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Die Universität mit ihrem "Environment and Climate Research Hub" (ECH), die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) sowie das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) haben zu der Veranstaltung eingeladen. Der Untertitel charakterisierte bereits die riesige Bandbreite der Fragen: "Was wir heute wissen und warum Panik keine Lösung ist."
Roland Maier, Vizedirektor für Digitalisierung und Wissenstransfer der Universität Wien: "Das Thema Mikroplastik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen." Die Kehrseite sei allerdings oft die Dramaturgie der Diskussionen zu dem Thema: "Das Laute bringt immer mehr Aufmerksamkeit:"
Die Menschheit hat weltweit de facto kein Entkommen mehr, um Kunststoffen und deren Teilen mit Nanoplastik (weniger als ein Mikrometer/ein Mikrometer ist ein Tausendstel Millimeter) oder Mikroplastik (0,1 Mikrometer bis fünf Millimeter) zu entgehen. Von Makroplastik spricht man bei Kunststoffteilen mit einer Größe von mehr als fünf Millimetern.
AGES-Geschäftsführer Johannes Pleiner-Duxneuner: "Mikroplastik ist gekommen, um zu bleiben. Wir wissen noch zu wenig. Wir sind mittendrin in der Forschung. Wir wissen, es ist da. Wir wissen aber nicht, was es macht." Klassisch sei der oft verwendete simple Ansatz, jeweils andere für eine solche Problematik verantwortlich zu machen.
Mit "Plastik im Gehirn" und ähnlichen Schlagzeilen kann leicht Aufmerksamkeit erregt werden. Die Menschen würden reale Gefahren und Risiken, die erst durch die jeweils auftretenden Umstände bedingt sind, gleichsetzen, so Tewes Tralau, Vizepräsident des Deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung. "Mikroplastik in Lebensmitteln steht ganz, ganz oben", was die subjektiven Gefährdungswahrnehmungen der Menschen (gesundheitliche Beunruhigung) betrifft, sagte er mit Verweis auf Umfragen.
55 Prozent der Befragten hätten in Deutschland Mikroplastik in der Ernährung als (sehr) beunruhigend angegeben. Dies schlägt ehemals so im Vordergrund stehende Themen wie Antibiotikaresistenzen, Pflanzenschutzmittel etc. Tralau gab aber auch eine teilweise Entwarnung: "Nach dem derzeitigen Stand des Wissens ist es unwahrscheinlich, dass von Mikroplastik in Lebensmitteln gesundheitliche Risiken für Menschen ausgehen. Es besteht aber Forschungsbedarf."
Auch in Österreich äußert sich ein Teil der Menschen besorgt über die Allgegenwärtigkeit kleiner und kleinster Kunststoffpartikel samt den potenziellen Gesundheitsrisiken. Denise Krawagna-Seiter (Wissenschafts- und Risikokommunikation/AGES) fasste Umfragedaten in der österreichischen Bevölkerung, unter AGES-Experten, Ärzten, Tierärzten, Journalisten und Lehrern zusammen.
Fazit: Bei den Gesundheitsrisiken insgesamt landete Mikroplastik nach Fehl- oder Überernährung, Zuckerhalt von Nahrungsmitteln, Pflanzenschutz, Wetterextremen und Antibiotikaresistenzen an sechster Stelle. "Lehrer und Lehrerinnen sowie Ärzte und Ärztinnen hatten dazu die höchsten Risikoeinschätzungen", erklärte die Expertin. Sie lägen bezüglich ihrer Beunruhigung deutlich höher als die Allgemeinbevölkerung. Journalisten zeigten mit der sonstigen Bevölkerung vergleichbare Werte.
Mittlerweile gibt es viele Zell- und Tierstudien zur Auswirkung von Mikroplastik, so Ulrike Mayerhofer (Toxikologie und Risikobewertung/AGES). Doch die Sache sei komplex: "Der Nachweis von Mikroplastik per se bedeutet noch nicht, dass es automatisch negative Auswirkungen hat. Bei Partikeln über 150 Mikrometern Größe geht man davon aus, dass sie (vom menschlichen Körper, Anm.) ausgeschieden werden. Mikroplastik ist nicht gleich Mikroplastik."
Der Wiener Pathologe Lukas Kenner (MedUni Wien) betonte die Größe des Problems: "Wir wissen, dass Plastik überall nachweisbar ist." Die größte Quelle bei der "Outdoor"-Belastung durch Mikroplastik, so der Experte: "Hauptursache sind die Autoreifen, die 97 Prozent ausmachen." Auf jeden Österreicher komme pro Jahr ein Kilogramm Reifenabrieb als Mikroplastik-Belastung in der Umwelt. Dabei werde die Problematik insgesamt eindeutig zunehmen. Kenner: "Pro Jahr werden weltweit 450 Millionen Tonnen Plastik erzeugt. Die Produktion steigt." Zu der steigenden Produktion kommt über Jahrzehnte hinweg der Zerfall einfach deponierter Plastikartikel.
Im Labor konnten die Pathologen mittlerweile zeigen, so der Pathologe: "Je kleiner die Partikel, desto toxischer sind sie." An Mäusen mit einer chronischen Darmentzündung habe man die Aufnahme von Mikroplastik mit vermehrten Entzündungsreaktionen nachweisen können. "Nanoplastik findet sich bereits zwei Stunden nach der Aufnahme im Blut und somit in allen Organen." Krebszellen zeigten nach Mikroplastik-Exposition mehr Beweglichkeit, was auf eine vermehrte Fähigkeit zur Bildung von Metastasen hindeuten könnte. Und schließlich: An Lungenkarzinomzellen konnten die Wissenschafter auch direkte Veränderungen an der Erbsubstanz nachweisen. Die normalerweise rechtsdrehende Struktur löste sich auf, die DNA wurde quasi für weitere Störungen geöffnet.
Doch es gibt weiterhin riesige Probleme in der Forschung zu Mikroplastik. Angela Horvath vom Zentrum für Biomarker-Forschung in der Medizin in Graz: "Es fehlen analytische Kapazitäten. Es fehlen zertifizierte Labors." Defizite gebe es in der Qualitätskontrolle, man benötige große multidisziplinäre Teams.
Eine der wichtigsten Rahmenbedingungen für Untersuchungen, die im 21. Jahrhundert nur noch schwer erfüllbar ist: ein möglichst Kunststoff-freies Labor, um Kontaminationen zu vermeiden. Die Wissenschafterin: "Wir sind zurück gereist in Labors aus 1950. Es ist bei uns alles aus Glas, vieles aus Porzellan." Das bedeute einen riesigen Aufwand, weil Plastik eben überall sei.
In Graz wurde ein Experiment mit 60 Probanden durchgeführt, die sieben Tage lang möglichst auf Kunststoffe rund um Nahrungsmittel (Verpackung, Verarbeitung, Küche etc.) verzichteten. Vor- und Nachher wurden Stuhlproben analysiert. Die Wissenschafterin: "Das Mikrobiom reagiert auf die Partikel, aber wir sehen kein klares Muster." Auf die Kunststoff-Einsparungen habe das Mikrobiom des Darmes der Probanden aber "gar nicht" reagiert.
Möglicherweise sind vor allem die Additive zu den Kunststoffen das größte Problem, wie Thilo Hofmann vom Zentrum für Mikrobiologie der Universität Wien darstellte: "Es gibt rund 16.000 bekannte Plastik-Additive." Rund 4.200 könnten bedenklich sein, 3.600 sind von Regulierungen nicht betroffen.
Die Wissenschafter haben sich in einem internationalen Projekt die Aufnahme von Mikroplastik in Pflanzen angesehen. "Die Additiv-Konzentrationen im Salat (Supermärkte; Anm.) war in gleicher Größenordnung wie die von Pharmazeutika", sagte Hofmann.
Mikroplastik wird vor allem inhalativ und via Lebensmittel aufgenommen. Ein hoch interessantes Exempel untersuchten Hofmann und sein Team rund um Kletterschuhe (Kunststoffsohlen) und in Kletterhallen, darunter fünf solcher Einrichtungen in Wien. "Wir sehen zum Teil in solchen Kletterhallen Belastungen wie durch Autoreifen." Die Exposition der Sportler könne somit Indoor ähnlich hoch liegen wie "neben einer sechsspurigen Straße in Peking".
Während die Gewässer und das Meer oft als Haupt-Depositionsmedium für Mikroplastik bezeichnet wird - mit der Donau werden pro Tag bis zu 66 Kilogramm transportiert -, sollte offenbar rund um die Belastung durch Kunststoffe und Kunststoff-Zerfallsprodukte ganz einfach auch auf die Böden geblickt werden. Verena Ehold, Geschäftsführerin des Umweltbundesamtes: "Der größte Teil liegt nicht im Meer, sondern im Boden unter unseren Füßen."
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA






