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Die originelle Grundidee: Weinheimer erzählt "eine Schöpfungsgeschichte aus vier Perspektiven". Vier Stimmen wechseln einander ab: die Version 8.03 einer Korrektursoftware für 3-D-Visualisierungen, die als "Datenputzer" Glitches, also kleine Systemfehler in Programmen, beheben, aber auch selbstständige Verbesserungsvorschläge machen soll und sich selbst Sisyphos nennt; die Programmiererin Kristin, die von "8.03" als ihre Assistentin angesprochen wird und allmählich Angst bekommt, ihre Software könnte sich allzu selbstständig machen; Peter, von "8.03" als Alter Ego geschaffene Figur einer Erzählung, in der die Zirkusartistin Jana, Erzählerin Nummer vier, die Hauptrolle spielt.
Das alles ist so witzig wie verwirrend, denn das alte Henne-Ei-Problem von Kausalität und Wirkung ist hier ebenso immanent präsent wie die aktuell in der Diskussion um Künstliche Intelligenz dominierende Zauberlehrling-Problematik einer Macht, die ihrem Schöpfer über den Kopf zu wachsen droht, weil sie in der Lage ist, sich selbstständig zu verbessern und weiterzuentwickeln. "In jedem Fall ist 8.03 beziehungsweise Sisyphos jetzt schon den meisten Menschen in Sachen Empfindungstiefe, Reflektiertheit und Fantasie überlegen, und da frage ich mich natürlich, ob es nicht besser wäre, den Stecker zu ziehen", macht sich die Programmiererin Gedanken.
Weinheimer, als Musiker mit der Band Das Trojanische Pferd erfolgreich und früher für die Pressearbeit im Schauspielhaus Wien zuständig, hat die Love Story im Zirkusmilieu als einen krassen Gegensatz zu seiner Doktor Frankenstein-Hauptgeschichte eingebaut, und nicht immer ist man überzeugt davon, dass das seinem Roman guttut.
Doch er lässt 8.03 eine zweite Geschichte in der Geschichte entwickeln, die ungleich besser zur Grundproblematik passt: Peter stößt in seinem Hauptberuf als TU-Informatiker auf eine theoretische Möglichkeit, die Kristallstruktur von Salz so zu verändern, dass es als Grundlage für einen neuartigen Anstrich mit hervorragenden Dämmeigenschaften genutzt werden könnte. Seine Uni wittert bereits ein Milliardengeschäft, die Programmiererin beginnt, 8.03 eifrig mit Fachliteratur über Materialwissenschaften und Baustoffe zu füttern ... Doch Weinheimer wartet am Ende noch mit ein paar weiteren überraschenden Volten auf. Salto mortale im "Zirkus Morgana", quasi.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Hubert Weinheimer: "Zirkus Morgana", Müry Salzmann, 184 Seiten, 24 Euro)
SALZBURG - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Müry Salzmann






