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"Kein Zwang zum Konsens" bei vielfach bedrohter Wissenschaftsfreiheit

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Podiumsdiskussion der ÖAW
©APA
Wer bedroht die Wissenschaftsfreiheit und wie akut ist die Gefahr? Dass solche Fragen zu hitzigen Diskussionen führen können, zeigte sich bei einer Diskussion an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Das Podium verortete dabei unterschiedliche Gefahren: von Cancel-Culture mit "massiven Rufmordkampagnen" bis zu Eingriffen der Politik à la Trump oder Orbán. Anlass für die Debatte war eine Auszeichnung des Soziologen Alexander Bogner durch das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit".

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Die Wissenschaftsfreiheit sei in mehreren Bereichen gefährdet, erklärte der ÖAW-Soziologe vom Institut für Technikfolgenabschätzung in seinem Eröffnungsstatement. Es gebe den direkten politischen Durchgriff aus ideologischen Motiven, wie etwa bei der aktuellen Wissenschaftspolitik in den USA oder in Ungarn unter dem ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Dazu komme politischer Aktivismus von innen und von links, etwa in Bezug auf Israel, sowie Selbstzensur, da Forschende teilweise aus moralischen Gründen Ergebnisse zurückhalten, um benachteiligte Gruppen zu schützen. Die steigende Abhängigkeit von Drittmitteln sei ebenfalls problematisch, da sie Forschende möglicherweise in Richtung gewisser Programme - wie etwa der Nachhaltigkeit - dränge.

Die Verleihung des "Preises für Wissenschaftsfreiheit" vom deutschen, durchaus umstrittenen "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" an Bogner fand am Dienstagabend direkt im Anschluss statt. Als Gründe für die Auszeichnung führte das Netzwerk Bogners Kritik an der Verbindung von Wissenschaft mit bestimmten Ideologien sowie sein entschiedenes Engagement gegen den israelbezogenen Antisemitismus an den Universitäten an.

So hat Bogner etwa öffentlich gegen den Ausschluss der Israelischen Soziologischen Gesellschaft durch die Internationale Soziologenvereinigung (ISA) protestiert - und den Austritt der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS) aus dem Weltverband betrieben. "Tatsächlich hat sich der Israelische Soziologieverband gar nicht zum Thema Gazakrieg geäußert - im Gegensatz zum Weltverband, der in drei Stellungnahmen die Hamas mit keinem Wort erwähnt, aber Israel verurteilt, und nach den Angriffen auf Teheran durch die USA und Israel eine Solidaritätsadresse an den Iran hinterhergeschickt hat", so Bogner. Die Turbulenzen in der österreichischen Soziologenschaft infolge des Boykotts hätten gezeigt, dass israelbezogener Antisemitismus auch hierzulande verbreitet sei.

Der 2021 gegründete Verein "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" möchte laut eigenem "Manifest" die Wissenschaftsfreiheit gegen "ideologisch motivierte Einschränkungen" verteidigen und wurde schon in Deutschland mehrfach kritisiert. "Das Netzwerk hat sehr viele renommierte Mitglieder, aber eben auch solche, die sich am Rande dessen bewegen, was verfassungsrechtlich akzeptabel ist. Es wäre zu erwarten, dass man sich von solchen Mitgliedern distanziert", erklärte die Philosophin Anne Sophie Meincke von der Universität Wien, die auch Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW ist. Gerade vor diesem Hintergrund sei es problematisch, immer nur dann für die Wissenschaftsfreiheit einzutreten, wenn man sie vor Kritik an konservativen - bis weit rechts anzusiedelnden - Positionen verteidige. Denn gleichzeitig liege die konkretere Gefahr in gesellschaftlichen Gruppierungen und politischen Akteuren, die tatsächlich wissenschaftsfeindlich eingestellt sind.

Auch der Preisträger Bogner zeigte sich kritisch gegenüber dem Netzwerk: So dürfe man sich über die Bewertung von außen nicht wundern, wenn "sich die Energie tonangebender Mitglieder nur an den Gender Studies festfrisst und keiner anderen Disziplin." "Wir sind ein Netzwerk, das aus rund 730 Professorinnen und Professoren besteht", erklärte die Ethnologin und Vorsitzende des "Netzwerks Wissenschaftsfreiheit", Susanne Schröter. Bei Neuaufnahmen sowie Kontroversen werde geprüft, ob Personen auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen bzw. ob sich etwaige kontroverse Aussagen gegen den liberalen Verfassungsstaat gerichtet haben. Darüber hinaus gebe es keine Kriterien. Weil das Ziel einzig und allein sei, die Wissenschaftsfreiheit zu bewahren, distanziere man sich auch nicht von einzelnen Mitgliedern, so Schröter weiter.

"Ich halte so ein 'Anything goes' für problematisch - das eine ist die Verfassung und das andere Werte, für die man steht", so Meincke. "Wenn man sich beispielsweise Wissenschaftsfreiheit auf die Fahnen schreibt, gehe ich davon aus, dass das, was da propagiert wird und wofür man in die Bresche springt, auch wirklich Wissenschaft ist." So grenze das teils vermittelte Bild linker Aktivisten, die die komplette Geisteswissenschaft in ihren Händen haben und Ergebnisse im Vorhinein festlegen, an Verschwörungstheorien.

Selbstverständlich gebe es eine Cancel-Culture, entgegnete Schröter mit Verweis auf die Falldokumentation des Netzwerks und "massive Rufmordkampagnen", mit denen sie selbst Erfahrung gemacht habe, weil sie einem gewissen Mainstream nicht entspreche. Als Evidenzbasis für die Aktivitäten des Netzwerks nannte Schröter auf Nachfrage etwa die Forschung von Richard Traunmüller von der Universität Mannheim. "Aber wir sind kein Arbeitszusammenhang, der Studien durchführen kann, wir sind eher so etwas wie eine Selbsthilfeorganisation", so Schröter.

"Wie man, wie es Mitglieder des Netzwerks öffentlichkeitswirksam getan haben, von einer Hegemonie der Gender Studies und des Postkolonialismus sprechen kann, ist mir schleierhaft - Hegemonie ist etwas ganz anderes", sagte Sonja Puntscher Riekmann, Politikwissenschafterin von Universität Salzburg und wirkliches Mitglied der ÖAW. Eine Kritik an deren Methoden könne durchaus berechtigt sein, müsse aber wissenschaftlich artikuliert werden. Bei der Wissenschaftsfreiheit handle es sich um einen permanenten Abwägungsprozess, auch im Zusammenhang mit anderen Grundrechten. "Und es darf keinen Zwang zum Konsens geben - wenn wir dieses Prinzip nicht respektieren, betreiben wir in der Tat Ideologie, keine Wissenschaft", so Puntscher Riekmann weiter.

Einig werden konnte sich das Podium einzig über eine gewisse diskursive Verengung im Zusammenhang mit politischer Korrektheit, wobei deren Ausmaß umstritten blieb. Die Wissenschaftsfreiheit in Österreich und der EU sei "im Großen und Ganzen" gegeben, was auch empirisch belegbar ist, stellte ÖAW-Präsident Heinz Faßmann schon vor der Diskussion in seinem Eröffnungsstatement fest. "Auch wenn manche Personen das möglicherweise anders sehen, wenn sie nach kritischen Aussagen selbst kritisiert werden."

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA

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