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Die erstaunlichen Möglichkeiten, heute genetische Information aus menschlichen Überresten zu gewinnen, die tausende Jahre alt sind, haben zum Beispiel geholfen, frühere Besiedlungswellen Europas, des vorderen Orients und Westasiens nachzuzeichnen. Wie etwa geänderte Lebensumstände, wie das Ende der Eiszeit, der Übergang zur landwirtschaftlichen Lebensweise oder gar die entwicklungsgeschichtlich erst extrem kurz zurückliegende industrielle Revolution das Erbgut des Menschen in etwa im Zeitraum der vergangenen 10.000 Jahre verändert haben, ließ sich bisher aus alter DNA aber kaum herauslesen, schreiben die Genetiker um Ali Akbari und David Reich von der Harvard Medical School (USA) in ihrer neuen Publikation.
Das ändere sich aber: In jahrelanger Detailarbeit konnte man nun mehr genetische Information aus grauer Vorzeit aus Europa, dem Nahen Osten und Westasien zusammentragen als je zuvor. An diesem ambitionierten Vorhaben, das jetzt Daten von fast 16.000 Menschen umfasst, die diese Region in den vergangenen rund 18.000 Jahren bewohnt haben, war auch der Anthropologe Ron Pinhasi von der Universität Wien mitbeteiligt. Neben der Herausforderung, dass es eine kritische Masse an DNA-Informationen braucht, um evolutionsbiologische Ableitungen zu treffen, war es bisher schwierig, markantere und rasche genetische Veränderungen, die etwa durch Migrationsbewegungen entstehen, von den gesuchten genetischen Änderungen im Zusammenhang mit "gerichteter Selektion" zu unterscheiden. Das sei mit einer von Akbari entwickelten Computermethode nun aber möglich, heißt es in einer Aussendung der Harvard University.
Diese Art der Selektion im Angesicht eines gewissen Anpassungsdrucks lässt sich am Beispiel der Laktoseunverträglichkeit nachvollziehen. Selbige stellte sich in der genetischen Quasi-Grundeinstellung des modernen Menschen vor Jahrtausenden meist nach dem Säuglingsalter ein. Mit der agrarischen Lebensweise und dem Halten von milchproduzierenden Nutztieren wurde sie zum größeren Problem, weshalb sich Genvarianten schnell breiter durchsetzen konnten, mit denen auch ältere Menschen Milchzucker verstoffwechseln können. Bisher konnten nur rund 20 solcher sozusagen anlassbezogenen Neuerungen in der menschlichen DNA in der Rückschau festgemacht werden. Die neue Untersuchung erhöht diese Zahl nun auf 479 unabhängige, verdächtige Genorte, an denen sich Ähnliches wie bei der Laktosetoleranz vollzogen haben dürfte.
Dabei handelt es sich um Genorte, die mit einer relativ eng umschriebenen Eigenschaft, wie der Neigung zu Haarausfall, zusammenhängen oder auch um Cluster an Genen, die mit deutlich größeren und komplexeren Konstrukten oder "Traits", wie kognitiven Fähigkeiten, sozialem Status oder der Neigung zur Gewichtszunahme zu tun haben könnten. Relativ gut nachvollziehbar und intuitiv einleuchtend scheint, dass sich auf der Liste zehn Gene finden, die mit einem hellen Hauttyp und roten Haaren zusammenhängen. Mit Beginn der bäuerlichen Lebensweise und der Reduktion der fleischlastigen Ernährung nahmen Menschen weniger Vitamin D mit der Nahrung auf. Hellere Haut fördert die Bildung des Vitamins im Sonnenlicht.
Ebenso in Zusammenhang mit gerichteter Selektion scheinen der Analyse zufolge u.a. Veränderungen auf, die die Wahrscheinlichkeit von Kahlköpfigkeit bei Männern reduzieren, vor Lepra-, HIV-Infektionen und rheumatischer Arthritis schützen oder mit einem geringeren Hang zu Alkoholismus in Verbindung gebracht werden. Weniger auf der Hand liegen Erklärungen dafür, warum sich etwa Genvariationen verbreiteten, die zum Beispiel entzündliche Darmerkrankungen, das Ausbilden von Multipler Sklerose oder die Zunahme der Blutgruppe B begünstigen. Ebenso rätselhafter scheint ein kurzer Anstieg von Varianten, die mit Glutenunverträglichkeit zusammenhängen, just kurz nach der Etablierung der agrarischen Lebensweise.
Auch in den Daten ausmachen lassen sich den Autoren zufolge Gruppen an Genveränderungen, die in anderen Analysen mit Anzeigern für bessere Gesamtgesundheit, wie einer gesteigerten Gehgeschwindigkeit, niedriger Neigung zum Einlagern von Fett oder zur Ausbildung von Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht wurden. Das galt zudem für Spuren in der DNA, die im Heute ihren Trägern im Durchschnitt ein etwas besseres Abschneiden bei Intelligenztests, ein tendenziell höheres Einkommen oder längeres Verweilen in Ausbildungssystemen bescheren. Ebenso fanden sich u.a. vermehrt Hinweise auf vor schweren psychischen Erkrankungen schützende Genvarianten.
Für die Studienautorinnen und -autoren geben die neuen Analysen Hinweise auf einleuchtende Zusammenhänge und solche, denen es noch sehr intensiv weiter nachzugehen gilt. Die relativ hohe Rate an Anzeichen für gerichtete Selektion in den vergangenen rund 10.000 Jahren könne man auch als Anzeichen dafür deuten, dass Menschen ab dann auf mehr Lebensstil- und wirtschaftliche Veränderungen reagieren mussten als davor. Offen sei zudem, ob sich ähnliche Änderungen auch in anderen Weltregionen, wie Ostasien, auf vergleichbare Weise vollzogen haben.
(S E R V I C E - https://dx.doi.org/10.1038/s41586-026-10358-1 )
08.07.2024, Baden-Württemberg, Ellwangen: Reifes Getreide steht vor blauem Himmel und bei strahlendem Sonnenschein auf einem Feld bei Ellwangen. Foto: Bernd Weißbrod/dpa +++ dpa-Bildfunk +++.






