ABO

Ein Viertel der täglichen KI-User schummelt an der Uni

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
++ ARCHIVBILD ++ KI-Schummeln an Unis "weder allgegenwärtig noch vernachlässigbar"
©JAN WOITAS, APA, dpa
Ein Viertel der Studierenden, die täglich generative Künstliche Intelligenz (KI) nutzen, schummelt. Bei jenen, die KI seltener nutzen, sind es sieben Prozent. Das zeigt eine große Studie mit knapp 100.000 Studierenden von US-Unis. KI-unterstütztes Fehlverhalten sei also "weder allgegenwärtig noch vernachlässigbar", schreiben die Autoren im Fachjournal "Science" und plädieren für eine Reform der Leistungsbewertung. Die Zahlen seien auch auf europäische Länder übertragbar.

von

Künstliche Intelligenz (KI) hat Schummeln im Bildungsbereich auf ein neues Niveau gehoben, verlässliche Abschätzungen dazu fehlten bisher aber. Ein Team um Igor Chirikov von der University of California in Berkeley, dem auch Ivan Smirnov vom Complexity Science Hub (CSH) Wien und der Technischen Universität Sydney angehörte, hat nun erstmals belastbare Daten geliefert.

Dazu haben sie 2024 eine große repräsentative Stichprobe von 20 großen öffentlichen forschungsintensiven US-Universitäten befragt. Sie verwendeten dabei eine indirekte Methode, "die darauf ausgelegt ist, sensible Verhaltensweisen zu messen, die Befragte bei einer direkten Befragung möglicherweise nur ungern offenlegen", schreiben die Forscher in der Publikation.

Es zeigte sich, dass die KI-Nutzung unter Studierenden weit verbreitet ist: Zwei Drittel gaben an, im akademischen Jahr 2023/24 KI verwendet zu haben, 37 Prozent nutzten es regelmäßig (monatlich oder öfter).

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede in den Fachrichtungen: So setzten 62 Prozent der Informatikstudenten KI ein, in den Geisteswissenschaften waren es nur 24 Prozent. Weiters wurden soziodemografische Ungleichheiten festgestellt: Studierende mit niedrigen Einkommen, aus ethnisch unterrepräsentierten Gruppen sowie Frauen nutzten KI deutlich seltener.

Aufgrund der Befragung schätzen die Autoren, dass 26 Prozent der täglichen KI-Nutzer bei Prüfungen mithilfe Künstlicher Intelligenz geschummelt haben - deutlich mehr als jene, die solche Modelle nur monatlich nutzen: Da sind es sieben Prozent. Daraus lasse sich ableiten, "dass mit zunehmender Verbreitung von generativer KI das allgemeine Ausmaß des Schummelns noch steigen wird", erklärte Smirnov gegenüber der APA. Für die Autoren deuten diese Ergebnisse darauf hin, "dass KI-unterstütztes Fehlverhalten weder allgegenwärtig noch vernachlässigbar ist".

Das KI-gestützte Schummeln variiert je nach Fachbereich: Als Beispiele mit hohen Raten nennen die Forscher Wirtschaftswissenschaften, wo 17 Prozent der Studierenden mittels KI schummeln, und Journalismus (16 Prozent), während Biologie mit fünf Prozent zu den Fächern mit den niedrigsten Raten gehört.

Auch wenn Smirnov zurückhaltend dabei ist, Ergebnisse zu verallgemeinern, geht der Informatiker und Sozialwissenschafter aufgrund seiner Tätigkeit in fünf europäischen Ländern, darunter Österreich, von "erheblichen Ähnlichkeiten bei den Erfahrungen und Praktiken der Studierenden" in Europa aus. Angesichts der sehr großen Stichprobe aus den USA, einem Land mit äußerst vielfältiger und internationaler Studierendenschaft, und der Verwendung einer indirekten Methode zur Abschätzung von KI-unterstütztem Schummeln, "glaube ich, dass unsere Schätzungen nicht nur für die USA, sondern auch für europäische Länder die besten verfügbaren sind", so Smirnov.

Die Ergebnisse unterstreichen für die Autoren jedenfalls "erhebliche Herausforderungen für die Aufrechterhaltung akademischer Standards", da gängige Bewertungsmethoden zu weniger verlässlichen Indikatoren für die Fähigkeit der Studierenden werden könnten. Die Forscher plädieren dafür, Reformen angesichts unterschiedlicher Lernziele und Bewertungstraditionen auf Ebene der Fachbereiche umzusetzen. Zudem müsse geklärt werden, was in den verschiedenen Bewertungskontexten als akzeptable bzw. inakzeptable KI-Nutzung gelte.

Weiters empfehlen die Autoren, Bewertungen so umzugestalten, dass der Einsatz von KI entweder strukturell durch die Aufgabe eingeschränkt oder gezielt in diese integriert wird. "Wenn Studierende beispielsweise aufgefordert werden, ihren Prozess zu dokumentieren, ihre Entscheidungen zu begründen, KI-Ergebnisse zu kritisieren oder ihr Verständnis durch anschließende Interaktion zu demonstrieren, verlagert sich der Fokus weg vom Endergebnis hin zur zugrunde liegenden Argumentation", schreiben sie. Da KI-Kompetenzen zunehmend auch im beruflichen Kontext gefragt sind, sollten Hochschulen "die Studierenden darauf vorbereiten, diese Werkzeuge verantwortungsbewusst zu nutzen und gleichzeitig glaubwürdige Methoden zur Beurteilung von Fähigkeiten zu bewahren", empfehlen die Autoren.

(SERVICE - Link zur Studie: http://doi.org/10.1126/science.aec5115 )

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER