Türkische Schwarzmeerküste entwickelt sich mit Kunst und Kulinarik
von
Dr. Wilfried Seywald
Sinope/Türkei – Der bekannte griechische Philosoph Diogenes von Sinope (400-323 v.Ch.) trat für ein radikales Leben in Bedürfnislosigkeit, Freiheit und Einklang mit der Natur ein, sinnbildlich lebte er in einer Tonne und verscheuchte Anhänger wie Alexander den Großen mit den Worten, sie verdeckten ihm die Sonne. Im Herzen der heute türkischen Hafenstadt Sinop erinnert ein Standbild an den großen Denker, eine Laterne in der Hand, mit der er bei hellichtem Tage nach einem „ehrlichen Menschen“ suchte.
Diogenes lebte in Athen, doch seine Geburts- und Heimatstadt war Sinope am Schwarzen Meer. Der nördlichste Landzipfel Anatoliens direkt gegenüber der Halbinsel Krim war seit der frühesten Antike ein wichtiger Hafen und Kreuzungspunkt von Eroberungsheeren, von den Hethitern, Persern und Griechen bis zu den Seltschuken und Osmanen. Und sie litt zuletzt im 19. und 20. Jahrhundert unter den schweren Konflikten der Hohen Pforte mit dem russischen Zaren, an denen beide Reiche letztlich zugrunde gingen.
Heute ist Sinop eine Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern, belebter Hafen und beliebter Badeort zugleich, erreichbar in einer guten Stunde aus Istanbul über den modernen neuen Flughafen, der sich direkt außerhalb der Stadt befindet. Gefragt danach, was denn das Besondere an diesem beschaulich malerischen Ort ist, sagt der Direktor der größten Biennale des Landes, T. Melih Görgün, in perfektem Hochdeutsch, hier blicken die schönen Künste auf eine Jahrtausende alte Tradition, die Menschen seien offener und zugänglicher als anderswo.
Veranschaulicht wird seine These im archäologischen Museum von Sinop, das eine außergewöhnlich gut sortierte Übersicht der Ausgrabungen und Artefakte der Region liefert. Neben imposanten Marmorstatuen, Stelen, Säulen und wunderschönen Mosaiken zeugen zweisprachig türkisch-englische, z.T. auch deutsche Beschriftungen von der großen Vergangenheit der Stadt, die im Außenbereich von starken Befestigungsanlagen aus der byzantinischen Zeit ebenso wie aus der osmanischen Periode dominiert wird.
Goldene Zukunft mit Kunst
Klammheimlich hat sich Sinop in den vergangenen Jahren zu einer Künstlerstadt gemausert, mit Ambitionen auf eine europäische Kulturhauptstadt. Zu verdanken ist dies u.a. T. Melih Görgün, einem weithin bekannten, mehrsprachigen Kunstvermittler aus einem Patrizierhaus: Vater georgischer Händler, Mutter aus Abchasien, weitgereist, mit exzellenten Kontakten in die Kunstszene Europas, nach Wien und Berlin. Die von ihm vor 20 Jahren gegründete „Sinopale“, eine Biennale für junge Kunst aus Ost und West, steht 2026 in ihrer 10. Ausgabe.
Der Titel der Sinopale 2026 regt zum Philosphieren an, genauso wie die Stadt und ihre akustische Atmosphäre aus wechselhaftem Wetter, Wind und Wellen: „Auf See fühlen wir, an Land denken wir“ (At Sea We Sense, On Land We Reason) ist eine Hommage an die große Geschichte der Stadt, die der griechischen Mythologie zufolge Rückzugsort der für Zeus unerreichbaren Nymphe Sinope war. Noch bis 15. November stellen 25 „Artists in Residents“ aus zwölf Ländern ihre hier produzierten Werke vor.
Überwiegend Künstlerinnen sind es, die 2026 eingeladen und nach einem dreiwöchigen Schaffensprozess gemeinsam mit lokalen Kunsthandwerkern und Freiwilligen der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Schauplätze sind die ehemalige Markthalle im Stadtzentrum, die Hafenpromenade und das historische Offizierscasino, das an die nahe Verbindung der Stadt zum Meer und Militär erinnert. Denn nicht immer war es hier so friedlich wie heute, auch wenn Sinop von Fischern und Kuttern als sicherster Hafen am Schwarzen Meer gepriesen wird. Im ersten Krimkrieg 1853 vernichtete eine russische Flotte genau hier einen osmanischen Verband von Segelschiffen.
Komplizierte Vergangenheit
Auch in jüngerer Vergangenheit war Sinop kein wirklich friedlicher Ort. Die alte Festungsanlage von Sinop beherbergte eines der größten Gefängnisse des Landes, von Betroffenen gerne als „Alcatraz Anatoliens“ bezeichnet. Die ehemalige Haftanstalt, in dem bis in die 1980er Jahre bekannte Schriftsteller, Künstler und Dissidenten, darunter viele Frauen mit Kindern, ihre Freiheitsstrafen verbüßten, wurde 1997 stillgelegt und – mit Mitteln der Europäischen Union – in ein heute vielbesuchtes Museum verwandelt.
Große Namen der osmanisch-türkischen Literatur- und Musikgeschichte, Journalisten, politische Aktivisten und Liedermacher verfassten in den dunklen und feuchten Zellen einige ihrer schönsten Werke. Hier hatten sie nicht nur die Abgeschiedenheit von der Welt als Strafe entgegenzunehmen, sondern auch die Zeit und Muse, über eben diese Welt zu philosophieren. Diese „Freiheit“ gab man ihnen.
Die gewaltige Festungsanlage dominiert die Stadt. Nach der Eroberung von Sinop durch die Seldschuken 1214 ordnete Sultan Kaykaus den Bau der inneren Burg an. Dabei wurden zahlreiche architektonische Elemente – wie Säulen und Kapitelle aus hellenistischer, römischer und oströmischer Zeit verwendet. Ab 1560 wurden die elf Bastionen der Burg, die auch als Werft dienten, zu Kerkern umfunktioniert. Der U-förmige Gefängnisbau der Osmanen im Inneren der Burg stammt aus dem Jahr 1882 und brachte in 28 Zellentrakten bis zu 1.000 Insassen unter.
Die Besiedlung der Burganlage reicht bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück – wirklich dokumentiert ist die Ankunft griechischer Kolonisten aus dem antiken Milet an der Ägäisküste im 8. Jahrhundert vor der Zeit, und natürlich die Zeit der Perser, Parther, Römer und Byzantiner sowie Genueser. Der heutige Besucher kann Teile der Burg begehen und den Blick über die weite Landschaft des Schwarzen Meeres schweifen lassen, aber auch die düstere Stimmung der dunklen Zellen samt Folterwerkzeugen einfangen.
Glorreiche Tradition
Die im Stadtzentrum gelegene Alaaddin-Moschee steht auf christlichem Boden, erzählt unsere Stadtführerin Öznur. Die offiziellen Annalen besagen, dass das Bauwerk erst nach der seldschukischen Eroberung im Jahr 1214 errichtet wurde. Mit ihrem quer-rechteckigen Grundriss und dem weitläufigen Innenhof orientiert sich die Anlage stark an der Bauweise frühislamischer Moscheen, doch das gotischen Kreuzrippengewölbe - gekrönt von drei großen Kuppeln im Zentrum – erinnert an Kircheräume.
Die alte Islamschule (Pervane Madrasa) gleich nördlich der Moschee ist heute ein Bazar. Eine Rarität hingegen ist das Keten Museum, das erste und einzige Leinenmuseum des Landes im historischen Kuşüzümü-Herrenhaus. Die Leinenherstellung in Anatolien hat Tradition, Leinen aus Ayancık, eines von drei großen Flachs-Anbaugebieten, gehört zum kulturellen Erbe von Sinop. Das erst 2024 eröffnete Museum will die reiche Tradition der Webkultur in der Region bewahren und an künftige Generationen weitergeben – vom Anbau und der Verarbeitung der Flachspflanzen zu Fasern bis hin zur Kunst des Webens.
Touristische Highlights
Die Küstenlandschaft am Schwarzen Meer erfreut sich seit langem großer Beliebtheit, wenn auch überwiegend bei Gästen aus den nahen Ballungsräumen. Doch die Anzahl der Hotels und Restaurants machen Lust auf mehr Internationalität, sagt Öznur. Die Saison läuft das ganze Jahr. Selbst im Winter, wenn die Wellen der See rauh und laut an die Sandstrände prasseln, werden Hochzeiten, Familienfeiern und geschäftliche Zusammenkünfte gefeiert. Sinopale-Direktor T. Melih Görgün hat darum Bedenken, dass es zuviel wird.
Neben den überaus attraktiven Sandstränden westlich und östlich von Sinop laden weitere attraktive Naturschätze zur Besichtigung, etwa der Şahin-Hügel (Falkenhorst), von dem aus man ebenso wie von der Burg einen phantastischen Blick über die Stadt genießt. Eine halbe Autostunde entfernt liegt der Hamsilos-Naturpark zwischen zwei ruhigen Buchten, Heimat zahlreicher endemischer Pflanzenarten und über 150 Vogelarten als Brutgebiet sowie reicher Fundort archäologischer Ausgrabungen früher Seefahrer.
Cap İnceburun, der nördlichste Punkt der Türkei, liegt 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, und ist über eine kurvenreiche Straße in einer weiteren Stunde erreichbar. Die bewaldete Lichtung ist nicht nur Leuchtturm und Bauernhof, sondern auch Schutzgebiet für Hirsche, Fasane und Rehe. Noch etwas weiter entfernt liegt der erst vor wenigen Jahren eröffnete Nationalpark Erfelek mit seinen inzwischen landesweit bekannten Tatlıca Wasserfällen, die über 28 anerinandergereihten Kaskaden zu Tal stürzen.
Philosophie der Schwarzmeerküche
Egal ob unter den Zinnen der Burg, am Pier des Hafens, im Gewusel der Märkte oder in den Naturparks von Hamsilos oder Erfelek: Wohin man kommt und Lust hat auf philosophische Fragen, wird man kulinarisch reich beschenkt. Zum Nachdenken braucht man Ruhe, gute Speisen und edle Tropfen. Eine Spezialität ist etwa „Nokul“, ein herzhaftes Gebäck mit verschiedenen Füllungen wie Hackfleisch, Rosinen, Walnüssen sowie Joghurt. Die Maissuppe (Mısır Çorbası) ist ebenso weit verbreitet wie die gefüllten Teigtaschen (Mantısı).
Wie an der gesamten Schwarzmeerküste spiegelt sich auch in der Küche von Sinop der Fischreichtum der Region wider, allem voran die beliebten frittierten Sardellen (Hamsis) oder das aus Sardellen zubereitete Gericht „İçli Tava“ in Tortenform. Zu den bekannten lokalen Erzeugnissen zählen Edelkastanien aus Sinop, die aromatische „Boyabat Gazidere“-Tomate oder „Sirkeli Pırasa“ – ein in heißem Öl gebratenes Lauchgericht mit Zwiebeln und Knoblauch, serviert mit einem Spritzer Essig.
Sinop ist zudem für seine süßen Nachspeisen bekannt, so zum Beispiel Taktak Helvası, hergestellt aus Mehl, Zucker, Wasser und Butter; Takyak Ezmesi, eine Mischung aus doppelt gerösteten Haselnüssen, Puderzuckersirup und Walnüssen; Hamursuz Tatlı, ein regionales Dessert, das ohne Teig zubereitet wird, oder Kaşık Çıkartması (Mamalika), bei dem Teig gebacken und anschließend in süßem Sirup getränkt wird.
Diogenes predigte Armut, Enthaltsamkeit und Abkehr von Ausschweifung, Luxus und Macht. Doch seine Geburtsstadt Sinope macht Lust auf eine zeitgemäßere Philosopie der Kunst, der Gelassenheit und der guten Gefühle.
Die 10. Sinopale 2026 ist Partner der „Klima Biennale Wien“ und wird unterstützt vom Bundesministerium für Kunst und Kultur sowie vom Österreichischen Kulturforum Istanbul. Die Reise nach Sinop erfolgte auf Einladung der Türkischen Tourismusagentur (TGA).
Anreise: Direktflug aus Wien über Istanbul.
Sinopale 2026: Geöffnet noch bis 15. November 2026, kuratiert von Deniz Kırkalı, Mariam Natroshvili, Marina Fokidis und T. Melih Görgün. Ausstellung im historischen Offizierscasino.
Unterbringung und Verpflegung: Zahlreiche Hotels aller Kategorien, Pensionen und Gästehäuser sowie Restaurants und Imbiss-Stände am Meer.
Sehenswert: Alaaddin Moschee, Archäologisches Museum, Keten (Leinen) Museum, Historisches Gefängnis in der Festung, Markthalle, Diogenes-Standbild am Stadtrand.
Ausflüge: Şahin Hügel, Hamsilos-Naturpark, Cap İnceburun,
Nationalpark Erfelek Tatlica Wasserfälle.
