Verbote für Jugendliche auf Social-Media-Plattformen rücken Alterschecks ins Zentrum. Neue Technik macht sie billiger – und eröffnet ein lukratives Geschäft.
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Die Rufe nach Alterssperren für Social Media wie etwa in Österreich und die Umsetzung solcher Pläne wie etwa in Australien machen die Online-Altersprüfung wichtiger. Und auch dahinter verbirgt sich naturgemäß ein Geschäft. Hemmschuh waren bisher vergleichsweise hohe Kosten, weshalb entsprechende Programme vorerst nur für ausgewählte Anwendungen eingesetzt wurden. Doch mittlerweile ist der Aufwand gesunken, sagt Branchenexperte Merrit Maxim vom Analysehaus Forrester.
Seit vielen Jahren sträuben sich Internetkonzerne gegen eine automatisierte Altersprüfung für den Zugang zu bestimmten Angeboten. Die Technologie sei unausgereift, bedeute eine zu weitreichende Beschränkung oder stelle ein Sicherheitsrisiko dar, argumentieren sie. Dazu kam der Hemmschuh Kosten. Doch die weltweite Debatte um ein Verbot Sozialer Medien für Jugendliche hat die Technologie zur Altersüberprüfung in den Fokus gerückt. Durch technische Fortschritte sei der Aufwand sowohl für Alters- als auch Identitätsprüfungen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, so Maxim. Derartige Software falle finanziell kaum mehr ins Gewicht.
Dienstleister verlangen laut Branchen-Insidern zufolge mittlerweile weniger als einen Dollar für eine vollautomatische Altersüberprüfung. Für Großkunden könne der Preis auf wenige US-Cent sinken. Teurere traditionelle Verfahren, bei denen die Identität beispielsweise mittels eines Videotelefonats bestätigt wird, verlören daher an Bedeutung.
Anbieter wie Yoti setzen auf einen Scan des Gesichts für die Altersbestimmung. Dem staatlichen US-Institut für Standards und Technologie (NIST) zufolge erreichen diese Programme inzwischen eine Genauigkeit von 2,5 Jahren. Bei ersten Tests 2014 sei die durchschnittliche Abweichung noch bei mehr als vier Jahren gelegen.
Genauere Gesichtsscans, gleiche Probleme
Das britische Start-up Yoti betont, dass die für April angekündigte neue Version der Software bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren eine Genauigkeit von rund einem Jahr erreicht. Diese Altersgruppe ist für die geplanten Zugangsbeschränkungen besonders relevant. Der Yoti-Rivale Persona nennt eine Abweichung von etwa 1,8 Jahren bei 13- bis 17-Jährigen.
Das US-Unternehmen zählt den ChatGPT-Entwickler OpenAI und das Diskussionsforum Reddit zu seinen Kunden. Auf Yoti-Technologie setzen die Facebook-Mutter Meta und die Videoplattform TikTok.
Ungenau wird die Alterserkennung jedoch bei bestimmten Hauttypen. Qualitativ minderwertige Fotos älterer Smartphone-Modelle stellen die Software ebenfalls vor Probleme. Sie könne zudem leicht ausgetrickst werden, wenn aus Gründen des Datenschutzes die gesamte Prüfung auf dem Gerät der Nutzer ablaufe, erläutert Persona-Chef Rick Song. Eine Maske, Make-up, ein künstlicher Bart oder der ins Bild gehaltene Kopf einer Action-Figur reichten mitunter aus, um das System zu überlisten.
Yoti-Chef Robin Tombs rät daher dazu, dass Soziale Medien zusätzliche Informationen heranziehen, um die Fehlerquote zu verringern. Auch das Surfverhalten oder Zahlungsinformationen ließen Rückschlüsse auf das Alter eines Nutzers zu.
Australien brachte Stein ins Rollen
Auslöser für die zunehmende Verbreitung von Altersprüfungen im Internet ist die Verschärfung des Jugendschutzes in Australien. Das Land verbietet Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren den Zugang zu TikTok, Instagram & Co. Andere Staaten wie Spanien, Frankreich oder Großbritannien planen Ähnliches.
Damit sollen Minderjährige unter anderem vor unangemessenen Inhalten geschützt werden. Die Affäre um „Grok“ befeuerte die Diskussion zusätzlich. Nutzer erstellten mithilfe dieser KI Bilder realer Personen ohne deren Einwilligung, in denen die Betroffenen in sexualisierten Posen dargestellt wurden.
Einer Untersuchung der australischen Regierung zufolge ist die Altersbestimmung per Gesichtserkennung recht präzise. Die Experten empfehlen wegen möglicher Ungenauigkeiten in der entscheidenden Altersgruppe der 16-Jährigen jedoch zusätzliche Prüfungen oder die Zustimmung der Erziehungsberechtigten. Die vom australischen Verbot betroffenen Betreiber Sozialer Medien wollten sich auf Anfrage nicht dazu äußern, wie effektiv ihre jeweilige Alterserkennung funktioniert.
Die dortigen Erfahrungen seien mit Vorsicht zu genießen, warnt Iain Corby, Chef der Age Verification Providers Association. Einige Online-Plattformen hätten Mitglieder seines Verbands sogar angewiesen, verbesserte Kontrollen abzuschalten. „Sie sind besorgt, dass derartige Auflagen weltweite Verbreitung finden. Daher haben sie kein Interesse daran, dass die Altersüberprüfung ein Erfolg wird.“






