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Brock fragt man nicht einfach, wie es ihm geht. Die Antwort ist eine Philosophie für sich: "Ich verfolge die apokalyptische optimistische Haltung, wie sie für Europa individuell wie auch kulturell und theologisch vermittelt ist", sagt der im Jahr 2017 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnete Denker der Deutschen Presse-Agentur. "In meinem Ende liegt mein Anfang."
Die Frage nach dem Ruhestand ist für Brock mehr oder weniger eine Beleidigung: "Jeder, der intelligent ist, hat noch nie an so etwas gedacht, wie sich zur Ruhe zu setzen." Schon zu seinem 85. Geburtstag hatte der Denker mit dem schlohweißen Haar gewarnt: "Alte Leute sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft völlig egal."
"Denk-Artist" wird Brock auch genannt, streitbarer Performance-Philosoph mit Hang zu endlosen Monologen und einer wuchernden Gedankenwelt. Brock gründete zahlreiche Institute, darunter das Institut für Rumorologie/Gerüchteverbreitung, das Labor für Universalpoesie und Prognostik, das Büro für Evidenzkritik und das Pathosinstitut Anderer Zustand. 2014/2015 wurde Brock an der Hochschule der Bildenden Künste Saar zum Honorarprofessor mit dem Lehrgebiet "Prophetie" ernannt - das war einmalig in der deutschen Universitätslandschaft.
Seit 2011 betreibt Brock in Berlin - seiner zweiten Heimat neben dem "Basislager" Wuppertal - die "Denkerei" als "Institut für theoretische Kunst, Universalpoesie und Prognostik" mit dem Schwerpunkt "Arbeit an unlösbaren Problemen". Der intellektuelle Salon hat im Hoftheater Kreuzberg Unterschlupf gefunden.
In Berlin wird auch Brocks 90. Geburtstag gefeiert. Dazu wollen Schauspieler wie Martin Wuttke, Angela Winkler und Fabian Hinrichs "einen erhebenden Radau" präsentieren, heißt es in der Ankündigung. Zum Feiern hat Brock auch seine eigene Meinung: "Die Geburtstagsfeier gilt nicht dem Geburtstagskind, sondern denjenigen, die dem Geburtstagskind das Leben ermöglichen."
Der Vorname Bazon ist übrigens ein Pseudonym des 1936 im pommerschen Stolp geborenen Jürgen Johannes Hermann Brock. Sein Lateinlehrer hatte ihm den aus dem Griechischen stammenden Spitznamen "Schwätzer" verpasst. Die Erfahrung als Kriegskind, die Flucht vor der Roten Armee, Entbehrungen und Bombardements haben Brocks Denken geprägt.
Er studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie - unter anderem bei Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. In den 60er und 70er Jahren gehörte Brock zu den wichtigsten Kunstvermittlern. Er entwickelte die Methode des "Action Teaching", in dem jeder Satz zur Bühne wird. Von 1968 bis 1992 führte er in Kassel die von ihm begründeten Documenta-Besucherschulen und brachte den Menschen Kunst nahe.
Brock hielt, als er jünger war, auf dem Kopf stehend Vorträge und warf seine Schuhe in den Ätna. Schon mit 29 Jahren bekam der gelernte Dramaturg und Doktor der Philosophie eine Ästhetik-Professur in Hamburg. Mit Peter Sloterdijk organisierte Brock "Profi-Bürgerbewegungen" in Karlsruhe, um Bürger und Bürgerinnen als Wähler, Patienten oder Konsumenten zu "professionalisieren". Von 1981 bis zur Emeritierung 2001 hatte Brock die Professur für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität in Wuppertal inne.
Nicht nur Beuys erweiterte den Kunstbegriff. Auch Brock trug in den 60er Jahren maßgeblich zur Öffnung des Kunst- und Ästhetikbegriffs bei - mit Ausführungen etwa zu Wohnstilen, Soziodesign oder Mode. Beuys und Brock veranstalteten auch zusammen Happenings und leisteten so einen wesentlichen Beitrag für die Performance-Kunst.
Wie beschreibt Brock sich selbst? "Ein Mensch mit beispielhafter Geistesgegenwart", sagt er. Und was will er? "Keine ideologische Verblendung, weder links noch rechts, keine märchenhafte Übersteigerung, kein Mystizismus und der ganze Blödsinn. Sondern sagen: Wach sein, das ist alles." In öffentlichen Debatten meldet sich Brock weiterhin zu Wort, etwa zur Documenta 15, die 2022 von einem indonesischen Kollektiv gestaltet und wegen antisemitischer Darstellungen massiv kritisiert wurde. "Wir entsprechen mit dieser Documenta genau der Weltlage", sagte Brock.
Die Aufgabe der Kultur ist für den kantigen Denker: "Die Leute zu befähigen, sich zu entfalten, als wären sie unsterblich. Aber nicht im Sinne der Allmachtswahnsinnigen, der Psychopathen, sondern als wären sie bis zur letzten Stunde ihres Todes im Vollbesitz ihrer Aktionskraft."
Für Brock gibt es eine Verpflichtung zum Optimismus, auch wenn einem das bei der aktuellen Weltlage schwerfalle. "Jeder weiß, dass er einen Tag sterben wird", sagt er. "Er kann aber nicht durch die Gewissheit des Todes überzeugt werden, überhaupt nicht mehr zu leben. Die Gewissheit des Todes ist die Aufforderung anzufangen."
PRODUKTION - 19.05.2026, Berlin: Der deutsche Philosoph und Aktionskünstler Bazon Brock steht auf dem Balkon von seinem Büro in Berlin-Wilmersdorf. Der als Jürgen Johannes Hermann Brock geborene Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung feiert am 02.06.2026 seinen 90. Geburtstag. (zu dpa: «Bazon Brock wird 90: «Wach sein, das ist alles»») Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa +++ dpa-Bildfunk +++






