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Katharina Sturm: „Man kann nie wissen, was wirklich drin ist“

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Katharina Sturm

©Alex Gotter

checkit!-Teamleiterin Katharina Sturm über Drugchecking, Risiken beim Konsum von Ecstasy, Speed und Co., gefährlichen Mischkonsum und die Frage, was tatsächlich in illegal erworbenen Substanzen steckt.

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Legale Tests für illegale Drogen? Katharina Sturm ist die Teamleiterin für die Beratung und das Drugchecking bei checkit!, einer Organisation, die sich seit Ende der 90er damit beschäftig, wie man den Konsum von sogenannten Freizeitdrogen so risikoarm wie möglich gestalten kann. Wir treffen uns im neuen checkit! Lokal im U4 Center und sprechen über die Mission von checkit!, wie eine Beratung funktioniert, wie Risiken bei Drogenkonsum minimiert werden können und bei welchen Substanzen man besonders aufpassen muss.

Das Angebot von checkit! ist auf Freizeitdrogen ausgerichtet. Was soll das konkret bedeuten?

Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Englischen: Recreational Drug Use. Das heißt, es geht um einen Konsum, der gelegentlich oder auch regelmäßiger stattfindet, aber mit der Konsummotivation zum Feiern gehen, aus Freude, aus Neugierde auf Bewusstseinserweiterung oder aus hedonistischen Gründen passiert. Man grenzt den Konsum von Abhängigkeit ab, wo ein Zwang oder auch eine Selbstmedikation dahinter steht. Es geht quasi um den Konsum, der im Freizeitsetting stattfindet.

Das ist also die Zielgruppe?

Genau. Also wir arbeiten mit Personen, die noch keine Abhängigkeit haben, sondern herumexperimentieren und dabei gerne Risiken reduzieren und Beratung nutzen möchten. Wir wollen mit ihnen eine konsumkritische Haltung entwickeln, Informationen geben und über das Drugchecking Risiken minimieren.

Das heißt, Menschen, die eine Abhängigkeit haben, werden nicht betreut?

Wenn Personen zu uns kommen, die z.B. das Drugchecking nutzen möchten, dann ist das auch eine Möglichkeit. Im Normalfall vermitteln wir aber an Beratungsstellen, bei denen der Schwerpunkt bei Abhängigkeitserkrankungen liegt, und die zum Beispiel ein medizinisches oder psychotherapeutisches Angebot haben.

Was will checkit! denn mit dem Angebot erreichen?

Grundsätzlich geht es uns darum, Schäden und Risiken, die durch Substanzkonsum entstehen können, zu reduzieren und Menschen dazu zu bringen, ihren eigenen Konsum zu reflektieren. Das heißt, sich mit ihnen gemeinsam anzuschauen: In welchen Situationen konsumiert jemand? Wie kommt es zu dieser Entscheidung? Wie geht es der Person damit und natürlich wie sich Risiken reduzieren lassen wenn sie sich dafür entscheidet, zu konsumieren?

Durch das Drugchecking bekommen wir außerdem einen Einblick in den Substanzmarkt und betreiben gleichzeitig wissenschaftliche Forschung. Wir bieten Beratung in unseren Beratungsstellen an, sind aber auch mobil unterwegs, beispielsweise bei Events, wo wir direkt vor Ort Drugchecking und Beratung anbieten können. Ein weiteres Projekt ist unser Peer-Projekt, bei dem wir im öffentlichen Raum unterwegs sind und mit Menschen über das Thema Substanzkonsum ins Gespräch kommen. Es gibt also viele Bereiche, die checkit! abdeckt.

Welche Substanzen sind erfahrungsgemäß besonders unsicher?

Prinzipiell kann man bei einer auf dem Schwarzmarkt erworbenen Substanz nie wissen was da drinnen ist. Das heißt, jede Substanz, die man kauft, sollte analysiert werden, weil man nur dann wirklich wissen kann, was man genau konsumiert. Es gibt schon gewisse Trends, die wir durch die Analysen sehen, also Substanzen, denen tendenziell mehr Streckstoffe beigemischt sind. Zum Beispiel beim Speed ist oft etwas beigemengt.

Unser aktueller Schwerpunkt liegt aber auf den Ecstasy-Pillen, weil wir da letztens Pillen entdeckt haben, in denen ein anderer Wirkstoff enthalten war, der sehr riskant oder potenziell tödlich ist. Es gibt also immer wieder Schwankungen bei unseren Beobachtungen und deswegen kann man nie genau sagen, welche Substanz stärker oder weniger stark gestreckt ist als eine andere, weil man es einfach nie wissen kann, ohne eine Analyse von genau der Substanz, die man gerade besitzt.

Wird Cannabis getestet?

Wir testen Cannabis, wenn der Verdacht besteht, dass synthetische Cannabinoide enthalten sind. Das heißt, wenn beim Konsum eine besonders starke oder sehr unangenehme Wirkung auftretet, dann können wir prüfen, ob synthetische Cannabinoide enthalten sind.

Sie warnen ausdrücklich vor Mischkonsum, welche Substanzkombinationen sind besonders riskant?

Prinzipiell ist Mischkonsum immer riskanter als nur eine einzelne Substanz zu konsumieren, weil dabei viele Faktoren zusammenspielen. Zum einen beeinflussen sich die Substanzen gegenseitig, zum anderen kommt es darauf an, wie es dem eigenen Körper gerade geht. Besonders riskant ist die Kombination mehrerer Downer, also beruhigend wirkender Substanzen, dazu zählen etwa Opioide, Alkohol, GHB, GBL und auch Benzodiazepine. Wenn solche Substanzen gemeinsam konsumiert werden, steigt das Risiko einer Atemlähmung deutlich – und die kann tödlich enden.

Wenn hingegen mehrere aufputschend wirkende Substanzen kombiniert werden, etwa Speed, Kokain oder Ecstasy beziehungsweise MDMA, bedeutet das eine hohe Belastung für das Herz-Kreislauf-System. Das kann unter anderem zu Herzstörungen führen. Eine Substanz, die häufig unterschätzt wird, ist auch der Alkohol. Der wird beim Fortgehen sehr oft zusätzlich konsumiert und kann vor allem durch beim Mischkonsum mit weiteren Substanzen gefährlich werden. Wichtig ist auch, sich über mögliche Wechselwirkungen zu informieren, wenn man Medikamente einnimmt.

Einen völlig risikofreien Konsum gibt es nicht

Katharina Sturm

Wie funktioniert das Peer-Projekt?

Das funktioniert so, dass die sogenannten Peers, also junge Erwachsene, bei uns eine interne Ausbildung bekommen und dann im öffentlichen Raum, in Jugendzentren oder in verschiedenen Clubs unterwegs sind. So kommen sie ins Gespräch mit jungen Leuten. Dabei soll es um Konsum generell, aber auch um Konsumreflexion gehen. Wir verwenden zum Beispiel als Gesprächseinstieg Quizkarten, wo es darum geht, welche Mythen man über Substanzen kennt und was da wirklich dran ist.

Im April ist ein neuer Standort von checkit! im U4 Center in Meidling dazugekommen. Warum war es wichtig einen zweiten Standort aufzubauen?

Seit 2020 gibt es das stationäre Drugchecking, also die Möglichkeit, die Substanz in den Beratungsstellen abzugeben. Davor waren wir eben nur mobil auf Events unterwegs. Dadurch das jedes Drugchecking einen Beratungsanteil beinhaltet, wurde die Beratung im Zuge dessen ebenfalls ausgebaut. Durch das Peer-Projekt, war einfach mit einem Anstieg an Anfragen zu rechnen, weil wir mehr Leute erreichen, und so ist es dazu gekommen, das ein neuer Standort eingerichtet wurde.

Wie viele Proben werden durchschnittlich bei euch abgegeben und kann man daraus etwas auf den Drogenkonsum in Wien schließen?

Wir haben in den letzten Jahren etwa 2.500 Proben pro Jahr analysiert. Die Probenabgabe bei uns ist anonym. Das heißt, wir können nicht nachvollziehen, wie viele einzelne Personen hinter den abgegebenen Proben stehen. Deshalb ist unser Einblick in das tatsächliche Konsumverhalten auch begrenzt.

Man kann aus unseren Daten nicht ableiten, wie viele Menschen insgesamt Substanzen konsumieren oder wie sich der Konsum in der Gesamtbevölkerung entwickelt. Dafür sind unsere Daten zu stark gefiltert. Unser Angebot hat ja auch schließlich nur ein bestimmtes Kontingent.

Für solche Erhebungen braucht es eine Kombination aus Studien, Zahlen, Befragungen und so weiter. Unsere Arbeit kann zwar Hinweise darauf liefern, welche Substanzen auf dem „Drogenmarkt“ in Umlauf sind, sagt aber wenig über den allgemeinen Substanzkonsum in einer Großstadt wie Wien aus.

Wenn ich jetzt beispielsweise Ecstasy konsumieren möchte und bei Ihnen anrufe um mich beraten zu lassen, was würden Sie mir sagen?

Zunächst fragen wir, welches Wissen bereits vorhanden ist und womit sich die Person schon beschäftigt hat. Dann geht es darum, welche Interessen und Fragen sie mitbringt, damit wir direkt auf das Anliegen eingehen können. Was ist die Konsummotivation? Was erwartet sich die Person davon? Und welche Risiken gibt es überhaupt bei der Substanz? Beim Beispiel Ecstasy beziehungsweise MDMA stellt sich zunächst einmal die Frage, ob der erwartete Wirkstoff tatsächlich enthalten ist und da kann man eben bei uns eine Analyse machen.

Wenn sich jemand anschließend dafür entscheidet, die Substanz zu konsumieren, sprechen wir darüber, wie die Risiken möglichst gering gehalten werden können. Dazu gehört zum Beispiel, zunächst nur sehr wenig zu nehmen und die Wirkung abzuwarten oder Mischkonsum zu vermeiden, darauf zu achten nicht alleine zu konsumieren und an einen Zeitpunkt, an dem es einem körperlich und psychisch gut geht. Denn viele unterschiedliche Faktoren können die Wirkung einer Substanz beeinflussen. Wir versuchen also auch allgemein aufzuklären.

Ausreden würden Sie mir den Konsum aber nicht?

Mithilfe des Drugcheckings können wir feststellen, ob die erwartete Substanz enthalten ist oder ob potenziell gefährlichere Zugaben bzw. eine viel zu hohe Dosierung vorliegen. In entsprechenden Fällen werden auch Warnungen ausgesprochen.

Unser Ziel ist es, Menschen über die Risiken von Freizeitdrogen zu informieren und sie dabei zu unterstützen, diese Risiken zu verringern. Einen völlig risikofreien Konsum gibt es nicht. Bei Bedarf, kann checkit! auch den Kontakt zu Beratungs- und Behandlungsangeboten der Wiener Suchthilfe vermitteln.“

Wie geht’s weiter mit checkit!, gibt es Pläne für die Zukunft?

In unserem neuen Standort in Meidling sind wir gerade dabei unsere Angebote zu etablieren – also Drugchecking und Beratung, aber auch Schulungen für Fachpersonen oder Forschung. Unser Fokus liegt momentan darauf Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen, über das Peer-Projekt, wo unsere Peers präventiv im öffentlichen Raum unterwegs sind, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Steckbrief

Katharina Sturm

Katharina Sturm ist Sozialarbeiterin und seit 2016 innerhalb der Suchthilfe in verschiedenen Bereichen tätig. Seit 2020 ist sie Beraterin im Bereich der Suchtprävention, wo sie im Jahr 2022 die Teamleitung der checkit! homebase übernommen hat.

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