Postkartenblick. Egal, ob im Sommer oder im Winter: Der Glacier Express ist die schönste Art, durch die Schweiz zu reisen.
©Shutterstock291 Kilometer, acht Stunden, 91 Tunnel – der Glacier Express ist eine rollende Aussichtsterrasse durch die Schweiz. Draußen Postkartenidylle, drinnen Champagner. Und am Ende ein Ort, der ohne Autos auskommt. Aber nicht ohne Heizöl.
In der Schweiz beginnt Verspätung bei Minute drei. Und mit einer Entschuldigung. 92,5 Prozent der Züge sind pünktlich. Der Rest wird höflich erklärt. Das passt zu diesem Land, das man am besten mit dem Zug erkundet. Vor allem auf dieser einen Sehnsuchtsstrecke: mit dem Glacier Express von St. Moritz nach Zermatt. Dazwischen liegt viel von dem, was die Schweiz ausmacht: idyllische Bergdörfer, Schluchten und mächtige Berge.
Wem St. Moritz zu mondän ist, kann die Reise in Pontresina beginnen. Das Bergsteigerdorf liegt im Engadin. Rund 2.000 Menschen leben hier, dazu kommen 5.500 Fremdenbetten. Sommertourismus gibt es seit 1850, Wintertourismus seit 1905. Pontresina gehört zu Graubünden, dem einzigen Kanton der Schweiz mit drei Sprachen: Romanisch, Deutsch und Italienisch.
Swiss Travel Pass
Rund 250 Transportunternehmen sind Partner des Swiss Travel Pass. Das öffentliche Verkehrsnetz umfasst 28.550 Kilometer. Im Schnitt sind es nur 360 Meter bis zur nächsten Haltestelle.
Zuckerbäckerhäuser
Der Ort ist überschaubar. Die Engadiner Häuser prägen das Dorf: dicke Mauern, kleine Fenster, Rundtüren und massive Steindächer. Dazu ein gemauertes Bänkchen und eine dekorative Fassade. Der Stil dieser „Zuckerbäckerhäuser“ ist kein Zufall. Viele Engadiner wanderten früher als Konditoren, Cafetiers und Händler nach Italien aus. Dort verdienten sie ihr Geld oft mit Süßwaren und brachten den Baustil mit zurück in die Heimat.
Hinter dem Dorf aber beginnt schon die andere Seite von Pontresina: das Revier der Steinböcke. In den Felswänden lebt mit rund 1.800 Tieren die größte Steinwildkolonie der Schweiz. Im Sommer gibt es dreimal pro Woche kostenlose vierstündige Exkursionen. Die Chancen, Tiere zu sehen, sind hoch. Ranger sorgen dafür, dass die Besucher Abstand halten. Manchmal kommen die Steinböcke aber auch ganz ohne Führung bis in die Nähe der Kirche mit den Fresken.
Pontresina lebt im Winter noch einmal anders auf. Im Jänner frieren die Seen im Umland zu. Wenn dabei kein Schnee fällt und kein Wind geht, entsteht schwarzes Eis. Dann wirkt die Fläche wie Glas – ein Naturschauspiel. Die Pferderennen auf dem St. Moritzer See sind bekannt. Es gibt aber auch Vollmond-Eislaufen und Nachtläufe mit Stirnlampen. Einer der Höhepunkte ist der Engadiner Langlaufmarathon, der am zweiten Sonntag im März stattfindet und zu den größten Langlaufrennen der Welt zählt. 13.200 Läufer gehen an den Start. Ein großer Teil der Strecke führt über zugefrorene Seen.
Mangold, Käse und Whisky
Pontresina kann aber auch Kulinarik. Kapunz gehört hier dazu: ein Teig aus Mehl, Ei und Milch, oft mit Trockenfleisch gefüllt und in Mangoldblätter eingewickelt. Die Bündner Nusstorte mit karamellisierten Baumnüssen bekommt man am besten in der Bäckerei Kochendörfer gleich bei der Kirche.
Wer Käse mag, geht in die Sennerei im Ort, die als einer der besten Käseläden im Engadin gilt. Und dann gibt es noch eine Spezialität in großer Höhe: Die Bergstation Corvatsch auf 3.303 Metern beherbergt die höchstgelegene Single-Malt-Whisky-Destillerie der Welt.


Der Glacier Express fährt in ca. acht Stunden fährt der Zug über 291 Brücken, durch 91 Tunnel und über den 2.033 Meter hohen Oberalppass von Zermatt nach St. Moritz.
© Waltl & WaltlVon Pontresina ist es nicht weit nach St. Moritz. Dort startet der bekannteste Zug der Schweiz nach Zermatt: der Glacier Express, nach Eigendefinition der „langsamste Schnellzug der Welt“. Die Strecke ist 291 Kilometer lang, die Fahrt dauert knapp acht Stunden und führt über 291 Brücken und durch 91 Tunnel.
Die Panoramafenster reichen bis zur Decke. In allen Wagen. In allen Klassen. Insgesamt hat der Zug rund 200 Sitzplätze. Stehen darf niemand. Eine Reservierung ist Pflicht. In der Excellence Class sitzen nur 20 Gäste. Hier gibt es Champagner, ein Fünf-Gänge-Menü und Concierge-Service.
Zwischen Himmel und Tal
Die Strecke zeigt viel Schweiz in kurzer Zeit. Der höchste Punkt liegt am Oberalppass auf 2.033 Metern, der tiefste in Chur auf 585 Metern. In der Sommersaison fährt der Zug in jede Richtung viermal täglich. Ein Höhepunkt der Fahrt ist das 65 Meter hohe und 142 Meter lange Landwasserviadukt im Kanton Graubünden. Das beste Foto vom roten Zug gelingt, wenn er sich auf dem zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Bauwerk in die Kurve legt, am Ende des Zugs vom linken Fenster in Fahrtrichtung.


Panorama. Fenster bis zur Decke, 200 Sitzplätze und Reservierungspflicht: Im Glacier Express ist selbst die Aussicht organisiert.
© GETTY IMAGESAuch die Orte entlang der Strecke lohnen einen zweiten Blick. Da ist Zumdorf, das kleinste Dorf der Schweiz. Mit Kapelle, Restaurant und vier Einwohnern. Und da ist Brig mit dem Stockalperschloss, das nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt liegt und als größter Privatbau des 17. Jahrhunderts gilt. Letzter Halt ist Zermatt. Mit ein bisschen Glück zeigt sich auf den letzten Metern Zugstrecke das Matterhorn zum ersten Mal. Kein anderer Berg prägt einen Ort so stark wie dieser.
Liebe auf den zweiten Blick
Das Bergdorf hat rund 6.000 Einwohner. 1.500 Zermatter gehören zu den alteingesessenen Bürgerfamilien des Orts. Zwölf Familien, mehr nicht. Dazu kommen etwa 120 Hotels und rund 2.000 Ferienwohnungen. Nach Zürich und Genf gehört Zermatt zu den Spitzenreitern bei den Übernachtungen in der Schweiz. Zuletzt waren es rund 2,6 Millionen.
Für viele Gäste ist der Ort selbst wohl eher eine Liebe auf den zweiten Blick. Auf der 700 Meter langen Bahnhofstraße liegt Rolex neben McDonald’s. Der Luxusjuwelier ist nur wenige Schritte vom Drogeriemarkt Müller entfernt. Luxus und echtes Leben auf der einzigen Flaniermeile. Autos fahren hier nicht. 1931 wurde der motorisierte Individualverkehr im Dorf verboten. Der Grund: Schutz vor Lärm, Abgasen und Platzproblemen im engen Tal.
Vom Bahnhof geht es zu Fuß oder in kleinen Elektrowagen in die Unterkunft. Rund 570 dieser Mini-Fahrzeuge gibt es. Sie werden seit Jahrzehnten in Zermatt gebaut. Ein Wagen kostet zwischen 70.000 und 100.000 Euro. Dazu kommen rund 2.000 Fahrräder und ein kostenloser E-Bus, der auf zwei Linien die wichtigsten Orte im Dorf anfährt.


Nach Zürich und Genf zählt Zermatt zu den Orten mit den meisten Übernachtungen in der Schweiz. Zuletzt waren es rund 2,6 Millionen.
© GETTY IMAGESZwei Runden um den Berg
Wer verstehen will, wie Zermatt funktioniert, sollte eine Führung mit Franz-Josef Imboden buchen. Er war jahrzehntelang Concierge in mehreren Zermatter Spitzenhotels. Heute arbeitet er als offizieller Dorfführer für Zermatt Tourismus. In knapp zehn Jahren hat er mehr als 900 Führungen gemacht. Imboden erzählt, dass nicht nur Miniautos und zwei Pferdekutschen die Mobilität im Dorf sicherstellen, sondern auch eine eigene Fluggesellschaft.
13 Helikopter, darunter drei Ambulanzmaschinen, sind für die Air Zermatt im Einsatz. In die Hauptstadt Bern dauert der Flug rund 30 Minuten. Eine Art Zusatzversicherung von rund 50 Franken im Jahr deckt im Ernstfall die Kosten einer Helikopterrettung für Einheimische ab.
2018 war Zermatt eine Woche von der Außenwelt abgeschnitten. Helikopter hielten den Ort am Laufen. Um 260 Euro pro Person können auch Rundflüge zum Matterhorn gebucht werden. „Man dreht zwei Schleifen um den Berg und bleibt auch kurz drüber stehen. Man war oben, ohne sich anzustrengen“, sagt Imboden.
Heizöl im Paradies
Also öko, alles fein? Nicht ganz. Beim Rundgang erzählt Imboden, dass im Ort selbst noch immer viel mit Heizöl geheizt wird. Unter dem Bahnhof liegt ein Pflichtlager mit rund 1,5 Millionen Litern. Solar ist schwierig, weil die Dächer im Winter lange unter Schnee liegen. Erdwärme und Gas funktionieren auch nicht. Ein Kraftwerk am Ende des Dorfs sichert rund 70 Prozent der Stromversorgung. Imboden erzählt von einem Luxushotel im Ort, das 900 Liter Heizöl pro Tag braucht und eigens einen Mitarbeiter abgestellt hat, der mit einem Elektroauto Öl heranschafft.
Ski fahren kann man in Zermatt das ganze Jahr über. Mit der Gornergratbahn geht es auf den Gornergrat auf 3.089 Meter Höhe. Auch hier der Tipp: auf der rechten Seite sitzen. Denn schon bald taucht das Matterhorn auf – und verschwindet bestenfalls nie wieder. Der Zug überwindet in knapp einer halben Stunde fast 1.500 Höhenmeter. Oben liegt auf 3.383 Metern die höchstgelegene Bergstation Europas. „Beste Aussicht auf das Matterhorn“, wirbt die Betreibergesellschaft. Es ist keine Untertreibung. Gute Sicht vorausgesetzt, sieht man 29 Viertausender, 14 Gletscher und natürlich das Matterhorn.
Hier oben steht auch das höchste Hotel Europas. Erbaut wurde es 1895. „Die ersten Gäste wurden mit einer Sänfte von Zermatt raufgetragen“, sagt Imboden. Ebenfalls in der Ferne zu sehen: ein silberglänzender Würfel inmitten des Bergpanoramas. Es ist die Monterosa Hütte, die winzig erscheint, aber auf drei Stockwerken 120 Schlafplätze und ein Restaurant bietet. Gäste müssen sich den Schlafplatz freilich erklettern.
Noch höher geht es für jene, die bis aufs Klein Matterhorn fahren. Es ist der höchste Punkt Europas, den man mit einer Bahn erreichen kann. Von Zermatt aus dauert die Fahrt mit zweimal Umsteigen etwa eine Stunde. Auf rund 3.883 Metern liegt hier der Gletscherpalast, eine begehbare Eiswelt im Inneren eines Gletschers.
Das alte Zermatt
Zurück im Ort lohnt sich ein Spaziergang in das Hinterdorf. Dort stehen Stadeln, Ställe und Wohnhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Viele Gebäude sind mehrere hundert Jahre alt, viele stehen leer und dürfen nicht verändert werden. „Indirekter Denkmalschutz“, sagt der Guide. Besonders viele stehen in der Hinterdorfstraße. Auf Nummer 66 etwa ein Walliser Wohnhaus aus dem Jahr 1715, schräg gegenüber steht ein Kornspeicher. Mittendrin das Pub „z’alt Hischi“. Nicht leer, sondern gut besucht.


Hinterdorf. Stadel, Ställe und Wohnhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert prägen den ältesten Teil von Zermatt. Viele stehen unter „indirektem Denkmalschutz“
© GETTY IMAGES„Matte“, in der Mehrzahl „Mattini“: So nennen sich die alteingesessenen Einheimischen von Zermatt. Der Begriffleitet sich von „zur Matte“ ab, dem alten Dorfkern. Es ist ein Wort für Identität und Abgrenzung in einem Ort, in dem der Tourismus dominiert und viele Zugezogene arbeiten. Trifft man auf Einheimische, sprechen diese gern Walliser Ditsch – einer der schwierigsten Schweizer Dialekte. „Wenn wir das sprechen, haben unsere Eidgenossen Schwierigkeiten, uns zu verstehen“, sagt Imboden.
Im verständlichen Schweizer Dialekt verrät er noch einen weiteren Tipp: das Restaurant Edelweiß auf 1.961 Metern hoch über dem Ort. Gutbürgerliche Küche, aber eine durchaus beschwerliche Anreise. Über eine Stiege geht es in 60 Minuten quer durch die Felswand zum Wirtshaus.
Mythos Matterhorn
Immer im Blick – Wetterglück vorausgesetzt – hat man in Zermatt das Matterhorn. 200 Millionen Jahre soll es alt sein, erzählt Imboden. Und: „Von der italienischen Seite aus betrachtet ist das Matterhorn ein hundsgemeiner Berg, der nichts mit dem Blick von der Schweizer Seite zu tun hat.“ Der Bildbeweis macht sicher.
Eine Besteigung mit Bergführer kostet 1.600 Franken. Bei gutem Wetter versuchen täglich bis zu 150 Personen den Aufstieg. Seit der Erstbesteigung hat es mehr als 600 Tote gegeben. Das Museum im Dorfzentrum erzählt die Geschichte des Matterhorns. Von geglückten Aufstiegen. Und von der Tragödie der Erstbesteigung 1865. Sieben Männer erreichten den Gipfel. Vier starben beim Abstieg.
Und dann ist da noch Lucy Walker. Am 22. Juli 1871 erreichte die Britin als erste Frau den Gipfel des Matterhorns. Begleitet wurde sie von ihrem Vater und zwei Bergführern. Sie stieg in viktorianischer Kleidung auf – und mit langem Flanellrock.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.







