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Autismus-Kompetenztraining neu gedacht - VR als Chance

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Eine virtuelle Realität soll Personen mit Autismus helfen
©APA/APA/Vogl/Daniel Vogl
Menschen mit Autismus nehmen soziale Signale wie Mimik, Gestik, Blickkontakt oder Tonfall oft anders wahr. Ihre unangemessen erscheinenden Reaktionen bzw. eingeschränkt emotionale Einfühlsamkeit können vielfach Missverständnisse hervorrufen. Die meisten Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen machen daher frustrierende Erfahrungen mit der Umwelt. Eine an der TU Graz entwickelte virtuelle Umgebung soll ihnen dabei helfen, sich auf Situationen im Alltag besser vorzubereiten.

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Die Schwierigkeit oder Unfähigkeit, soziale Signale, Gefühle und Absichten anderer intuitiv zu erkennen und zu verstehen, wird auch "soziale Blindheit" genannt. Probleme in der Kommunikation, bei der Kontaktaufnahme und in anderen sozialen Situationen sind die Folge. Reaktionen auf diese Überforderung können ein Verlust der Selbstkontrolle mit Wutanfall (Meltdown) oder ein Rückzug nach innen, bei dem die Person kaum ansprechbar ist und apathisch wirken kann (Shutdown), sein.

Es gibt Trainings, um die sozialen Kompetenzen bei Autismus-Spektrum-Störung (ASD) zu stärken, die individuelle oder Kleingruppenbetreuung ist jedoch oft nur begrenzt verfügbar und kostenintensiv, wie Christian Poglitsch vom Institute of Human-Centred Computing der TU Graz gegenüber der APA schilderte. Die Computerspiel-Technologie könnte hier eine Alternative bzw. gute Ergänzung ermöglichen.

Die Forschenden an der TU Graz nutzen Virtual Reality und Large Language Models, um Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung beim Trainieren sozialer Kompetenzen zu unterstützen. Denn schwierige Situationen entspannt üben - ohne Angst vor peinlichen Momenten oder unangenehmen Konsequenzen - kann in virtuellen Umgebungen einfacher sein. Etwa die Verabredung zu einem Mittagessen mit Kollegen, Bestellungen im Lokal, Einkaufssituationen, Telefonate. "Wir wollen sozusagen ein Aufwärmtraining bieten, um die realen Situationen dann besser zu meistern", erklärte Poglitsch die Zielrichtung. Er hat das Projekt im Rahmen seiner Dissertation umgesetzt.

"Unser System soll klassische Therapien nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen und verstärken", betonte Poglitsch weiter. Erste Testläufe mit der entwickelten virtuellen Umgebung "Simville" würden zeigen, dass dieser Ansatz Menschen mit ASD hilft, sicherer durch den Alltag zu kommen.

Wichtig war den Grazer Informatikern und Gamification-Spezialisten der spielerische Ansatz: Aufgaben, Storytelling und direktes Feedback nach jeder Übungsszene sollen dazu motivieren, regelmäßig zu trainieren. Die Handlung basiert auf vier wiederkehrenden Charakteren, mit denen sich die Anwender nach und nach vertraut machen. Dank moderner Sprachmodelle wie Gemini12B von Google reagieren die Avatare passend zur Situation. "Faszinierend war dabei, dass das Modell auch eine gewisse Emotion vermitteln konnte", schilderte Poglitsch. Je nach Situation sei auch der "passende Unterton" heraushörbar.

Die Reize, die auf die Nutzer einwirken, können schrittweise nach oben angepasst werden, bei Überforderung auch nach unten. Die Tests mit 25 Probanden hätten erste positive Effekte gezeigt. Sie hätten sich "nach wenigen Sitzungen" bereits deutlich sicherer in sozialen Situationen gefühlt. "Die Leute waren sichtlich motiviert weiterzuspielen", fasste Poglitsch zusammen.

"Simville" wird nun im internationalen Projekt ETAP - Early Diagnosis and personalized Therapy in Autism Spectrum to prevent severe Disorders, das von der Hochschule Furtwangen geleitet wird, weiter getestet. Hier wird die Simulation mit Sensorik kombiniert, um die Intensität der Erfahrung individuell anzupassen. Eine Demo des Spiels soll in Bälde verfügbar sein.

(S E R V I C E - https://gamelabgraz.com/project/)

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Vogl/Daniel Vogl

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