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Vom deutschen Historiker Rudolf Jaworski einmal als "kreativer Pfadfinder der Kulturwissenschaften" bezeichnet, widmet sich Moritz Csáky schwerpunktmäßig den multikulturellen und nationalen Identitäten der Habsburgermonarchie. In Abgrenzung zum Begriff "Mitteleuropa" verwendete er dabei bewusst "Zentraleuropa", das er nicht als territorial eindeutig abgrenzbare geografische oder politische Einheit versteht, sondern als soziokulturellen Raum, der durch übergreifende kulturelle Kommunikation definiert und durch Austauschprozesse, Akkulturation, Krisen und Konflikte geprägt wird.
Diesem Kulturraum Zentraleuropa näherte sich Csáky von ganz unterschiedlichen Seiten, einem Porträt der Wiener Küche ebenso wie dem Gedächtnis der urbanen Milieus oder der Ideologie der Operette und Wiener Moderne. Der Kulturwissenschafter betont dabei stets die Multiethnizität der Großregion mit ihrer imperialen Prägung und asymmetrischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen und Ethnien hervor.
Die "von Pluralitäten und Differenzen bestimmte Realität Zentraleuropas" nimmt Csáky in seinem neuen Buch "Mehrdeutige Vergangenheit" als "Richtschnur für eine Theorie Österreichs und seiner Geschichte". Teilweise zurückgreifend auf seine früheren Arbeiten sieht er in dem Buch und seinem theoriebasierten Ansatz einen "subversiven Protest gegen die allgemein übliche Auffassung von eindeutigen, homogenen, unabhängigen sozial-politischen Einheiten, gegen die einseitige Auffassung von einem österreichischen Staat, der sich durch sein nationales Selbstverständnis von anderen Staaten unterscheidet und dessen Bewohner eine homogene, von anderen unterschiedliche nationale Identität aufweisen". Für ihn ist "mit der wachsenden Mobilität von Personen und Gruppen vor allem seit dem 19. Jahrhundert und durch die weltweiten Migrationen im 20. und 21. Jahrhundert das Postulat bzw. das Konzept von einer 'holistischen' Nation im Grunde genommen noch problematischer geworden als in früheren Jahrhunderten".
Zentraleuropa wurde Csáky praktisch in die Wiege gelegt: Geboren am 3. April 1936 in Levoca (Slowakei) wuchs er dreisprachig auf und musste 1945 mit seiner Familie nach Österreich gehen. Er studierte in Rom, Paris und Wien Philosophie, Theologie, Ethnologie, Kirchengeschichte, allgemeine Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Musikwissenschaft. An der Uni Wien wurde er 1966 mit einer Arbeit über den "Kulturkampf in Ungarn - Die kirchenpolitische Gesetzgebung der Jahre 1894/95" promoviert. Nach Forschungsaufenthalten in Salzburg, an der Uni Wien, in Budapest und Paris habilitierte er sich 1979 in "Allgemeiner Geschichte der Neuzeit". Von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er den Lehrstuhl für österreichische Geschichte an der Universität Graz inne.
Seit 1991 ist der Historiker Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und war in etlichen Gremien und Arbeitsgruppen der Akademie tätig, etwa der Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie oder der Kommission bzw. des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte. Von 1988 bis 1997 war Csáky Vizepräsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), wo er sich für die Förderung interdisziplinärer kulturwissenschaftlicher Forschung stark machte.
So leitet er den 1994 eingerichteten interdisziplinären Spezialforschungsbereich (SFB) "Moderne - Wien und Zentraleuropa um 1900", den ersten SFB im geisteswissenschaftlichen Bereich. In sechs Fachbereichen widmeten sich dort Dutzende Wissenschafterinnen und Wissenschafter Themen wie Philosophie, Zeitgeschichte, Germanistik, Kunstgeschichte oder Musikwissenschaft. Dieser fächerübergreifende Ansatz zeichnete auch die wissenschaftliche Arbeit Csákys aus, in der er sich schwerpunktmäßig unter anderem der Kultur- und Sozialgeschichte Zentraleuropas, Aufklärung, Fin de siècle, dem Diskurs Moderne-Postmoderne, der Geschichte der Habsburgermonarchie sowie der Geschichte Österreichs, Ungarns und Zentraleuropas widmete.
1982 gründete er die Österreichische Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und zehn Jahre später das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien, die er jeweils auch als Präsident leitete. Das IFK war lange ein außeruniversitäres und unabhängiges Wissenschaftskolleg, seit 2015 ist es ein Zentrum der Kunstuniversität Linz. Es versteht sich als innovativer Impulsgeber für die österreichische und internationale Forschung auf dem Gebiet der Kulturwissenschaften.
Zu den zahlreichen Auszeichnungen Csákys zählen der Anton Gindely-Preis für Geschichte der Donaumonarchie (1982), der Ferenc Szechenyi-Staatspreis (1990), der Prix Europe (1994), der Wilhelm Hartel-Preis der ÖAW (1997) oder der Karl von Vogelsang-Staatspreis für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften (1998).
(SERVICE - Moritz Csáky: "Mehrdeutige Vergangenheit - Beiträge oder Anregungen zu einer Theorie der Österreichischen Geschichte", Böhlau Verlag; 356 S., 58 Euro, ISBN: 978-3-205-22368-9; Buchpräsentation und Feier zum 90. Geburtstag des Autors am 7. April, 17.00 Uhr in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien, 1., Dr. Ignaz Seipel-Platz 2; nur mit Anmeldung: https://go.apa.at/WGXEv26Z )
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Stefan Csáky/Stefan Csáky





