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"Die primäre idiopathische Hyperhidrose (PIH) ist eine stark beeinträchtigende Erkrankung, die (...) durch eine übermäßige sympathische cholinerge Aktivität (vom Nervenbotenstoff Acetylcholin abhängig, Anm.) gekennzeichnet ist, die zu unkontrollierbarem Schwitzen führt. Sie betrifft schätzungsweise zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung, beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich, ist aber nach wie vor wenig erforscht und wurde historisch als 'idiopathisch' (ohne erkennbare Ursache; Anm.) klassifiziert, ohne dass molekulare Ursachen oder gezielte Therapien bekannt sind", schrieben vor kurzem Frank Bosmans von der Freien Universität Brüssel und seine Co-Autoren in "Scientific Advances" (DOI: 10.1126/sciadv.aed3221).
Trotz der Häufigkeit der Erkrankung werde die Diagnose durch die starke Stigmatisierung der Beschwerden zu selten gestellt. Hinzu komme, dass durch die weitgehend unbekannten Ursachen die Störung oft fälschlicherweise als "kosmetisches Problem" angesehen werde. Bei manchen Betroffenen beruhe die Hyperhidrose auf einer Veränderung der Schweißdrüsen. Hier könnten lokale Maßnahmen bis hin zu Botulinumtoxin eine Linderung erzielen. Doch, so die Wissenschafter: "Ein signifikanter Anteil der Patienten spricht jedoch nicht auf lokale Interventionen an und weist normale Schweißdrüsen auf." Hier wird eine vermehrte Aktivität des sympathischen Nervensystems als Ursache angenommen.
Die Wissenschafter gingen der Sache genetisch auf den Grund. Sie analysierten von mehr als 180 Personen aus 32 Familien, in denen sich die Störung über Generationen hinweg gezeigt hatte, alle für Protein kodierenden Gene - also jeweils rund 20.000. Dabei tauchten zunächst Mutationen in knapp 400 Genen auf, die eine Verbindung zur Hyperhidrose zeigten. Schließlich wiesen die Autoren der Studie nach, dass bei den Untersuchten Varianten des Gens SCN10A am häufigsten zu finden waren.
Diese Mutationen führen offenbar zu einer Veränderung der Reizbarkeit von Poren, welche den Transport von Natrium-Ionen durch die Wand von Nervenzellen bewerkstelligen bzw. steuern. "Durch die Analyse der DNA von über 180 Patienten entdeckten die Autoren Defekte in einem spezifischen Proteinkanal der Nerven: dem Nav1.8-Ionenkanal. Dieser Kanal fungiert normalerweise als biologisches Tor, das elektrische Signale im Nervensystem reguliert. Bei Patienten mit Hyperhidrose ist dieses Tor aufgrund einer genetischen Veranlagung zu weit geöffnet. Dadurch wird das Nervensystem, das die Schweißdrüsen steuert, ständig überstimuliert. Die Nerven befinden sich permanent in einem Zustand erhöhter Aktivität, was zu übermäßigem Schwitzen führt. Dies deckt sich mit dem klinischen Bild, bei dem das Schwitzen häufig durch emotionale oder stressbedingte Reize ausgelöst wird, ohne dass die Erkrankung psychische Ursachen hat", hieß es dazu in einer Aussendung der Universität in Brüssel.
Die Entdeckung eröffne die Aussicht auf bessere und gezieltere Behandlungen. Schwere Formen der Hyperhidrose werden heute mitunter durch Eingriffe behandelt, bei denen die sympathischen Nervenbahnen im Brustkorb durchtrennt werden. Solche Behandlungen können zwar wirksam sein, sind aber invasiv, nicht für jeden geeignet und können unerwünschte Nebenwirkungen verursachen. Durch ein besseres Verständnis werde man wohl zunächst einmal besser vorhersagen können, wer der Betroffenen am ehesten von lokalen Therapien, Behandlungsmodalitäten, welche die beteiligten Nervenbahnen betreffen oder gar von Medikamenten profitieren dürften.
Auch bereits bekannte Medikamente könnten auf einen eventuellen Effekt bezüglich der mutierten Natrium-Ionenkanäle erprobt werden. Patienten berichteten beispielsweise von Cannabisprodukten, die eine Wirkung gehabt hätten. Das ist aber rational noch nicht erforscht und belegt. Wirkstoffe, welche den aktivierenden Nervenbotenstoff Acetylcholin hemmen, könnten eine Möglichkeit darstellen. In den Vereinigten Staaten ist ein Analgetikum zugelassen, das auf den Nav-1.8-Ionenkanal wirkt.
ARCHIV - 11.08.2020, Berlin: Schweiß ist auf der Haut einer Frau zu sehen. (zu dpa: «Wie in den Tropen: Weshalb Schwüle so unangenehm ist») Foto: Wolfgang Kumm/dpa/dpa-tmn +++ dpa-Bildfunk +++
