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Studie: Einsame Eichen verlieren Fortpflanzungsrhythmus des Waldes

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Isoliert stehende Kalifornische Eichen produzieren weniger Samen und verlieren zugleich die für die Art typische Synchronisierung mit anderen Bäumen der Population
©Mario Pesendorfer, APA, BOKU
Allergiker leiden aktuell unter ihnen, für den Fortbestand des Waldes haben sie aber eine zentrale Funktion: Pollen. Denn sie sind bei vielen Bäumen Teil der synchronen, jährlich variierenden Produktion von Nachkommen. Das Phänomen erforschte nun ein internationales Team mit Beteiligung der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien anhand der Kalifornischen Eiche. Isolierte Exemplare verlieren demnach die Synchronisation mit ihren Artgenossen, schreiben sie im Fachblatt "PNAS".

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Mastsaat nenne man die synchronisierte Schwankung bei der Anzahl der von Jahr zu Jahr produzierten Samen. Dies merke man in Österreich heuer etwa bei der "extrem stark" blühenden Fichte mit ihrem gelben Blütenstaub, erklärte der an der Studie beteiligte Boku-Forscher Mario Pesendorfer gegenüber der APA. Insgesamt mache das die Fortpflanzung effizienter, weil Räuberpopulationen - also die vielen Tiere, die Baumsamen fressen - besser eingehegt werden und sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Blüten bestäubt und Samen in die nächste Generation von Bäumen wachsen.

"In der neuen Studie konnten wir nun erstmals zeigen, dass Isolation die natürliche Synchronisation der Samenproduktion stört", so Pesendorfer. Demnach verlieren alleinstehende Eichen den gemeinsamen Rhythmus - und das schon ab 200 Metern Distanz von ihren Artgenossen. "Das ist für Eichen wirklich überraschend, weil ihre Pollen eigentlich relativ weit fliegen", sagte er weiter.

Die Kalifornische Eiche (Quercus lobata) wurde für die Untersuchung gewählt, weil sie - was die Samenproduktion betrifft - einer der meistbeforschten und best verstandenen Bäume sei. So ist die Publikation Teil einer Langzeitstudie, bei der bereits ab 1980 die Samenproduktion von hunderten Individuen dokumentiert wurde. Seit 2014 ist Pesendorfer Teil des Kernteams um Studienerstautor Ian Pearse (US Geological Survey) und Eichenforscher Walter Koenig (University of California, Berkeley).

Dabei sind die Ergebnisse nicht nur für Kalifornien, wo die Eiche heimisch ist, relevant: "Man kennt das auch in Österreich: Wenn man in Weinbergen spazieren geht, steht oft mittendrin eine einzelne, prächtige Eiche. Die ist, um es völlig überspitzt zu sagen, sexuell wahrscheinlich extrem frustriert", schmunzelte Pesendorfer. Auch bei heimischen Weißtannen führe die Fragmentierung von Beständen zu Pollenmangel und geringeren Keimraten. Angesichts der hohen Nachfrage nach klimaangepassten Baumarten könne das bereits jetzt - eben durch Engpässe bei Keimlingen - auch zu Problemen bei der Aufforstung führen.

Denn grundsätzlich gelten Eichen als Hoffnungsträger: Ihre Wurzeln reichen bis ins Grundwasser, wodurch die Bäume besser mit Trockenheit zurechtkommen. Außerdem leben auf ihnen rund 500 Insektenarten, was sie zu Biodiversitätshotspots mache. "Dadurch, dass wir ihre Produktion immer besser verstehen, können wir solche Baumarten in Zukunft besser in unsere Ökosysteme einbringen", sagte er weiter.

Die Studie zeige, dass nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Zerstückelung von Landschaften tiefgreifende Auswirkungen auf Wälder haben kann. Dass Mastsaaten weltweit die häufigste Variante der Fortpflanzung bei Bäumen und anderen langlebigen Pflanzen ist, hat laut Pesendorfer die Forschung der vergangenen Jahrzehnte gezeigt. Gleichzeitig sei noch vieles offen: "Wir merken gerade, dass bei häufigen Arten wie etwa der Buche aktuell ein Zusammenbruch der Synchronie passiert. Früher gab es Mastjahre gleichzeitig bei uns, in England und in Südeuropa. Durch den Klimawandel desynchronisieren sich diese Systeme scheinbar - wir versuchen zu verstehen, warum", resümierte er.

(S E R V I C E - Link zur Studie: https://doi.org/10.1073/pnas.2533900123 )

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/BOKU/ Mario Pesendorfer

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