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Extremisten und Populisten haben mit unseren Gehirnen leichtes Spiel

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Unser Gehirn hat ein Problem mit diesem Satz
Grundrechtskataloge, Bildung und Fortschritt machen die Menschheit nicht besser: Diese Erkenntnis setzt sich langsam durch. Die deutsche Politikwissenschafterin Liya Yu erklärt in ihrem neuen Buch, woran das liegt: Am menschlichen Gehirn, das so ganz und gar nicht humanistisch tickt. Vielmehr sei es stark anfällig für Extremismus und Populismus. Ein "völlig neues, ideologiefreies Verständnis" des Gehirns sei nötig, um besser mit ihm umgehen zu können.

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In ihrem Buch "Hirn statt Moral" charakterisiert Yu unser Denkzentrum als "mysteriöses Organ: Eines das zutiefst grausam sein, aber auch aufrichtige Empathie empfinden kann. Das Kriege führen und Frieden schließen kann. Das das eigene Kind lieben und am selben Tag Kinder in Konzentrationslagern vergasen kann." Die in den USA ausgebildete Tochter chinesischer Einwanderer entwickelt einen neuropolitischen Ansatz, um unsere archaisch geprägten Grauen Zellen auf die Höhe der Zeit zu bringen. Es sei nämlich ein Fehler gewesen, "unsere Werte und ehrgeizigen Errungenschaften nicht an die Realität des Gehirns anzupassen", so Yu. "Viele unserer Hirnfähigkeiten hinken den rapiden Entwicklungen und Ansprüchen unserer modernen Zeit hinterher", macht die Wissenschafterin eine Überforderung unserer Gehirne in der komplexen und diversen Realität der heutigen Welt aus.

Laut Yu ist unser Gehirn nämlich evolutionsbiologisch auf Vorurteile, Rassismus und Gruppenlogik getrimmt. Es tue sich schwer mit Toleranz und Diversität. Um das Überleben seiner Trägerin oder seines Trägers zu sichern, muss es nämlich "in der Lage sein, die Realität schnell zu kategorisieren und zu vereinfachen, außenstehende Gruppen sofort in Freunde und Feinde einzuteilen und sich vor allem vor dem Fremden und Ungewissen zu fürchten", so Yu. All das sind Merkmale, die völlig quer liegen zu den Werten einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft. In ihr wird uns nämlich eingebläut, dass wir keine Vorurteile haben dürfen, uns nicht vor andersfarbigen Menschen fürchten dürfen und immer tolerant sein müssen.

Wer diesen Maßstäben nicht entspreche, werde schnell zum Opfer der Cancel Culture. Eben dies verschärft laut Yu aber das Problem noch. Die Forschung zeige nämlich, "dass unsere Gehirne besonders sensibel reagieren, wenn wir uns von einer anderen Gruppe entmenschlicht fühlen wie es beim öffentlichen Shaming der Fall ist", kritisiert sie. Zugleich legt sie den Finger auf die Wunde des sich ausbreitenden "autoritären Humanismus", indem sie auf den Fall Charlie Kirk verweist. Nach dessen Tötung hätten sich radikale Kritiker sogar zu Rechtfertigungen des Attentats verstiegen und sich damit eben jener "Dehumanisierung" schuldig gemacht, die sie Kirk vorgehalten hatten. Sie mussten "jegliche Humanisierung ihm gegenüber im Keim ersticken, weil alles andere ein ideologischer Verrat an linksliberalen, antifaschistischen Werten wäre", analysiert die Autorin.

Yu setzt sich in ihrem Buch auch mit konkreten politischen Problemen wie etwa der Migrationsthematik und der Klimapolitik auseinander. Sie kritisiert einseitige Darstellungen, Denkverbote und das Ausblenden von Widersprüchlichkeiten - wie etwa die Tatsache, dass auch viele Menschen mit Migrationshintergrund rechtspopulistische Parteien wie die AfD wählen. Anhand von Studien zeigt sie, dass nicht Vorurteile problematisch seien, sondern die Dehumanisierung anderer Menschen - also ihnen menschliche Eigenschaften abzusprechen. Das ebne Diskriminierung, Verfolgung und Völkermord den Boden.

Das "konservative Gehirn", das "ideologische Gehirn" und das "autoritäre Gehirn" seien mit ihren einfachen Funktionsmustern auch für gebildete Menschen äußerst verlockend. Feministinnen würden in verinnerlichte weibliche Stereotypen zurückfallen und auch die aufgeklärtesten Menschen würden "innerlich vor einem dunkelhäutigen Mann zurückschrecken, der sich in der Straßenbahn neben uns setzt", so Yu. Die Lösung ist laut Yu, sich diese Mechanismen bewusst zu machen - etwa durch Diversitätstrainings für Polizisten. Auch Politiker hätten eine wichtige Rolle, kritisiert sie etwa die "Stadtbild"-Aussage des deutschen Kanzlers Friedrich Merz. Er habe nämlich durch eine eindrückliche visuelle Darstellung bestehende Vorurteile geschürt statt zu ihrem Abbau beizutragen.

"Das liberale Gehirn ist eine Herausforderung und wird sich wahrscheinlich nie völlig gut und einfach anfühlen", räumt Yu ein. Weil sie sich weniger Gedanken machen (müssen), seien konservative Menschen meist glücklicher als liberale. Gleichwohl müsse man am Ideal eines liberaldemokratischen Gehirns festhalten, weil die Alternative ein chaotischer Naturzustand, der Antihumanismus oder der autoritäre Humanismus sei - kurzum, eine gewaltvolle Welt der Anarchie oder Diktatur. "Liberale Demokratie bedeutet, Toleranz und Geduld zu üben, nicht weil es sich moralisch richtig anfühlt, sondern weil uns das schlicht ein gutes Leben ermöglicht."

Überzeugungskraft schöpft das Buch aus konkreten Schilderungen der Autorin, die als Anti-Rassismus-Trainerin in Berlin tätig ist. Ein zentrales Element dieser Workshops sei, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihre eigene "Dehumanisierungstendenz" vor Augen zu führen. Sie müssen vergegenwärtigen, unter welchen Bedingungen sie Menschen ihre menschliche Eigenschaft absprechen. Außerdem versucht Yu, Gruppenzugehörigkeiten zu erweitern und zu verschieben - eben weil es neuropolitisch schwer möglich sei, ohne In- und Out-Gruppen-Dynamiken zu leben. Sie stellt auch weitere Instrumente vor, die Menschen zu positivem Verhalten lenken können. So sei etwa in japanischen U-Bahn-Stationen die Beleuchtung auf beruhigendes blaues LED-Licht umgestellt worden, woraufhin die Zahl der Selbstmorde dort um 73 Prozent gesunken sei.

"Ein liberaldemokratisches Gehirn", so Yu, "ist auf jeden Fall möglich, doch wir müssen uns bewusst dafür entscheiden und es kultivieren. Moralstrategien und Wertevermittlung reichen nicht aus."

(Von Stefan Vospernik/APA)

S E R V I C E: Liya Yu. Hirn statt Moral. Warum nur Neuropolitik den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert. Econ Verlag. Berlin. 224 Seiten. EUR-A 24,70, ISBN 978-3430212144

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