Nach der Wahl von

Das Leiden der Taktiker

Umfrage: Bei einer zweiten Chance würden es die Grünen schaffen

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Sechs Prozent der Wähler würden heute anders wählen als letzten Sonntag. Klingt wenig -würde den Grünen allerdings das Überleben sichern.

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Viele Grüne würden das Rad der Zeit gerne ein Stück zurückdrehen. In eine Zeit vor der Nationalratswahl, als man Peter Pilz noch zum Kandidaten wählen oder wenigstens energischer ums Überleben wahlkämpfen hätte können. Manchen Wählern würde es hingegen schon reichen, wenn sie die Zeitreise nur bis in die Wahlzelle zurückführen würde. Sechs Prozent von ihnen, ergab eine Nachwahlbefragung, würden dann nämlich anders entscheiden, als sie es am 15. Oktober getan haben. "Könnten diese Wähler noch einmal wählen, wären die Grünen mit 4,8 Prozent im Parlament", sagt Christina Matzka von Triple M, die für News diese Umfrage Montag und Dienstag dieser Woche durchgeführt hat. Auch Neos und Liste Pilz würden in einem solchen (fiktiven) zweiten Anlauf gestärkt.

Christina Matzka
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»"Wegen des klaren ÖVP-Ergebnisses hätten manche Wähler lieber die Kleinen gestärkt"«

Meinungsforscherin Christina Matzka

Interessant ist allerdings, auf wessen Kosten das ginge: "Für die SPÖ und die FPÖ bliebe das Wahlergebnis genau gleich", sagt Matzka. Und auch die ÖVP läge nach wie vor auf Platz eins. Allerdings mit "nur" 29,9 statt 31,5 Prozent. "Das heißt: Aufgrund der Klarheit des Ergebnisses für Sebastian Kurz hätten diese Wähler nachträglich lieber eine der Kleinparteien gestärkt", sagt die Meinungsforscherin.

Umfragen: Grafik zur Wahl
© News Quelle: Triple M Matzka Markt- und Meinungsforschung, n= 500, 16.10 bis 17.10. 2017

Zu spät aufgeholt

Interessant ist auch, dass SPÖ-Chef Christian Kern just nach der Wahl in der Kanzlerfrage zu seinem türkisen Konkurrenten Kurz aufschließt. Könnten die Österreicherinnen und Österreicher den Regierungschef direkt wählen, käme Kurz derzeit auf 32 Prozent der Stimmen, Kern auf 30. Nur zwei Wochen vor der Nationalratswahl stand es 28 zu 24 Prozent für Kurz, im Juli sogar 30 zu 23 Prozent. "Man kann tatsächlich von einer echten Aufholjagd in den letzten Tagen sprechen", sagt Matzka.

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Die SPÖ sollte aus diesem Wert allerdings keine voreiligen Schlüsse für ihre taktischen Manöver rund um die Koalitionsgespräche ziehen. Denn die Haltung der Wählerinnen und Wähler ist eindeutig. 66 Prozent meinen, dass die bei dieser Wahl siegreiche Partei, also die ÖVP, auf jeden Fall den Kanzler stellen soll. Auch von den deklarierten SPÖ-Wählern ist immerhin die Hälfte dieser Ansicht. Insgesamt nur 16 Prozent (allerdings 32 Prozent der SPÖ-Sympathisanten) sagen, der Zweit-und der Drittplatzierte dieser Wahl sollten koalieren, um einen Kanzler Sebastian Kurz zu verhindern.

Die derzeit bevorzugte Koalitionsvariante der Österreicher ist mit 45 Prozent Türkis-Blau. Nur noch 20 Prozent könnten sich für eine Neuauflage der Zusammenarbeit von Rot und Schwarz erwärmen. Eine Liaison von SPÖ und FPÖ würde gar nur 13 Prozent freuen. Eine Alleinregierung von Kurz, von der in der Gerüchteküche zu hören war, wollen nur zwei Prozent.

Kokettieren allerseits

Trotz dieser eindeutigen Präferenzen der Befragten wird in den Tagen nach der Wahl in Koalitionsangelegenheiten taktiert und kokettiert, was das Zeug hält. Wahlsieger Sebastian Kurz gibt den höflich-bescheidenen Staatsmann, der erst einmal abwartet, dass ihn Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit der Regierungsbildung beauftragt.

Vorherige Absprachen nie und nimmer. Die taktische Planung solcher Koalitionsgespräche, die Übernahme der Ministerien und wie ein Feuerwerk erster Reformen gezündet werden soll -das hat er mit seinen engsten Vertrauten ohnedies schon lange geplant. Man kann davon ausgehen, dass dieses Programm ebenso diszipliniert abgearbeitet werden wird wie die Übernahme der ÖVP und der Nationalratswahlkampf in den letzten Monaten.

Die geschlagene SPÖ hingegen versucht, von einem vollmundigen "der Zweite ist der Erste der Verlierer" und Oppositionsdrohgebärden, wie man sie im Wahlkampf gebraucht hatte, wieder ins Verhandlungsspiel zu kommen. Einerseits hält man Türkis-Blau für ausgemacht, andererseits würde man schon mit der ÖVP reden -und Rot-Blau, früher ein absolutes No-Go, ist plötzlich denkmöglich. Einige Vertreter der Partei halten eine solche Regierungsbeteiligung der FPÖ für "weniger schlimm" als Türkis-Blau. Andere, wie der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, warnen vor einer Parteispaltung in einem solchen Fall.

Und die FPÖ? Genießt das Schauspiel, denn es wird ihren Preis bei den Verhandlungen jedenfalls in die Höhe treiben.

Schmutzig und umsonst

Denkt man an die Aufregung rund um die Dirty-Campaigning-Affäre der SPÖ und Bestechungsvorwürfe gegen die ÖVP, liefert die Umfrage den handelnden Personen noch einen Hinweis, dass man sich solche Dinge in den nächsten Wahlkämpfen wirklich sparen kann. Keiner der Befragten -in Zahlen: null Prozent -nannte diese Facetten des jüngsten Nationalratswahlkampfes nämlich als Wahlmotiv.

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Vielmehr dürften die Pläne der Parteien ausschlaggebend gewesen sein. Besonders interessant sind die Detailergebnisse der FPÖ-Wähler: 75 Prozent geben an, die Blauen wegen ihrer Themen gewählt zu haben - wohl, weil diese Partei seit Jahren das gleiche Thema trommelt. Parteichef Heinz-Christian Strache hat hingegen nur sieben Prozent der blauen Wähler gelockt. Damit liegt er fast gleichauf mit der grünen Kandidatin Ulrike Lunacek bei den Grün-Wählerinnen und -Wählern.

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