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Die Menschen folgen allzu sehr der wirtschaftlichen Wachstumsdoktrin und sehen in der Natur viele einzelne Ressourcen, die sie ausbeuten können, heißt es in einem von ihnen erstellten Bericht. Tatsächlich wären sie stets in natürliche Kreisläufe und Abläufe eingebettet, die schon allzu oft überlastet oder zerstört sind. "Weil sie die natürlichen Systeme zu sehr in Mitleidenschaft ziehen, muss man die menschengemachten Systeme in Richtung Nachhaltigkeit verändern", sagte Nikolaus Szucsich vom Naturhistorischen Museum (NHM) Wien.
Nähere Untersuchungen haben drei Ursachen für die Mehrfachkrise identifiziert, hieß es: Erstens, die Entfremdung zur Natur und das Dominanzgebaren ihr gegenüber. Zweitens die Konzentration von Macht und Reichtum etwa bei politischen und wirtschaftlichen Eliten. Drittens die Priorisierung kurzfristiger, individueller und materieller Gewinne.
Mithilfe von fünf Strategien könne man der Umweltkrise begegnen und einen "transformativen gesellschaftlichen Wandel" herbeiführen, so die Expertinnen und Experten: Zunächst müsse man ökologisch und kulturell wertvolle Landschaften besser schützen und wiederherstellen, erklärte Johannes Rüdisser vom Institut für Ökologie der Universität Innsbruck. Zum Beispiel durch eine rechtsverbindliche Raumplanung mit Netto-Null Flächenverbrauch, also indem nicht mehr Boden verbaut als mit Renaturierungsmaßnahmen in einen natürlichen Zustand zurückversetzt wird. Man sollte auch ein flächendeckendes Netzwerk aus Schutzgebieten und Naturräumen sowie naturverträglicher Land- und Forstwirtschaft realisieren. Dafür wäre etwa ein österreichweites Bundesrahmengesetz für Natur- und Bodenschutz wichtig, sagte er.
Als zweite Strategie sollte man systemische Veränderungen in den Wirtschaftssektoren vornehmen, die maßgeblich zu den Problemen beitragen, also die Land- und Forstwirtschaft, Straßen- und Siedlungsentwicklung. Hier fordern die Expertinnen und Experten, dass umweltschädliche Subventionen abgebaut und biodiversitätsfreundliche Praktiken gefördert werden. Der zentrale dritte Ansatzpunkt ist ein Paradigmenwechsel von rein Wachstums- zu Gemeinwohl-orientierten Wirtschaftsmodellen, hieß es. Dazu müsste man auch die Finanzsysteme transformieren, sodass die Kapitalflüsse gezielt in naturpositive Aktivitäten gelenkt und ökologisch riskante Praktiken verteuert werden.
Die Politik und ihre Institutionen sollten wiederum gemäß der vierten Strategie stets alle relevanten Akteurinnen und Akteure in Entscheidungen einbinden. Dies würde auch die Akzeptanz und Wirksamkeit der Maßnahmen steigern. Das politische Handeln solle mehr dem Gemeinwohl und weniger dominanten Interessensgruppen dienen. Laut Assessment scheitert die Umsetzung des transformativen Wandels oft daran, dass die existierenden politischen Systeme durch institutionelle Fehlanpassungen und Machtungleichgewichte oft nicht den Wunsch der Mehrheit umsetzen, sagte Alice Vadrot vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Zum Beispiel, nachhaltig in einer intakten Umwelt leben zu können.
Schließlich sollte fünftens ein tiefgreifender Wertewandel stattfinden, in der die Umwelt nicht nur als auszubeutende Ressource angesehen wird, so Nikolaus Szucsich: "Dafür müsste man der zunehmenden Entfremdung der Menschen zur Natur entgegenwirken." Nebenher könnten auch politische Maßnahmen wie Steuern, Subventionen und Investitionen die sozialen Normen verändern und nachhaltiges Verhalten erleichtern.
Laut des Assessments wäre es wichtig, dass diese Strategien ganzheitlich umgesetzt werden, erklärte Vadrot: "Cherrypicking", also sich gleichsam nur die Rosinen aus dem Strategien-Kuchen zu picken, darf es dabei nicht geben. In dem aktuellen Bericht haben die österreichischen Expertinnen und Experten einen Assessment-Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES auf Österreich umgelegt.
(S E R V I C E: Link zum österreichischen Bericht - https://doi.org/10.5281/zenodo.17733114, Link zum IPBES-Assessment: https://www.ipbes.net/transformative-change-assessment )
Impression aus dem Nationalpark Thayatal aufgenommen am Dienstag, 9. Mai 2023. Der Nationalpark Thayatal bildet mit dem angrenzenden tschechischen Narodní park Podyjí ein großes grenzüberschreitendes Schutzgebiet, das eine der letzten naturnahen Tallandschaften Mitteleuropas bewahrt.






