Ausstellung zum Anschluss: Staatsoper stellt sich der eigenen Vergangenheit

Philharmoniker begegneten Recherchen mit "Skepsis" Hrdlicka-Skulptur soll an Täter und Opfer erinnern

Eine umfassende Ausstellung in der Wiener Staatsoper soll deren Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchten. Anlässlich des 70. Jahrestages des sogenannten "Anschlusses" Österreichs an Deutschland werden bis 30. Juni alle Facetten - von der Vertreibung jüdischen Personals über Nazi-Postenschacher bis zu Änderungen im Spielplan - gezeigt. Sämtliche Dokumente aus den Beständen der Oper gehen zudem an das Staatsarchiv, sagte Direktor Ioan Holender.

Holender will mit der Ausstellung "Opfer, Täter, Zuschauer" abermals die Gelegenheit nützen, "mehr Licht, mehr Helligkeit, mehr Sauberkeit" in die Geschichte des Hauses zu bringen. Dies sei nicht nur für die ältere Generation notwendig, sagte er, sondern auch für jene, "die durch Zudeckung, gefilterte Wahrheiten und Unwahrheiten Dinge nicht erfahren haben und nicht wissen". Zugleich erinnerte Holender daran, dass man keine "Insel der Seligen" in der Nazizeit gewesen sei: "Wir waren es nicht, wir sind es auch nicht."

Zum Gedenken an die dunkle Vergangenheit der Staatsoper soll auch die Skulptur "Der Schreibtischmörder" des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka beitragen. Der Künstler habe das schon ältere Werk dem Haus am Ring zur Verfügung gestellt, Holender hofft auf eine Dauerleihgabe. Nur ein Platz müsse noch gefunden werden. Die Skulptur stellt einen Aktenberg dar und soll an Opfer wie Täter zugleich erinnern. Zur Übernahme der zeithistorischen Schriften an das Staatsarchiv meinte dessen Generaldirektor Lorenz Mikoletzky, dass viele Archive lange Zeit nicht zugänglich gewesen seien. Dies habe sich geändert.

"Wir haben versucht, nicht nur die bekannten, großen Namen zu zeigen, sondern die ganze Bandbreite", erklärte Oliver Lang, der gemeinsam mit Andreas Lang Kurator der Ausstellung ist, das Konzept. So würden auch die Auswirkungen des nationalsozialistischen Rassenwahns auf das technische Personal, die Künstler bis hin zur Führung des Hauses deutlich gemacht werden. Als unbestritten gilt, dass jüdische Mitarbeiter bereits in den ersten Tagen nach dem "Anschluss" in vorauseilendem Gehorsam gekündigt oder "pensioniert" worden seien.

Naturgemäß anders sah die Situation für Nazi-Günstlinge aus. Lang nannte das Beispiel eines schwerhörigen Souffleurs mit guten Beziehungen der NSDAP. Er durfte bis zum Ende des Regimes seine Arbeit verrichten. "Der war dann zu behalten." Was den Einfluss der Nazis auf den Spielplan betrifft, kam man zu überraschenden Ergebnissen. So seien Opern von Wagner weniger gespielt worden. Einfacher Grund: "Weil man die Sänger nicht hatte", so Lang.

Mit Schwierigkeiten verbunden war die Recherche von Bernadette Mayrhofer, die auch in ihrer Diplomarbeit die Vertreibung von Mitgliedern der Wiener Philharmoniker in der NS-Zeit dokumentiert hat. So sei es nicht möglich gewesen, Zugang zum Archiv des Orchesters zu bekommen. Auch mehrere Briefe hätten nichts genützt, Mayrhofer spricht von "größtem Misstrauen". Ausgewichen ist de Wissenschafterin auf das Staatsarchiv, auch Interviews mit vertriebenen Musikern wurden geführt. Ein Ergebnis der Recherchen: mehrere Unstimmigkeiten zwischen offizieller Philharmoniker-Geschichtsschreibung und der Realität.

"Wir versuchen die Geschichte ins Haus zurückzuholen - und zwar ohne Wenn und Aber", stellte sich auch der Historiker Oliver Rathkolb gegen jede Beschönigung der österreichischen Kulturgeschichte. Und Franz Zoglauer, ebenfalls Mitglied des wissenschaftlichen Beirates, meinte zu den aufgetauchten Dokumenten: "Es wird einen totenübel, wenn man das heute alles liest."

(apa/red)