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Abnehmen mit Spritze oder Pille: So geht man es richtig an

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Im Juli wurde die Abnehmpille für den europäischen Markt zugelassen
©APA/APA/dpa-tmn/Novo Nordisk/Novo Nordisk
Gefühlt jede Diät ausprobiert, doch die Zahl auf der Waage ist immer noch viel zu hoch? Wer nicht auf jeden Euro schauen muss, liebäugelt dann womöglich mit der Abnehmspritze - oder nun auch der Abnehmpille. Mitte Juli hat die EU-Kommission eine neue Abnehmpille für den europäischen Markt zugelassen. Der Wirkstoff Semaglutid konnte bisher über sogenannte Abnehmspritzen verabreicht werden, nun soll er erstmals in Tablettenform in die Apotheken kommen.

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Das Prinzip hinter diesen Medikamenten zum Abnehmen: Die Wirkstoffe - je nach Präparat Semaglutid (Handelsname: Wegovy) oder Tirzepatid (Handelsname: Mounjaro) - ahmen ein bestimmtes Darmhormon nach. Sie dämpfen den Appetit und sorgen zudem dafür, dass Nahrung länger im Magen bleibt. Schon nach kleinen Portionen stellt sich ein Pappsatt-Gefühl ein.

Ärztinnen und Ärzte können die Abnehmspritze für die Behandlung von Adipositas (Body-Maß-Index ab 30) verordnen, sie kommen daneben ab einem BMI von 27 infrage, wenn gewichtsbedingte Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck vorliegen. Bezahlen müssen Patientinnen und Patienten die Medikamente selbst. Was sollten alle wissen, die mit Abnehmspritze oder -pille liebäugeln? Das verrät die Ökotrophologin Heike Niemeier im Interview. Sie berät Menschen, die Medikamente zum Abnehmen nutzen, und hat zusammen mit Nicolai Worm das Buch "Abnehm-Spritze & Abnehm-Pille? Ja, aber richtig!" geschrieben.

Heike Niemeier: Nur die Spritze oder Pille zu nehmen führt nicht langfristig zum Erfolg. Wer auch darüber hinaus sein Gewicht halten möchte, muss seinen Lebensstil ändern. Die Formel "Gewicht runter - Gesundheit hoch" geht leider nicht immer auf. Man muss bei der Abnahme genau darauf achten, dass nicht ein zu hoher Anteil Muskelmasse verloren geht. Manche Menschen nehmen mit der Abnehmspritze zwar stark ab, verlieren dabei aber so viele Muskeln, dass die Lebensqualität eingeschränkt ist und sie in Extremfällen Gehhilfen benötigen.

Wenn wir abnehmen, geht immer auch Muskelmasse verloren - etwa ein Viertel des Gewichtsverlusts sind Muskeln, sagt man. Ist der Anteil höher, ist langfristig weniger gewonnen für die Gesundheit. Denn Muskelmasse ist "Goldmasse", sie schützt die Gelenke und ist wichtig fürs Immunsystem.

Niemeier: Regelmäßiges Krafttraining ist das Stichwort. Muskeln bleiben bei einer Gewichtsabnahme besser erhalten, wenn sie Reize bekommen und arbeiten müssen. Toll ist dabei: Krafttraining geht selbst mit starkem Übergewicht gut - anders als Ausdauertraining, bei dem die Belastungsgrenze schon nach fünf bis zehn Minuten erreicht sein kann. Um Muskelmasse zu erhalten, braucht es aber natürlich auch ausreichend Proteine in der Ernährung, der Baustoff Nummer eins für Muskeln. Noch eine dritte Sache ist wichtig: Muskeln mögen Erholung, daher sollte man auf guten Schlaf achten.

Niemeier: Ja. Denn auch wenn man weniger isst, hat der Körper denselben Bedarf an wichtigen Mineralstoffen, Vitaminen, Spurenelementen. Das Motto lautet dann: "Das, was ich esse, muss möglichst hochwertig sein, damit es mich mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt." In besonderen Fällen ist der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln hilfreich.

Niemeier: Gemüse sollte den größten Anteil auf dem Teller haben. Und zwar verschiedene Sorten, bunt essen ist gut. Das Gemüse darf auch aus dem Tiefkühler kommen, es kann in Suppen oder in den Auflauf wandern oder gegrillt werden. Wie man es mag. Zudem brauchen wir Proteine, die in großer Menge bei gleichzeitig geringer Kalorienmenge etwa in Fisch, Fleisch oder Eiern stecken.

Gemüse und Protein: Wenn diese beiden Komponenten zusammen 80 Prozent des Tellers füllen, ist ganz viel gewonnen. Dann bleiben die letzten 20 Prozent für das, was einem noch Spaß macht - vielleicht Nudeln, Reis oder Brot. Abgerundet wird jede Mahlzeit durch hochwertige Öle.

Niemeier: Viele Patienten erleben durch die Medikamente weniger Food Noise, müssen also nicht mehr ständig an Essen denken. Diese frei gewordenen Kapazitäten im Kopf kann man gut nutzen, um neue Gewohnheiten zu etablieren. Anschauen sollte man sich dabei nicht nur Ernährung und Bewegung, sondern auch Schlaf und das soziale Umfeld - all das spielt zusammen. Schließlich brauchen wir, um uns wohl und gesund zu fühlen, auch andere Menschen um uns herum.

Man kann die Umstellung von Gewohnheiten auf verschiedene Arten und Weisen angehen. Ich frage meine Patienten gerne: "Wenn Sie alles ideal und top machen würden, wie sähe Ihre Ernährung dann aus?" Und dann zerlegen wir das in einzelne, machbare Schritte. Das ist wichtig, um nicht an den eigenen, sehr hohen Erwartungen zu scheitern.

Niemeier: Die hohe Erwartungshaltung nach dem Motto "Jetzt muss es endlich klappen!" ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen von Menschen, die die Abnehmspritze nutzen. Viele probieren seit Jahren abzunehmen. Und: Die Studien machen große Hoffnungen.

Doch das Gemeine ist, dass Studien immer nur den Durchschnitt zeigen und nicht die Individualität abbilden. Das kann für Frust sorgen, wenn man selbst nicht die erhofften und von den Herstellern kommunizierten Ergebnisse erzielt. Dann kommen Patientinnen und Patienten schnell zur Schlussfolgerung: Ich bin falsch. Das stimmt aber nicht. Mein Rat: Man sollte sich nur mit sich selbst vergleichen. Der Vergleich mit anderen hinkt immer, weil die Rahmenbedingungen einzelner Menschen absolut unterschiedlich sein können.

Niemeier: Hier ist das Bauchgefühl ein guter Indikator. Und oft auch der Geldbeutel: Wenn man die Spritze oder Pille selbst zahlt, ist das auf Dauer ein sehr teures Unterfangen. Aus Sicht der Ernährungsberatung ist man bereit, wenn das Wunschgewicht erreicht ist und sich ein gutes Essverhalten im Alltag eingestellt hat. Hier sind regelmäßige Mahlzeiten wichtig. So kann sich der Körper darauf verlassen: "Das nächste Essen kommt bestimmt". Das bringt Sicherheit und die Gefahr für Heißhunger wird geringer.

Von der Zusammensetzung der Ernährung her ist es gut, wenn man eine mediterrane Kost aus vorrangig natürlichen Lebensmitteln mit geringem Kohlenhydratanteil verfolgt. Also nicht Pizza und Pasta, sondern viel Gemüse, Proteine und hochwertige Öle wie Olivenöl. Low Carb ist hilfreich, weil Adipositas und auch Typ-2-Diabetes häufig von einer Insulinresistenz begleitet werden. Heißt: Der Körper hat Schwierigkeiten, Kohlenhydrate gut in die Zellen zu bringen, in der Leber kann ein Überschuss zu Fettaufbau und der Bildung von erhöhtem Cholesterin führen. In Rücksprache mit dem Arzt oder der Ärztin kann es in manchen Fällen auch ratsam sein, langfristig auf eine niedrige Dosis zu setzen, um so die Vorteile der Medikamente zu nutzen.

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Christin Klose/Christin Klose

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