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Der tiefe Klanganteil im Wiehern stammt beim Pferd recht banal von Schwingungen der Stimmlippen (im Kehlkopf) - wie beim Singen von Menschen und Miauen von Katzen. Um die Herkunft des hohen Tons zu finden, den ein Pferd beim Wiehern gleichzeitig produziert, hat ein Team um Tecumseh Fitch (Department für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien) und Elodie Briefer (Universität Kopenhagen) im Schalllabor mit sechs Kehlköpfen von Pferden aus einem französischen Schlachthaus experimentiert.
Die Forscher konnten den präzise herausgeschnittenen, für den Transport eingefrorenen und im Labor wieder aufgetauten Kehlköpfen mithilfe von Luftströmen die für das Wiehern typischen tiefen und hohen Frequenzen entlocken. "Dann haben wir erstmals Helium statt Luft durch die Kehlköpfe geblasen", so Fitch in einer Aussendung: "Daraufhin änderte sich sofort die hohe Frequenzkomponente, während die tiefe gleich blieb."
In Helium ist die Schallgeschwindigkeit höher, dadurch verschieben sich Pfeiftöne zu höheren Frequenzen. Gewebeschwingungen wie bei den Stimmlippen verändert das nicht. Die Forscherinnen und Forscher konnten durch das Experiment demnach beweisen, dass die hohen Töne im Wiehern Pfiffe sind und die tiefen von Stimmbandvibrationen stammen.
Wenn Menschen Helium einatmen (wovor Medizinerinnen und Mediziner abraten, weil es Sauerstoff in der Lunge verdrängt und Atemnot, Schwindel sowie Bewusstlosigkeit drohen), führt das kurzzeitig auch wegen der höheren Schallgeschwindigkeit zu einer höheren "Micky-Maus-Stimme". Dieser Effekt kommt aber davon, dass die hohen Frequenzen im Hals und Rachen verstärkt werden. Die Stimmlippen schwingen dann, so wie in Fitches Experiment, auch nicht schneller.
Die Forscherinnen und Forscher suchten auch mithilfe von Computertomographie(CT)-Scans nach Strukturen im Pferdekehlkopf, die Wieherpfiffe auslösen könnten. Sie fanden zwei asymmetrische Bläschen (Ventrikel) links und rechts an den Seiten und einen kleinen flüssigkeitsgefüllten Hohlraum (Bulla) direkt oberhalb der Stimmritze. "Jede dieser Strukturen (oder beide) könnte plausiblerweise die Luftströmungsdynamik und akustische Resonanz bei hohen Frequenzen beeinflussen", heißt es in dem Fachartikel.
Bisher war nur von kleinen Nagetieren wie Ratten und Mäusen bekannt, dass sie Laute mithilfe von Kehlkopfpfiffen erzeugen. "Das Pferd ist die erste große Säugetierart, bei der dies dokumentiert wurde", erklären die Forscher. Przewalski Wildpferde können so wie Hauspferde (Equus caballus) mit hohen und tiefen Tönen wiehern, Esel und Zebras nicht.
Es gibt zwei "Hauptmöglichkeiten", wie das zweitönige (biphonale) Wiehern Pferden Nutzen bringen könnte, erklärte Fitch der APA: Erstens wäre es den Tieren damit möglich, in einer einzelnen Lautäußerung mehrere Informationen zu vermitteln und zum Beispiel gleichzeitig ihre Körpergröße und emotionale Erregung zu verlauten. Zweitens ist ihr Wiehern dann weit und breit zu vernehmen: "Die lauten Pfiffe haben eine größere Reichweite, die tieferen Töne sind hingegen für Pferde in der Nähe besser hörbar", so der Experte.
Service: Studie in "Current Biology": https://go.apa.at/W7bxhu8U
08.10.2021, Nordrhein-Westfalen, Hackenbroich: Pferde stehen im Morgennebel auf einer Weide. Zum Start der Herbstferien in Nordrhein-Westfalen zeigt sich das Wetter am Wochenende von der schönen Seite. Es bleibt trocken und es gibt recht viel Sonne. Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++.
