von
Wie häufig jemand bei der Organisation des Alltags an sein Limit geht, ist ein ganz guter Indikator. Müller fragt die Frauen in ihrer Beratung gern: Was sind die Punkte, an denen du ausflippst? "Gehen Sie mal durch den Tag und schauen, wann Sie geschrien haben oder hätten schreien können", rät die vierfache Mutter. "Das sind oft die Situationen, in denen Sie sich Entlastung gewünscht hätten."Dann sollte man das Gespräch mit dem Partner suchen: Schau mal, hier müssen wir etwas ändern. "Sie müssen sich eingestehen, dass es zu viel ist. Erst gegenüber sich selbst, dann gegenüber dem Mann."
Das sind Situationen, in denen sich etwas Großes im Leben ändert. "Bei kinderlosen Paaren ist das oft das Zusammenziehen, sagt Patricia Cammarata, Autorin des Buches "Raus aus der Mental-Load-Falle". Viele denken: Nun können wir gemeinsam den Haushalt schmeißen, das macht unterm Strich weniger Arbeit. Ein Trugschluss. "Oft wird die Arbeit für die Frau mehr und für den Mann weniger", sagt Cammarata. Das wiegt meist noch nicht ganz so schwer, weil die Ressourcen reichen.
"Der Kipppunkt kommt bei sehr vielen Paaren mit dem ersten Kind, weil gerade das erste Lebensjahr den größten Wandel mit sich bringt", weiß Cammarata. "Meist sind beide Partner berufstätig, bis die Frau für längere Zeit aussteigt und merkt: Sich um ein Kind zu kümmern, ist mit deutlich weniger Wertschätzung verbunden als der Job." Später im Leben kann Mental Load wieder zum Problem werden, wenn die eigenen Eltern oder die des Partners pflegebedürftig werden.
Wer den Mental Load fair verteilen möchte, muss ihn überhaupt erst einmal sehen. Das fällt insbesondere Männern schwer. Nicht wenige dürften sich fragen: Worüber reden wir hier eigentlich? Schauen wir uns ein typisches Beispiel an: den Wocheneinkauf.
Eine Aufgabe, die der Mann vielleicht gern übernimmt. "Aber er bekommt vorher eine Einkaufsliste von seiner Frau", sagt Cammarata. Und genau darin liegt die eigentliche geistige Arbeit. Oft ist es die Frau, die überlegt:
All das mitzudenken, ist unsichtbare Denkarbeit. Mit einer Liste einkaufen zu gehen, kann sich da fast schon entlastend anfühlen. "Man hat quasi eine Chefin und einen Zuarbeiter", sagt Cammarata. "Der Zuarbeiter wartet darauf, dass ihm Aufgaben zugewiesen werden und erledigt diese. Aber er macht sich keine großen Gedanken."
Dieser Unterschied ist ganz zentral:
1. Wer erledigt eine Aufgabe?
2. Wer übernimmt die Verantwortung?
"Sag mir doch einfach, wie ich dir helfen kann" – das ist ein beliebter Satz von Männern, aber keine Lösung des Problems. Wer denkt daran, dass eine Aufgabe noch erledigt werden muss – und wer initiiert das? "Das ist der Punkt, an dem wirkliche Entlastung entsteht", sagt Cammarata. Hier liegt die Verantwortung.
Die Autorin gibt ein passendes Beispiel: Kinderschuhe kaufen: "Die Frau hat auf dem Schirm, dass sie in der Schule jetzt wieder von der Turnhalle zum Draußensport wechseln und das Kind andere Schuhe braucht, weil die weißen Sohlen nicht dreckig werden dürfen." Das zu wissen und rechtzeitig aktiv zu werden, ist der Mental Load. Was ist also die Lösung? Der Mann übernimmt eben nicht nur einzelne To-dos, sondern ganze Prozesse, empfiehlt Cammarata. "Es hilft zum Beispiel nicht, wenn die Frau jedes Mal sagt: Schatz, füll doch bitte mit deiner Tochter den Mittagessenzettel für den Hort aus." Besser: Der Mann übernimmt das ganze Thema Mittagessen.
Zunächst geht es darum, sich eine Übersicht zu verschaffen: Was steht bei uns im Haushalt an? Was erzeugt überhaupt alles Mental Load? "Diese Arbeit muss man sichtbar machen", sagt Cammarata.
Schritt 1: Verantwortungsbereiche und Aufgaben auflisten
Tatsächlich hilft es, einmal aufzuschreiben, was alles zu tun ist und woran gedacht werden muss – Haushalt und Garten, Kind und Kindergarten, Finanzen und Versicherungen. Hinzukommen Geschenke und Geburtstage von Familie und Freunden, aber auch die Beziehung selbst. Man könnte sich zum Beispiel anschauen wo der Leidensdruck akut am größten ist, rät Moni Müller. "Die Frage ist, wo muss ich etwas abgeben, weil ich wirklich nicht mehr kann?"
Schritt 2: Zuständigkeiten verteilen
Verantwortung aufzuteilen, heißt nicht, dass jeder seine Bereiche hat und sich um nichts anderes mehr mit dem Partner gemeinsam kümmert. "Im ungünstigsten Fall kann das zu einer Art Fachlehrerprinzip führen", sagt Müller. Nach dem Motto: Ich kümmere mich um meine Fächer, alles andere liegt außerhalb meiner Verantwortung. "Das ergibt nicht bei jeder Aufgabe Sinn." Wenn man Zuständigkeiten verteilt, müsse man im Austausch bleiben und sich rückversichern: Passt das für dich noch? Macht diese Aufteilung für dich weiterhin Sinn? Es wird auch immer Dinge geben, die beide im Blick haben müssen.
Schritt 3: Nachjustieren und Routinen entwickeln
Die Vorstellung, dass man den Mental Load ein für alle Mal regelt, ist eher unrealistisch. Allein schon, weil die Veränderung von Gewohnheiten, Abläufen und Routinen Zeit braucht. Wichtig ist ein regelmäßiger Austausch. Müller rät zu einem festen Termin am Wochenende, ohne die Kinder und ohne müde und überlastet zu sein. "Sonst stehen schlechte Gefühle nicht schon im Raum, bevor man überhaupt anfängt, darüber zu sprechen."
"Das nimmt erst einmal Zeit in Anspruch", sagt Müller. "Aber mit der Zeit wird es immer selbstverständlicher." Auch Cammarata findet diese Metaebene wichtig, "damit man nicht wie an einem Gummi in alte Muster zurückschnellt". Mit der Zeit kann man bestimmte Bereiche ganz von der Besprechungsliste streichen. Sie laufen von selbst. Hilfreich ist es, Routinen zu etablieren. "Alles, was ritualisiert ist, braucht keinen Mental Load mehr, weil die Planung schon erledigt ist", sagt Cammarata. "Dann geht es nur noch um die Umsetzung."
Das ist sehr individuell, 50/50 muss es nicht sein. "Die Aufteilung muss zu den eigenen Ressourcen und Erwartungen passen", sagt Cammarata. "Für ein Paar kann eine 30/70-Aufteilung völlig stimmig sein, für ein anderes nicht." Außerdem kommt es auf die Lebensphase an. Was vor einem Jahr gepasst hat, passt heute eventuell nicht mehr. Vielleicht fängt der Partner oder die Partnerin einen neuen Job an, der viel Einsatz erfordert. Für andere Dinge bleibt weniger Energie. "Dann kann man vereinbaren: In sechs Monaten sprechen wir noch einmal darüber."
Ob die Aufteilung gerecht ist, hängt auch davon ab, wie umfangreich die Aufgaben sind – und ob beide den Aufwand gleich beurteilen. Das ist längst nicht immer so. Ist das Bad nun sauber oder nicht? Cammarata rät, eine Definition of Donefestzulegen. Also: Wann gilt eine Aufgabe als erfüllt? Zu kleinteilig werden sollte es aber nicht.
Beispiel Schuhkauf für die Kinder: "Man einigt sich darauf, dass die Schuhe zur Jahreszeit passen müssen, nicht drücken und ein bestimmtes Budget nicht überschreiten dürfen. Die Frau kann sagen: Wenn du diese drei Dinge einhältst, halte ich mich ansonsten komplett raus." Ob dann Delfine oder Dinos auf den Schuhen sind, entscheidet der Mann. Wenn die Frau das Motiv hässlich findet, ist das so.
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Monique Wüstenhagen/Monique Wüstenhagen
