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Die drei Phasen der Trauer

Und: Warum wir in den traurigsten Momenten oft nicht weinen können

Frau sitzt zusammengekauert unter einem Baum © Bild: iStockphoto.com

Früher oder später trifft es jeden. Der Verlust eines geliebten Menschen, ein Lebensziel, von dem sich herausstellt, dass es für uns unerreichbar bleiben wird, oder ein guter Freund, der uns durch einen Streit abhanden kommt. Dann steht Trauer auf dem Programm. Doch die Tränen bleiben aus. Warum, fragen wir uns dann, können wir nicht weinen? Fühlen uns bloß leer und ausgebrannt? Wie lange dauert es, bis wir den Verlust verwunden haben? Und warum ist Trauern so wichtig? News.at befragte den Wiener Professor für Sozialpsychiatrie Johannes Wancata.

"Trauer hat meistens damit zu tun, dass etwas verloren geht", erklärt Wancata, Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni Wien. "Ein Mensch, der gestorben ist oder zu dem der Kontakt abbricht." Getrauert werden kann aber auch, wenn wir an einer für uns wichtigen Aufgabe scheitern, eine Situation nicht den eigenen Erwartungen gemäß meistern. "Zum Beispiel wenn wir einen Job nicht bekommen, mit dem wir schon fest gerechnet haben", erläutert der Experte.

Die drei Phasen der Trauer

Hier stellt sich die Frage, ob sich der Verlust schon seit längerer Zeit abgezeichnet hat - etwa wenn ein geliebter Mensch nach langer Krankheit stirbt - oder ob er uns völlig unvorbereitet trifft. "Verlieren wir plötzlich einen geliebten Menschen, ist das fast wie ein Schock. Wir sind unfähig glauben zu können, dass das passiert ist, wollen es nicht wahr haben." Wancata beschreibt hier die erste Phase der Trauer, die Phase des Entsetzens, die einige Stunden bis einige Tage dauern kann.

Frau faltet Hände vor dem Mund
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In der zweiten Phase wird dem Betroffenen bewusst, was er verloren hat. Während er in Gedanken bei dem Verstorbenen ist, kommen Erinnerungen hoch. "Man ist traurig, enttäuscht, dass dieser Mensch nicht mehr da ist. Erinnert sich an konkrete Dinge", umschreibt der Experte die Emotionen. Diese Phase dauert in der Regel vier bis sechs Wochen, in Ausnahmefällen auch länger, etwa bis zu zwei Monate.

Rückkehr in den Alltag

Danach kehren wir wieder schrittweise ins normale Leben zurück: Die dritte Phase beginnt. Hier gelingt es, den Blick wieder aufs Positive zu richten. Obgleich die Bedeutung des Verstorbenen nicht verloren geht, erkennt man, "dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt, die wichtig sind, andere Menschen, die mich brauchen." Wir bedauern, dass der Verstorbene nicht mehr hier ist, aber sind froh, dass er Teil unseres Lebens war.

Diese letzte Phase der Trauer kann zwei, drei Monate oder auch länger dauern. "Das ist von Mensch zu Mensch verschieden, bis man sagt: 'Ich hab' abgeschlossen. Ich bedauere, dass er oder sie nicht mehr da ist, aber ich hab' abgeschlossen'", erklärt Wancata.

Große Trauer, aber keine Tränen

Bleibt nur noch die Frage, warum wir in den traurigsten Momenten oft nicht weinen können. Dazu der Experte: "Im ersten Moment ist das Entsetzen über die erhaltene Nachricht oft größer als die Traurigkeit." Wir befinden uns in einer Art Schockstarre, erleben uns als empfindungslos. "Erst nach einer Weile, wenn die Emotionen kommen, gelingt es uns zu weinen." Ausbleiben können die Tränen aber auch, wenn die Trauer schon sehr lange andauert. Dann fühlt man sich nur mehr leer und erschöpft.

Darum ist Trauer so wichtig

"Wenn man älter und reifer ist, fällt es einem leichter, Trauer auch in der Öffentlichkeit zu zeigen", weiß Wancata. Doch nicht jedem fällt es leicht zu trauern. Was kann dabei helfen? "Mit anderen Menschen, die den Verstorbenen auch kannten, darüber reden und Erinnerungen und Gedanken austauschen", rät der Experte. Schließlich sei es "wichtig, Trauer zuzulassen und nicht wegzuschieben und zu sagen 'Das darf nicht sein'." Denn "Verlust ist ein schmerzhaftes Erlebnis. Aber Trauer ist wichtig, um eben dieses zu verarbeiten."

Mann tröstet Frau
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