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Stress am Herd: Küchen-Psychologie in der Partnerschaft

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Paare können sich durch Kleinigkeiten beim Kochen in die Quere kommen
©APA, dpa-tmn, Benjamin Nolte
Viele Paare kochen gerne gemeinsam, aber wie harmonisch ist die Vorstellung in der Realität? Denn das gemeinsame Zubereiten einer Mahlzeit hat viel Potenzial für Stress und Streit. "Eine Küche ist raumpsychologisch gesehen in jedem Haushalt ein ganz besonderer Ort, er hat eine besondere Magie", erklärt dazu der Psychotherapeut Uwe Linke. Schließlich treffen in der Küche alle zusammen, der Raum steht häufig eigentlich für etwas Positives: Kommunikation und Genuss.

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Das Problem ist jedoch, dass viele Menschen sehr konkrete Vorstellungen von der Herstellung und auch dem Geschmack von Speisen haben, davor sind auch ansonsten tolerante Menschen nicht gefeit. In der Küche prallen Welten aufeinander, als gebe es nur den einen richtigen Weg zur Spaghetti Bolognese: Wie lange kochen wir die Nudeln? Wie klein oder groß wird gewürfelt? Wie ist generell der Ablauf? All dies wurde den Menschen meist in der Kindheit und Jugend von den Eltern und Großeltern vermittelt. "Das stellt man selten infrage, sondern hält es für gottgegeben", so Linke.

Vielleicht hat die sparsame Oma die Erdäpfel immer hauchdünn geschält und ihr Enkel hat dies von ihr gelernt? Dann findet er es äußerst befremdlich, dass seine Freundin nun die Schalen sehr großzügig entfernt. Und wie sie das Messer hält! Ganz falsch, so kann das nichts werden. Vielleicht hat seine Mutter immer noch ein bisschen Wein in die Soße gemacht? Klar, dass dieser auch heute nicht fehlen darf - sonst schmeckt die Soße nicht.

Doch manchmal sind es nicht nur lieb gewordene Kindheitserinnerungen, die das gemeinsame Kochen erschweren, sondern schwelende Konflikte in der Partnerschaft brechen dabei auf. Vordergründig wird über die richtige Menge Salz gestritten, doch eigentlich geht es um etwas ganz anderes.

Manchmal ist es das Thema Macht. Vielleicht will einer immer der Bestimmer sein und meint, der andere müsse sich stets anpassen? "In einer Beziehung mit Machtansprüchen kann die Küche eine Art Revier sein", erklärt die Expertin Stefanie Voss.

Doch wenn der Partner einem den halben Paradeiser aus der Hand nimmt, weil er meint, er könne ihn besser schneiden, ist das nicht in Ordnung - und sollte angesprochen werden. Kommt es zu einem Streit, sollten laut Voss keinesfalls die drei "Killerfragen" gestellt werden:

"Das wäre das Dümmste, was man machen kann, denn ein solcher Streit führt zu keiner Lösung", stellt die Fachfrau klar.

Besonderes Frustpotenzial hat das gemeinsame Kochen, wenn Koch oder Köchin dem anderen ein Schlachtfeld hinterlässt, das dieser nach dem Essen beseitigen soll. "Oft gibt es beim Kochen Leerlaufzeiten, in denen kann der Koch schon einige Sachen spülen oder wegräumen", gibt Voss einen Tipp, damit die Angelegenheit möglichst nicht eskaliert. "Dann wäre die Küche wenigstens schon etwas in Ordnung gebracht."

Sie empfiehlt generell Absprachen. So sollte sich darüber ausgetauscht werden, wer welche Tätigkeit gerne übernehmen würde. Vielleicht ist Mann oder Frau besonders geschickt im Umgang mit dem Messer und kann beeindruckend schnell Zwiebeln würfeln? Im Gegenzug schält der oder die andere eigentlich ganz gerne in meditativer Ruhe Erdäpfel?

Ein weiterer Klassiker beim Streit in der Küche: Einer der Köche ist perfektionistisch, der andere sieht es eher locker. Der Perfektionist kritisiert etwa, das Gewürz sei das Falsche. Sein Partner reagiert zum Beispiel mit: "Stell dich doch nicht so an, es schmeckt doch gleich." Weiterer Ärger ist vorprogrammiert. Therapeut Linke empfiehlt auch für diesen Fall Toleranz.

"Wenn einer der beiden Spaß zum Beispiel an außergewöhnlichen Lebensmitteln hat, dann darf das doch sein." Auch Absprachen können helfen. So rät Voss: entweder im Voraus vereinbaren, wer an diesem Tag beim Kochen das Sagen hat oder die Speisen aufzuteilen. Einer oder eine macht den Salat, der oder die andere kümmert sich um die Hauptspeise.

Eine weitere Variante: Man wechselt sich tageweise mit dem Kochen ab. Schließlich weiß schon der Volksmund: "Zu viele Köche verderben den Brei." Diese Möglichkeit hat zudem den Vorteil, dass jeder mal den Luxus genießen kann, es sich ohne vorherige Arbeit schmecken lassen zu können.

Paare, die häufig zusammen kochen, sollten zudem die Küche entsprechend organisieren, empfiehlt Linke: "Da kann man sich von der Organisation in Großküchen etwas abschauen". Denn die wenigsten Küchen sind darauf ausgelegt, dass in ihnen mehrere Menschen gleichzeitig schnippeln und brutzeln.

Damit man nicht ständig rücken muss, sollten die Arbeitsbereiche entsprechend organisiert werden, sodass jeder leicht zum Beispiel an die Messer und den Mülleimer gelangen kann. Auch ist es sinnvoll, die Küche generell in zwei Bereiche zu teilen: In einem wird vorbereitet, in dem anderen erhalten die Speisen ihren letzten Schliff.

ILLUSTRATION - Gemeinsam kochen: Er will Kreuzkümmel am Gericht, sie kann das Gewürz aber nicht leiden - und schon ist die Harmonie futsch. (zu dpa: «Stress am Herd: Küchen-Psychologie in der Partnerschaft») Foto: Benjamin Nolte/dpa Themendienst/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++

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