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Otmar Michaeler: „Hotels werden zunehmend zu ganzheitlichen Lebensräumen“

In Kooperation mit FMTG
Aktualisiert
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Otmar Michaeler

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FMTG-CEO Otmar Michaeler über veränderte Gästebedürfnisse, geopolitische Effekte auf den Tourismus und warum sich die Grenzen zwischen Wohnen und Urlaub zunehmend auflösen.

Wo sehen Sie aktuell die stärkste Nachfrage österreichischer Gäste – und warum?

Wir beobachten derzeit eine besonders starke Nachfrage in klassischen Freizeitdestinationen innerhalb Europas – besonders im Alpenraum und entlang der Adriaküste, also in Österreich, Südtirol, Italien und Kroatien.

Das hat mehrere Ursachen: Einerseits der anhaltende Trend zur kurzen Anreise, andererseits ein gestiegenes Bedürfnis nach Sicherheit und Planbarkeit. Gäste entscheiden sich zunehmend für Destinationen, die sie kennen, die politisch stabil und auch kurzfristig gut erreichbar sind. Europa bietet aktuell ein außergewöhnlich starkes Gesamtpaket: hohe Qualität, große Vielfalt und ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Spüren Sie Verschiebungen durch geopolitische Entwicklungen?

Ja, sehr deutlich. Die Nachfrage reagiert heute sensibel und oft kurzfristig auf globale Entwicklungen. Destinationen, die als stabil und sicher wahrgenommen werden, gewinnen klar an Attraktivität. Davon profitieren derzeit vor allem europäische Märkte. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit wird Nähe zum entscheidenden Faktor – geografisch wie kulturell.

Europa kann hier seine Stärken voll ausspielen: kulturelle Tiefe, landschaftliche Vielfalt und eine hohe Lebensqualität. Nachhaltigkeit bleibt dabei ein zentraler Wert, denn langfristig wird sich durchsetzen, was authentisch ist. Echte Natur und gewachsene Kultur sind nicht substituierbar.

Europa ist nicht nur attraktiv – es ist auch außergewöhnlich resilient als Reisemarkt

Otmar Michaeler

Wie hat sich die Erwartungshaltung der Gäste in den letzten zehn Jahren verändert?

Gäste sind heute informierter, anspruchsvoller und deutlich individualistischer. Standardisierte Angebote funktionieren immer weniger – gefragt sind personalisierte Erlebnisse, Authentizität und Flexibilität.

Zugleich wird Reisen ganzheitlicher gedacht. Es geht nicht mehr nur um das Hotel, sondern um die gesamte Customer Journey: Infrastruktur, Verlässlichkeit, Transparenz und reibungslose Abläufe bei Anreise oder Aufenthalt sind heute genauso wichtig wie das eigentliche Urlaubserlebnis.

Was war der größte Gamechanger der letzten fünf Jahre?

Die Geschwindigkeit der Veränderung. Die Digitalisierung hat Prozesse und die Kommunikation grundlegend revolutioniert und die Pandemie hat das Reiseverhalten nachhaltig verschoben. Reisen wird heute kurzfristiger, pragmatischer – aber gleichzeitig auch reflektierter.

Was die Entwicklung rund um künstliche Intelligenz betrifft, stehen wir erst am Anfang. Das volle Ausmaß lässt sich noch nicht abschätzen, aber klar ist, di KI wird die Branche noch einmal grundlegend verändern – sowohl in der Gästekommunikation als auch in der gesamten Wertschöpfungskette.

Welche Trends machen Sie bewusst nicht mit?

Wir folgen nicht jedem Hype. Besonders bei rein technologiegetriebenen oder stark auf Social Media ausgerichteten Konzepten sind wir zurückhaltend.

Auch das Prinzip „immer weiter, immer exotischer“ sehen wir kritisch. Unsere Stärke liegt klar in Europa – in Destinationen, die ganzjährig funktionieren und eine hohe Erlebnisdichte bieten. Der Trend geht zurück zu Qualität und Substanz, nicht zu reiner Exotik.

Warum setzen Sie verstärkt auf Branded Residences?

Weil sich die Grenzen zwischen Wohnen und Urlaub zunehmend auflösen. Modelle wie Workation oder Zweitwohnsitze mit Serviceanteil gewinnen stark an Bedeutung.

Branded Residences – also servicierte Apartments unter einer Hotelmarke – sind eine Antwort darauf. Sie verbinden Eigentum mit professionellem Betrieb und schaffen ganzjährige Auslastung. Gleichzeitig stärken sie die lokale Wertschöpfung, sichern Arbeitsplätze und bringen kaufkräftige Gäste in die Regionen. Wir beschäftigen uns mit diesem Konzept seit über 20 Jahren – und sehen jetzt, wie stark die Nachfrage danach wächst.

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Blick ins Wohnzimmer der Branded Residence „Olmo“ am Gardasee.

 © FMTG

Mit Crowdfunding geht die FMTG einen ungewöhnlichen Finanzierungsweg. Was ist der strategische Vorteil?

Ein strategischer Vorteil ist, dass wir Finanzierung und Markenerlebnis miteinander verbinden. Rund 50 Prozent der Investoren wählen eine Rendite in Form von Gutscheinen und werden so zu Gästen. Das ist für uns ein echter Gamechanger, weil dieser Wert direkt in unsere Hotels zurückfließt. Gleichzeitig entsteht ein intensiver Austausch: Die Gäste geben Feedback, prägen das Produkt mit und werden oft zu überzeugten Markenbotschaftern.

Gerade in der aktuellen Entwicklung zeigt sich, wie gut dieses Modell funktioniert: Der Alpe-Adria-Raum gewinnt spürbar an Attraktivität und unsere Investoren haben sehr bewusst in diese Märkte investiert. Dass wir uns in den letzten Jahren auf unsere Kernregionen konzentriert und konsequent auf Qualität gesetzt haben, bewährt sich damit einmal mehr.

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen authentischem Erlebnis und inszenierter „Experience“?

Die Grenze ist Glaubwürdigkeit. Eine Experience darf inszeniert sein – aber sie muss auf echten Werten basieren: regionaler Kultur, echter Gastfreundschaft, authentischer Umgebung. Sobald ein Angebot austauschbar oder künstlich wirkt, verliert es seine Wirkung. Gäste spüren das sehr genau.

Gibt es Entwicklungen, von denen Sie hoffen, dass sie verschwinden?

Ja – vor allem die zunehmende Austauschbarkeit vieler Angebote und der wachsende Preisdruck. Wenn sich die Hotellerie primär über den Preis definiert, leidet zwangsläufig die Qualität.

Was ich auch kritisch sehe, sind strukturelle Fehlentwicklungen in einzelnen Destinationen. Über Jahre hinweg wurden teilweise falsche Zweitwohnsitzmodelle priorisiert, während Konzepte, die touristisch nachhaltig wirken – wie zum Beispiel professionell betriebene Hotels mit servicierten Apartments – zu wenig Unterstützung bekommen haben. Hier braucht es wieder den Mut, konsequent auf Qualität, regionale Wertschöpfung und nachhaltige Strukturen zu setzen.

Wohin entwickelt sich die Hotellerie?

Hotels werden zunehmend zu ganzheitlichen Lebensräumen – Orte, an denen gearbeitet, entspannt und soziale Erlebnisse geteilt werden. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Einfachheit und Verlässlichkeit. Reisen soll wieder „leicht“ funktionieren. Europa hat hier einen strukturellen Vorteil: kurze Wege, stabile Rahmenbedingungen und eine hohe Qualität über viele Destinationen hinweg. Vertrauen wird zur zentralen Währung.

Wo planen Sie neue Projekte?

Unser Fokus bleibt klar Europa: Der Alpen- und Mittelmeerraum steht im Zentrum unserer Wachstumsstrategie. Konkret sehen wir großes Potenzial in Italien und Kroatien. Aber auch in ausgewählten Destinationen in Österreich. Darüber hinaus expandieren wir nach Deutschland, etwa mit einem Projekt an der Lübecker Bucht Und auch über Managementverträge in ausgewählte osteuropäische Märkte, wie Tschechien und Polen.

Ist eine Expansion außerhalb Europas ein Thema?

Nein.

Was macht Europa als Tourismusstandort so stark?

Europa ist in seiner Dichte einzigartig: unterschiedliche Kulturen, Landschaften und kulinarische Welten liegen oft nur wenige Stunden auseinander. Diese Kombination aus Vielfalt, Infrastruktur und Stabilität ist weltweit kaum zu finden. Gerade in einem unsicheren globalen Umfeld wird das zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Europa ist nicht nur attraktiv – es ist auch außergewöhnlich resilient als Reisemarkt.

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