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Ein internationales und fachlich breit aufgestelltes Team unter Leitung des Anthropologen und Populationsgenetikers Joachim Burger von der Universität Mainz analysierte 258 Genome von in damaligen Grabstätten (Reihengräberfeldern) beigesetzten Menschen aus den heutigen deutschen Bundesländern Bayern und Hessen. Die Gruppe verglich diese mit rund 2.900 antiken, frühmittelalterlichen und modernen Genomen aus Nord- und Süddeutschland.
Man konnte belegen, dass bereits in der spätrömischen Phase auf Friedhöfen im heutigen Süddeutschland Menschen bestattet wurden, deren genetische Herkunft im nördlichen Europa lag. Menschen aus dem Norden waren demnach bereits lange vor dem Ende des Weströmischen Reiches in kleinen Gruppen nach Süden gezogen. Die Forschenden vermuten, dass sie - auch angehalten durch damalige römische Regelungen - als Landarbeiter eher isoliert von der restlichen Bevölkerung lebten, vor allem unter sich heirateten und "somit die genetische Signatur ihrer Vorfahren" behielten, hieß es.
Demgegenüber konnten die Forschenden eine zweite Gruppe genetisch typisieren, nämlich die Gesellschaft eines römischen Militärlagers: eine genetisch sehr heterogene Zivil- und Militärbevölkerung, mit Wurzeln aus ganz Europa bis hin nach Asien.
Doch ab 470 n. Chr. änderte sich die Situation rapide, beide Bevölkerungsgruppen verschmolzen miteinander: "Mit dem Zusammenbruch der weströmischen Staatsstrukturen nahm die Unsicherheit zu und damit auch die Mobilität der Bevölkerung. Die Menschen, die zuvor in Städten oder Militärsiedlungen gelebt hatten, zogen infolge des Verlusts ihrer vertrauten römischen Ordnung ins Umland, wo sie auf Gruppen mit nordeuropäischen Wurzeln trafen. Beide Gruppen bildeten rasch neue Gemeinschaften und bestatteten ihre Toten fortan gemeinsam auf Reihengräberfeldern", sagte Burger.
Die Studie belege "mit völlig neuen, naturwissenschaftlichen Daten" die damalige "regionale Mobilität und friedliche Integration" - und eben keine germanische Völkerwanderung mit großen, geschlossen wandernden Verbänden. Die aus den Genomdaten rekonstruierten Stammbäume zeigen, wie sich neue Familienverbände bildeten und gemeinsame Nachkommen entstanden. "Dass die beiden Gruppen so schnell begannen, untereinander zu heiraten und Kinder zu zeugen, deutet auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund hin", so Burger: "Dieses verbindende Element kann nur die spätrömische Kultur gewesen sein."
Darüber hinaus erhob man, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern bei 43,3 Jahren und bei Frauen bei 39,8 Jahren lag, damalige Haushalte überwiegend aus Kernfamilien - und nicht aus weitverzweigten Clans - bestanden, Ehen - wohl auch aufgrund der zunehmenden Christianisierung - monogam geschlossen wurden und die Heirat von Verwandten explizit ausgeschlossen war. Somit habe man auch die Wiege des europäischen Familiensystems offengelegt - ein Modell, das bis in die Neuzeit hinein weite Teile des Kontinents prägen sollte. Gleichzeitig belege die Studie die ab dem 7. Jahrhundert ablesbaren genetischen Wurzeln der Süddeutschen, hieß es.
"Unsere Studie basiert auf Daten aus Süddeutschland. Wir gehen jedoch davon aus, dass viele unserer Befunde auch für andere Regionen des südlichen Mitteleuropas gelten, insbesondere für Österreich (v.a. Salzburg, Oberösterreich) und vermutlich auch für die Donau-Region in Niederösterreich", sagte Burger auf Anfrage der APA: "Es wäre deshalb wissenschaftlich sehr interessant, einige der zahlreichen Reihengräberfelder entlang der Donau in Oberösterreich, Niederösterreich oder Wien mit denselben Methoden zu untersuchen, um zu prüfen, ob unser in Bayern etabliertes Bevölkerungsmodell dort ebenfalls nachweisbar ist."
In Regionen wie der heutigen Steiermark, Kärnten und dem südöstlichen Alpenraum sei aber eine zusätzliche Komplexität erwartbar, "nicht zuletzt, weil archäologische Phänomene, die mit der slawischen Besiedlung assoziiert werden, dort eine bedeutende Rolle gespielt haben dürften".
Gemeinsam mit österreichischen Kollegen habe man in der aktuellen Studie zum Vergleich Genome aus Molzbichl (Kärnten) analysiert - eine Fundstelle, die archäologisch als "slawisch" klassifiziert wird. Diese Proben haben ein deutlich anderes genetisches Profil offenbart: "Sie weisen Vorfahren aus dem Baltikum auf. Das deutet darauf hin, dass die Bevölkerungsdynamik in diesen Gebieten noch komplexer war als in Bayern und möglicherweise durch mindestens eine zusätzliche Migrationswelle geprägt wurde", so Burger.
(S E R V I C E - https://www.nature.com/articles/s41586-026-10437-3 )
++ HANDOUT ++ ZU APA0095 VOM 29.4.2026 - Die Vorstellung, dass der Zerfall des Weströmischen Reiches mit einer großen germanischen "Völkerwanderung" einherging, gilt schon länger als nicht haltbar. Eine Analyse von Genomen, die aus dem ehemaligen römischen Grenzraum zwischen 400 und 700 n.++ACHTUNG: G E S P E R R T bis 29.04.26, 17:00 Uhr ++.






