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Wandmalereien erinnern an katholischen NS-Widerstand im Lungau

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Die Basilika in Mariapfarr, deren Friedhofsmauer die Malerei zeigt
©Orte des Gedenkens, APA
In Mariapfarr und Tamsweg (Lungau) ist am Freitagabend der fünfte Salzburger "Ort des Gedenkens" eröffnet worden. Im Auftrag des Landes wird bis 2027 in jedem der sechs Bezirke des Bundeslandes jährlich ein Kunstprojekt auf Zeit umgesetzt, das an verschiedene Formen des Widerstands gegen das NS-Regime erinnern soll. Im Lungau rückt am Beispiel des Priesters Josef Schitter (1911-1999) für ein Jahr lang der Widerstand katholischer Geistlicher gegen die Nazis in den Mittelpunkt.

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"Die Geschichte ist komplex", betonen die am Projekt beteiligten Historiker Albert Lichtblau und Robert Obermair. Zum einen ging der Nationalsozialismus massiv gegen die katholische Kirche vor. Während der NS-Zeit kamen in Österreich 724 Priester ins Gefängnis, 15 wurden hingerichtet, sieben starben in Haft. Andererseits arrangierten sich führende Exponenten der Kirche auch in Salzburg in vielen Bereichen mit den neuen Machthabern oder kollaborierten mit ihnen.

Der Lungauer Schitter, Sohn einer Bauernfamilie aus Mariapfarr, war einer der Geistlichen, die sich vor allem durch "nonkonformes Verhalten" gegen das Regime stellten. Er warb bei Eltern für die Anmeldung ihrer Kinder für den katholischen Religionsunterricht, was nicht im Sinne der NS-Schulpolitik war. Kinder und Jugendliche sollten vielmehr auf die NS-Ideologie eingeschworen werden - und bald auch auf den Krieg, so die beiden Geschichtswissenschaftler. 1941 wurde Schitter die Befugnis zur Erteilung des "Konfessionsunterrichtes" im "Reichsgau" Salzburg entzogen. Schon im Jahr zuvor dürfte er eine Rolle dabei gespielt haben, eine Reihe von Pfarreien vor einer Hausdurchsuchung zu warnen. Schließlich wurde er wegen "staatsfeindlicher Äußerungen" im Juli 1944 verhaftet und später ins KZ Dachau überstellt, wo er kurz vor Kriegsende entlassen wurde.

Nach Kriegsende wollte die Amtskirche von seinem und dem Schicksal anderer verfolgter Geistlicher wenig wissen, über das Thema sollte nicht gesprochen werden. Schitter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von ehemaligen NS-Günstlingen in seiner Heimatgemeinde als Sonderling hingestellt, als "weltfremder Kleriker". Der Priester fühlte sich nicht wirklich willkommen und verstanden, eine Karriere in der Kirchenhierarchie blieb ihm verwehrt. Als Kooperator war er bis zum Ruhestand später in den Salzburger Pfarren Eugendorf, Saalfelden und in Rehhof bei Hallein tätig.

Nun wird Schitter im Lungau mit dem Kunstprojekt "Wunder Stoff - Wunder Punkt" von Johanna und Helmut Kandl gedacht. Das Künstlerpaar gestaltete in Mariapfarr und in der Bezirkshauptstadt Tamsweg zwei großflächige Wandgemälde. In Mariapfarr wird die Wandmalerei an der Friedhofsmauer angebracht, die die dortige Pfarrkirche umschließt. In Tamsweg an der Wand des alten Schulgebäudes, das direkt an die Einfassungsmauer der Pfarrkirche anschließt.

Die "Murals" sollen ein Jahr lang die Pracht und Schönheit von Messgewändern zeigen. Die Gemälde sind aber mit Rissen und Lücken versetzt, um so auf die Gewaltherrschaft des NS-Regimes, auf die Verluste und auf das jahrzehntelange Stillschweigen darüber aufmerksam zu machen. Denn durch den Riss entstehende, schwarz gehaltene Stellen können auch als "Löcher der Erinnerung" gelesen werden, betont die am Projekt beteiligte Kunsthistorikerin Hildegard Fraueneder.

Auf den Flächen werden zudem einzelne Tafeln angebracht, die biografische Informationen zu widerständigen und verfolgten Personen wiedergeben - jeweils mit einem prägnanten Zitat von ihnen. Denn neben Schitter wurden im Lungau während der NS-Diktatur auch andere Geistliche verfolgt.

"Orte des Gedenkens" thematisiert sechs Jahre lang im Auftrag des Landes anhand von Einzelschicksalen unterschiedliche Aspekte des Widerstands in Salzburg. Nach dem christlich-sozialen (Flachgau) und kommunistischen Widerstand (Tennengau) stand bisher die Unterstützung von Deserteuren (Pongau) und der Widerstand der Eisenbahner (Pinzgau) im Fokus. Das Projekt leistet neben der historischen Aufarbeitung und künstlerischen Intervention auch Vermittlungsarbeit: Im Lungau werden ein Jahr lang Diskussionsabende, Vorträge und Workshops zum Thema veranstaltet.

(S E R V I C E: www.ortedesgedenkens.at)

MARIAPFARR - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Orte des Gedenkens

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