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In Österreich gab es laut Statistik Austria im vergangenen Schuljahr rund 31.400 Kinder und Jugendliche, denen wegen einer körperlichen oder psychischen Behinderung ein Sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wurde. Das sind im Österreich-Schnitt fünf Prozent der Pflichtschüler (Volks-, Mittel-, Sonder- und Polytechnische Schule). Zusätzliche Ressourcen zur Förderung durch spezielles Lehrmaterial oder Lehrpersonal gibt es im Finanzausgleich allerdings nur für 2,7 Prozent. Mehr als ein Drittel der Kinder mit Behinderung wird derzeit in separaten Sonderschulklassen unterrichtet, in einigen Bundesländern wie Wien oder Niederösterreich ist es die Hälfte.
Jahrzehntelang habe bei der schulischen Inklusion "Stillstand" geherrscht, kritisierte Wiederkehr bei der Enquete. Nun soll "sobald wie möglich" ein Reformpaket im Parlament beschlossen werden. Eltern dürften nicht mehr in eine Bittstellerrolle kommen, wenn Kinder mit Behinderung nach dem 10. Schuljahr freiwillig weiter eine Bildungseinrichtung besuchen wollen, warb Wiederkehr für einen Rechtsanspruch. Bei der Reformpartnerschaft mit Ländern und Gemeinden sollen außerdem klare Verantwortlichkeiten geschaffen werden, damit Eltern behinderter Kinder ohne "Spießrutenlauf" an Unterstützung kommen.
Inklusion sei kein "Nice to have", sondern ein Menschenrecht, wurde bei der Enquete von Wiederkehr wie von den anwesenden Experten betont. Österreich habe sich mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention zu einem Bildungssystem verpflichtet, das auch Menschen mit Behinderung offensteht. Es sei auch keine "Sozialromantik", allen Kindern gute Bildung zu ermöglichen, sondern eine Investition in den gesellschaftlichen Zusammenhalt und "die Fachkräfte von morgen".
Wegen des angespannten Budgets müsse die Regierung bei den Reformen allerdings Prioritäten setzen, betonte der Minister und nannte als drängende Themen etwa österreichweit einheitliche Schulassistenz, multiprofessionelle Teams, Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals, kleinere Klassen für Kinder etwa aus dem Autismusspektrum, und die komplizierte und je nach Bundesland uneinheitliche SPF-Diagnose.
An den Vorarbeiten für die Reform, die das Ministerium nach Ostern begonnen hat, haben Behindertenorganisationen zuletzt bereits scharfe Kritik geübt und ihnen das Prädikat "inklusionshemmend" verpasst. Der Rechtsanspruch auf das 11. und 12. Schuljahr etwa müsse auch für die Sekundarstufe II (Polytechnische-, Berufs-, Berufsbildende mittlere und höhere Schule/BMHS, AHS-Oberstufe) gelten, forderten sie, sonst würden Kinder mit Behinderung nur länger in segregierenden Strukturen bleiben.
"Es kann nicht sein, dass diejenigen, die mehr Förderbedarf haben, weniger Möglichkeit für Bildung haben", betonte Karin Riebenbauer von Inklusion Österreich bei der Protestorganisation vor dem Parlament gegenüber der APA. "Sie haben damit auch keine Chance am ersten Arbeitsmarkt, das ist volkswirtschaftlich dumm."
Gemeinsam mit Lehrergewerkschaftern und anderen Elterninitiativen kritisierte sie vor allem den Mangel an Ressourcen und Personal. Die Folge sei, dass Eltern ihre Kinder schon nach einer Stunde wieder abholen müssen oder Kinder nicht bei Ausflügen teilnehmen können. Weil die Rahmenbedingungen nicht passen und Lehrkräfte und multiprofessionelle Teams fehlen, komme es auch zu mehr Eskalationen und Gewalt und aus der Not zu mehr Suspendierungen, schilderte Pflichtschullehrergewerkschafterin Trixi Hamala (ÖLI-UG). "Wir sind sauer und ausgepowert. Und uns tun die Kinder leid, weil sie oft nicht bekommen, was sie brauchen."
Die Pläne des Ministers gehen für Riebenbauer in die richtige Richtung. "Aber wir brauchen eine klare Positionierung, dass beim Doppelbudget die Mittel in die Inklusion gesteckt werden und nicht weiter in ein Sonderschulsystem." Sie plädierte dafür, alle Schulen zu inklusiven Schulen zu machen, "wie in einem Mehrparteienhaus, wo alle unter einem Dach sind". Settings wie kleinere Klassen für Kinder im Autismusspektrum müssten überall möglich sein, davon würden auch Kinder mit weniger Förderbedarf profitieren.
Elke Larcher, Bildungsexpertin der Arbeiterkammer Wien, verwies bei einer Podiumsdiskussion bei der Enquete auch auf die langfristigen Folgen. Würden Kinder und Jugendliche mit Behinderung separat beschult, setze sich diese Trennung auch am Arbeitsmarkt fort. Würden Kinder und Jugendliche mit Behinderung nicht schon früh individuell gefördert, gehe ganz viel Potenzial verloren, warnte sie.






