheblich verstärken. Ob das Molekül aus einer Kippe stamme oder aus einem Beutel, sei unerheblich, urteilt der Arzt. Die neuen Produkte würden vor allem Jugendlichen „als smarte, saubere Alltagshelfer verkauft, in Wahrheit sind sie aber Hochglanz-Suchtfallen“.

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Pouches: Nikotinbeutel kommen zwar ohne Tabak, Hitze und Geruch aus, sind aber keinesfalls unbedenklich.

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Keine einheitliche Regelung

Deutsche Behörden zeigen sich von derartigen Warnungen bislang eher unbeeindruckt. Zwar existieren Regeln für den Verkauf und Vertrieb der Ersatzprodukte, doch häufig scheint sie niemand durchsetzen zu wollen.

Ein Beispiel sind die oft sehr hoch dosierten Nikotinbeutel. In den USA generieren sie Milliardenumsätze, besonders unter konservativen Männern sind sie populär, Prominente wie der Podcaster Tucker Carlson loben sie lauthals. In der EU fehlt eine einheitliche Regelung. In Schweden sind sie legal, in den Niederlanden nicht, Frankreich droht Importeuren und Anwendern gar mit Gefängnis. In Deutschland ist der Handel mit Nikotinbeuteln offiziell verboten, dennoch nehmen die Behörden hin, dass Internetshops sie ungeniert anbieten. Der Besitz zum Eigengebrauch ist hierzulande nicht strafbar.

Ähnlich verworren ist die Situation bei den E-Zigaretten. Zwar gilt für Vapes ein striktes Werbeverbot, doch niemand hält bezahlte Influencerinnen und Influencer davon ab, das Dampfen vor Abertausenden Followern anzupreisen. Viele der bekanntesten deutschen Rapper – Musiker wie Haftbefehl, Massiv oder Kurdo – vermarkten E-Zigaretten sogar unter eigenem Namen.

Hoher Schwarzmarktanteil

Laut einer aktuellen Studie des Erlangener Fraunhofer-Instituts IIS hat der Schwarzmarkt für Vapes in Deutschland einen Anteil von nahezu 40 Prozent. Und er wächst weiter: Am Kiosk liegen legale Einwegprodukte für höchstens 600 Züge zum Preis von etwa 10 Euro, darin enthalten ist eine Art Tabaksteuer. Online allerdings sind auch illegale „Big Vapes“ problemlos verfügbar, Riesencon­tainer für mitunter 80.000 Züge. Sie kommen unversteuert direkt aus China, oft zum Taschengeldpreis von kaum 20 Euro. Jeden Monat bringen die Hersteller neue „Liquids“ auf den Markt, wie die Aroma-Flüssigkeiten in den E-Zigaretten heißen. Die Produzenten müssen die Inhaltsstoffe einer EU-Behörde nur melden. Eine Sicherheitsprüfung gibt es nicht.

Dass niemand weiß, was in den Vaping-Wolken vor sich geht, hält Stefanie Scheffler, 43, vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin in Hannover, für nicht hinnehmbar. Für den Einsatz in Lebensmitteln haben sich die verwendeten Aromastoffe zwar als sicher erwiesen. Aber wie sie sich beim Erhitzen und bei der Inhalation verhalten, das „wird gar nicht erst untersucht“, sagt die Chemikerin.

Bleiben die Substanzen stabil? Gehen sie bedenkliche neue chemische Verbindungen ein? Je mehr Aromen in den oft vielfältigen Mischungen zusammenkämen, desto „höher steigt das Risiko für die Verbraucher“.

Mit ihrem Team hat Stefanie Scheffler ein Gerät namens EVape entwickelt. Damit können Liquids aus dem Handel bei verschiedenen Temperaturen verdampft und analysiert werden. Mithilfe des Apparats ließe sich herausfinden, welche Aromen in welcher E-Zigarette besonders bedenklich sind. Doch EVape wurde kein Erfolg. „Von industrieller Seite“, so Scheffler, „fehlt jedes Interesse dafür.“ Mit Behörden sei sie immerhin noch in Kontakt.

Unter Forschenden scheint die Besorgnis auch weltweit zu wachsen. Der Mediziner Bernard Stewart von der University of New South Wales in Sydney hat gerade im Fachjournal „Carcinogenesis“ einen Übersichts­artikel veröffentlicht. Sein alarmierendes Resümee, das auf mehr als 100 wissenschaftlichen Arbeiten beruht: „Die Studienlage zeigt, dass nikotinhaltige E-Zigaretten wahrscheinlich Mundhöhlen- und Lungenkrebs verursachen.“

Gefährlicher Vape-Dampf

Auch im Vape-Dampf finden sich demnach einige krebserregende oder toxische Substanzen: Nitrosamine etwa, flüchtige organische Verbindungen wie Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein; außerdem Schwermetalle wie Blei oder Nickel, die aus den Heizelementen der Geräte stammen. Ihre Konzentration liegt zwar sehr weit unterhalb der Werte von Zigaretten. Aber womöglich erreichen sie trotzdem die Schwelle, die krankhafte Veränderungen im Körper begünstigt.

Als Labormäuse knapp über ein Jahr lang mehrere Stunden täglich einem typischen Vape-Dampf ausgesetzt wurden, bekam mehr als jede fünfte von ihnen Lungenkrebs. Weil Mäuse keine Menschen sind, kann das nur als Indiz gewertet werden – das Experten aber ernst nehmen. Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC, eine Art TÜV der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für krebserregende Substanzen, hat die Frage, ob und wie stark sich aufgrund von E-Zigaretten Tumoren bilden, jüngst zur „höchsten Priorität“ erklärt.

Kein Beweis erbracht

Auch im Dampf von Tabakerhitzern wurden in unabhängigen Studien krebserregende Stoffe wie Teer, Nitrosamine, Feinstaub und Kohlenmonoxid aufgespürt. Aufgrund dieser Resultate urteilt die WHO: Der Beweis, dass Tabakerhitzer weniger gefährlich seien als das, was sie ersetzen sollen, „ist nicht erbracht worden“. Selbst die am ehesten als risikoarm erscheinenden Nikotinbeutel haben sich in Studien, wenngleich in relativ geringem Maße, als belastet erwiesen, etwa mit Ammoniak, Formaldehyd, Nickel und Chrom.

Wenn überhaupt, sind die neuen Produkte allenfalls schlechte Alternativen zur noch schlechteren Zigarette. „Das Beste, was Raucher für ihre Gesundheit tun können, ist ein kompletter Rauchstopp“, sagt Ute Mons, 45, Leiterin der Krebsprävention beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Helfen könne dabei eine Verhaltenstherapie, einschließlich möglicher Nikotinersatzstoffe und anderer Medikamente. Nur wenn der Stopp partout nicht gelinge, „ist der Umstieg auf die E-Zigarette dem Weiterrauchen vorzuziehen“, sagt die Expertin, denn für starke Raucher sei diese im Vergleich trotz allem das wohl geringere Übel.

Dabei allerdings lauert eine weitere Gefahr. Es zeige sich, so Mons, dass viele Raucher mehrgleisig fahren, mal greifen sie zum Qualmstängel, mal zum Dampfer oder Nikotinbeutel. Das könne leicht dazu führen, dass die Anwender in der Summe mehr Nikotin konsumierten – womit sie ihre Sucht verstärkten und noch mehr Schadstoffe aufnähmen. Und dann passiert etwas Bizarres: Bei dieser Mehrfachnutzung erhöhen die angeblich gesünderen Zigaretten-Alternativen das Gesundheitsrisiko sogar noch deutlich.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 36/2026 erschienen.

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