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Es gebe Tiere, die mehrere Arten von Werkzeugen benutzen, und auch Tiere, die Werkzeugsets benutzen, "aber dass ein Gegenstand auf unterschiedliche Art benutzt wird, wurde über Anekdoten hinaus bisher nur bei Schimpansen beobachtet", erklärte Alice Auersperg vom Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien gegenüber der APA: Die nächsten lebenden Verwandten des Menschen verwenden in Zentralafrika Stöcke mit unterschiedlich dicken Seiten, wobei sie die stärkere Seite zum Aufschlagen von Termitenbauten nutzen und die dünne Seite, um damit Termiten aus ihren Bau zu fischen.
Doch jetzt hat ein Tier, von dem dies wohl die wenigsten erwartet hätten, "an unseren Vorstellungen von Tierintelligenz gekratzt", so Auersperg. Der Kognitionsbiologin, die im Vorjahr ein Buch über den "Erfindergeist der Tiere" (Brandstätter Verlag) veröffentlicht hat, wurde ein Handyvideo von einer Kuh aus dem Gailtal zugesendet, die mit ihrem Maul einen alten Rechen aufnahm und sich damit kratzte. "Oft liegt man ja bei so anekdotischen Berichten falsch, aber dieses Video sah so überzeugend aus, dass wir nach Kärnten gefahren sind", sagte die Wissenschafterin.
Sie besuchten Witgar Wiegele, einen in Nötsch im Gailtal lebenden Biobauern, Müller und Bäcker, der die 13-jährige Braunvieh-Kuh Veronika nicht als Nutz-, sondern als Haustier hält. Er beobachtete bereits vor etwa zehn Jahren, dass Veronika gezielt heruntergefallene Äste mit der Zunge aufhob, diese in der Lücke zwischen Schneide- und Backenzähnen fixierte und sich damit an schwer erreichbaren Stellen kratzte. Wiegele berichtete auch, dass das Tier kürzere und längere Äste verwendet, um verschiedene Körperregionen zu erreichen.
"Bei unserem ersten Besuch haben wir erwartet, dass es lange dauern wird, bis wir zufällig sehen, dass sich Veronika mit einem Stock kratzt", erinnerte sich Auersperg. "Aber sobald ein Stock in ihrer Nähe lag, hob sie ihn auf und begann sofort damit, sich zu kratzen, in einer Art und Weise, die uns verblüfft hat", so Antonio Osuna-Mascaró, der daraufhin gemeinsam mit der Kognitionsbiologin ein Experiment entwickelt hat, um die Werkzeugnutzung Veronikas wissenschaftlich zu analysieren.
Über zwei Wochen beobachtete Osuna-Mascaró in einer Reihe von Durchgängen, wie Veronika mit einem Schrubber, einer Reibbürste mit Stiel, umging. Die Ausrichtung der Borsten - nach links oder rechts - wurde dabei zufällig verändert und bei jedem Gebrauch die Wahl des Werkzeugendes, also Borsten- oder Stielseite, und die bearbeitete Körperregion dokumentiert. "Die Kuh verwendete das Werkzeug flexibel und als Mehrzweckwerkzeug. Sie passte dabei die verschiedenen Werkzeugseiten auf die jeweilige Körperregion an, und veränderte auch den Griff mit dem Maul, indem sie den Stiel an unterschiedlichen Stellen aufnahm. Da ist ganz viel Flexibilität dahinter", so Auersperg.
Die Erwartung war, dass Veronika unabhängig davon, wie der Schrubber hingelegt wurde, immer die Bürstenseite verwenden wird. Tatsächlich bevorzugte die Kuh eindeutig das borstige Ende, wenn sie feste, breite Körperregionen wie ihren Rücken kratzte. Um die weicheren Bereiche ihres Unterkörpers, etwa Euter, Bauchhaut oder After zu kratzen, wechselte sie zur Stielseite.
Zur Überraschung der Forschenden griff Veronika nicht einfach das nächstgelegene Ende des Schrubbers und passte Werkzeugende und Technik daran an, welche Körperstelle sie bearbeiten wollte: Für das Kratzen des Rückens führte sie den Besen mit weiten, schwungvollen Bewegungen, für die Nutzung des Stiels im Bauchraum waren die Bewegungen hingegen kontrolliert, vorsichtig und eng fokussiert. "Um ihre Afterregion zu kratzen, nimmt sie den Schrubber ganz nah an der Bürste ins Maul und hebt schon den Schwanz, bevor sie mit dem Stielende überhaupt dort ist - das könnte schon in Richtung Planverhalten gehen", erklärte die Kognitionsbiologin.
Und die Kuh setzte den Schrubber tatsächlich als echtes Mehrzweckwerkzeug ein, sie nutzte verschiedene Teile des Werkzeugs für unterschiedliche Zwecke - ein überaus seltenes Verhalten, das bisher nur bei Schimpansen beobachtet wurde. "Das ist alles schon sehr spektakulär", so Auersperg, für die Veronikas Verhalten zeigt, "wie sehr wir Tiere unterschätzen, bei denen wir bestimmte Fähigkeiten schlicht nicht erwarten, und wie viele Fähigkeiten damit unsichtbar bleiben". Dies gelte besonders bei Tieren, die vor allem unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit betrachtet werden.
Wird also die tierische Intelligenz bei Nutztieren unterschätzt? "Ja", meint die Wissenschafterin: "Im Verhältnis dazu, wie lange wir schon mit Nutztieren interagieren, wie eng wir mit ihnen leben, dafür interessieren wir uns schon auffällig mehr für ihre Produktion als für ihr Verhalten und ihre kognitiven Fähigkeiten." Annahmen über die Intelligenz von Nutztieren seien eher auf Beobachtungslücken als auf echte kognitive Grenzen zurückzuführen.
Die Lebensumstände Veronikas könnten den Forschenden zufolge eine wichtige Rolle bei der Entstehung dieses Verhaltens gespielt haben: Ihre lange Lebensdauer, der tägliche Kontakt mit Menschen und der Zugang zu einer reichhaltigen physischen Landschaft könnten günstige Bedingungen für exploratives und innovatives Verhalten geschaffen haben. "Veronika ist vielleicht eine besondere Erfinderin, aber wir sagen nicht, dass andere Kühe das nicht können", betonte Auersperg. Ihre Recherchen auf Youtube zeigten - zumindest anekdotisch - auch andere Kühe mit ähnlichen Fähigkeiten, etwa bei einer indischen Kuh, die einen anderen Domestikationsprozess hatte.
Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter wollen nun herausfinden, unter welchen Umwelt- und Sozialbedingungen solche Verhaltensweisen bei Nutztieren auftreten können und wie viele ähnliche Fälle möglicherweise unbemerkt geblieben sind. "Da wir vermuten, dass diese Fähigkeit weiter verbreitet ist als derzeit dokumentiert, bitten wir alle, die Rinder beobachtet haben, die Stöcke oder andere Gegenstände für bestimmte Handlungen verwenden, sich mit uns in Verbindung zu setzen", so Osuna-Mascaró.
In ihrer Publikation verweist das Forschungsteam auf die 1982 veröffentlichte Karikatur des US-Zeichners Gary Larson "Cow Tools", die eine Kuh vor seltsam geformten Werkzeugen zeigt. Er meinte damals, sicher zu sein, dass von Kühen hergestellte Werkzeuge "den jämmerlichen Exemplaren in diesem Cartoon ähneln würden". Auersperg dazu: "Veronika stellt zwar kein Werkzeug her, aber sie benutzt es sehr flexibel - vielleicht sollte man den Ausdruck 'dumme Kuh' nochmals überdenken."
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Vetmeduni/Antonio J. Osuna Mascaró/Antonio J. Osuna Mascaró
Ein Wiener Forschungsteam berichtet im Fachblatt "Current Biology" erstmals über den flexiblen, vielseitigen Werkzeuggebrauch einer Kuh: Das Tier aus Kärnten nutzt einen Schrubber als Multifunktionswerkzeug, um sich damit an unterschiedlichen Stellen zu kratzen. ++ACHTUNG SPERRFRIST BIS MO, 19. JÄNNER 2026 17:00 UHR++
