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Kultur-Religion-Entflechtung macht Geflüchteten oft zu schaffen

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Religion kann eine Ressource zur Krisenbewältigung sein
Menschen aus unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften wurden durch den Krieg in Syrien aus ihrer Heimat vertrieben. Wie die Fluchterfahrung und das Ankommen in europäischen Ländern sich auf ihren Glauben auswirken, erforscht ein internationales Projekt. Dabei war für die Befragten u.a. die in Europa stärkere Trennung von Religiosität und kulturellem Alltag herausfordernd. Angesichts dessen sprechen sich die Forschenden für mehr Sensibilität und nuanciertere Debatten aus.

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Im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts um Regina Polak und Christoph Novak vom Institut für Praktische Theologie der Universität Wien wurden 77 Personen in Interviews befragt. Dabei ging es nicht darum, statistisch repräsentative Daten zu erheben, sondern in einer qualitativen Studie die Tiefenstrukturen des Wandels von Religiosität zu erforschen, so Polak zur APA.

Aus Syrien geflüchtete Personen stehen dabei im Mittelpunkt, weil sie eine große und vielfältige Gruppe sind, die aus verschiedenen muslimischen und christlichen Fraktionen besteht. Zudem gebe es bei ihrer Untersuchung einige Leerstellen: So sei etwa ihr Religionsbekenntnis in der Vergangenheit nicht konsequent erhoben worden.

Ein erstes Ergebnis der Studie: Religion und Kultur sind bei ihnen stärker miteinander verbunden als im Ankunftsland. Denn anders als derzeit im Westen Europas werde Religion nicht als eine Form von Innerlichkeit, sondern als Lebensweise verstanden - sie ist daher untrennbar mit Kultur und dem kulturellen Alltagsleben verbunden, erklärte Polak. "Bei den christlichen Befragten erinnerte mich die Art des Praktizierens stark an die Zeit, als der Katholizismus noch eine kulturreligiöse, flächendeckende Wirklichkeit in Österreich war", sagte sie weiter.

Dementsprechend sei es auch möglich, sich als muslimisch oder christlich zu verstehen, ohne im strengen Sinne zu glauben. "Ein Teilnehmer in Deutschland hat mich diesbezüglich sehr beeindruckt: Der Befragte präsentierte ein generelles Selbstverständnis als Muslim, das eine intensive Gläubigkeit vermuten ließ. Auf die konkrete Nachfrage, welche Bedeutung Religion für ihn persönlich habe, hat er sich dann als Atheist bezeichnet", so die Theologin.

Die "Entflechtung" von Glauben und Kultur stelle für Geflüchtete ein neues Phänomen dar, mit dem sie einen Umgang finden müssen. In diesem Rahmen sprechen sich die Forschenden für eine höhere Unterstützung und mehr Sensibilität vonseiten der Kirchen bzw. religiösen Communitys aus.

Politisch und medial werde der Glauben von Migrantinnen und Migranten laut Polak vor allem als Problem - bzw. als "unvereinbar" mit der ansässigen Kultur - diskutiert. "Gerade im Fall von Musliminnen und Muslimen erwecken diese Narrative oft den Eindruck, der islamische Glauben neige prinzipiell zu Fundamentalismus oder Extremismus, inklusive beispielsweise Gewaltneigung oder Frauenfeindlichkeit", so Polak.

Radikalisierung sei dabei selten Folge eines in Gemeinschaften eingebetteten, intensivierten religiösen Lebens. "Bei jenen, die sich von Glaubensgemeinschaften entfernen, einsam sind und Religion vielleicht über Social Media entdecken, ist hingegen die Gefahr einer Radikalisierung vorhanden", so Polak.

Dass es insgesamt Probleme gebe, wird von der Studie nicht bestritten - aber es wurden eben jene Gruppen in den Blick genommen, bei denen sich keine problematischen Phänomene feststellen lassen, sagte Polak. Dabei zeigt sich: Von solchen Narrativen sind oft auch Christinnen und Christen betroffen. Im Alltag erfahren sie rassistische Zuschreibungen insbesondere dann, wenn sie eine dunklere Hautfarbe haben. Das führe in manchen Fällen zu einer indirekten Distanzierung - Betroffene betonen, keine Musliminnen oder Muslime zu sein, um sich selbst zu schützen.

Die Forschenden warnen davor, Integrationsprobleme in europäischen Gesellschaften reflexartig mit Religion zu begründen. Denn diese kann sich in der Diaspora oft auch als Ressource zur Krisenbewältigung erweisen.

(S E R V I C E - Informationen zum Projekt: https://www.fwf.ac.at/forschungsradar/10.55776/I6833 )

ARCHIV - 31.07.2007, Mannheim: Die Spitze des Minarett der Yavus Sultan Selim Moschee (l) mit dem Halbmond und das Kreuz auf der Kirchturmspitze der Liebfrauenkirche. (zu ÇPk zur 10. Weltversammlung von Religions for PeaceÈ) Foto: Ronald Wittek/dpa +++ dpa-Bildfunk +++.

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